„Ascendit in mare bestia“ – Kaiser Friedrich II. und Papst Gregor IX.

Diese Hausarbeit habe ich im Sommersemester 2011 im Proseminar „Kaiser und Papst“ bei Dr. Regina Schäfer (Geschichte, Uni Mainz) verfasst.

Einleitung

Kaum eine Persönlichkeit des Mittelalters wurde in so unterschiedlicher Weise charakterisiert wie Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen. Er stelle auf Grund seiner ausgeprägten vielfältigen Interessen für seine Zeitgenossen eine außergewöhnliche Persönlichkeit dar, weshalb die divergierenden Charakterisierungen zustande kamen. War er für seine Bewunderer stupor mundi, betrachteten ihn seine Gegner, im Besonderen die Päpste seiner Herrschaftszeit, als häretischen Herrscher, der ihre Macht behindern wollte.

Die Gegnerschaft der Päpste lag zum einen am universellen Herrschaftsanspruch der Staufer, aber im Besonderen in der vom Papst empfundene „Einkreisung“ des Kirchenstaates nach der Vereinigung von imperium und regnum Siciliewährend der Regentschaft Friedrichs I. Barbarossa, die die Staufer zu personae ingratae der Päpste werden lies. Infolgedessen kooperierten die Päpste mit den kaiserfeindlichen, norditalienischen Städten wie Mantua, Perùgia oder Bologna. Dies bewirkte eine Spaltung Italiens in Guelfen und Ghibellinen

Die Auseinandersetzung von Päpsten mit den Staufern im Allgemeinen soll in dieser Arbeit nicht thematisiert werden. Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach den eschatologisch-mystischen Hintergründen für diesen drastischen Vergleich des Papstes Gregors IX., der Friedrich II. als Antichristen beschreibt. Nachdem Gregor IX. Friedrich II. bereits 1227 exkommuniziert hatte, 1230 aber wieder aufhob, exkommunizierte er Friedrich II. erneut Ostern 1239. Es entbrannte zwischen den beiden Lagern eine heftige Propagandaschlacht. Die Enzyklika „Ascendit in mari bestia“ bildet den Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen.

Diese Quelle, von der nur eine kurze Teilübersetzung ins Deutsche von Heinisch existiert, ist dauerhaft in der historischen Forschung unter verschiedenen Fragestellungen diskutiert worden. Über den eigentlichen Autor der Enzyklika, Rainer von Viterbo, liegt lediglich eine Untersuchung aus 1912.

In meine Arbeit folgt auf eine Charakterisierung des Antichristen die Quellenkritik anhand besagter Enzyklika. Nach dem Kapitel zu der Lehre Joachim von Fiores und der Frömmigkeit Friedrichs II. schließt der Schlussteil diese Darstellung ab.

Der Antichrist in der mittelalterlichen ordo-Vorstellung

Im 13. Jahrhundert vollzogen sich viele grundlegende Veränderungen. Verbesserungen in der Landwirtschaft und neue Anbaumethoden brachten höhere Erträge, das Ausbleiben von Seuchen begünstigte ein rapides Bevölkerungswachstum. Eine zunehmende Stadtflucht bewirkte eine gesellschaftliche Mobilität, die mit Fortschritten in Theologie, Recht, Medizin, Mathematik, Architektur, Dichtung einherging und zu gesellschaftlichen Umbrüchen führte. Auf der anderen Seite galt im Mittelalter die gottgegebene Kontinuität als erstrebenswert. Veränderung und Wandel wurden als Zeichen des Bösen empfunden. Eine Veränderung der Welt wurde mit dem Niedergang der gottgewollten Ordnung, des mittelalterlichen ordo-Gedankens, gleichgesetzt. Jene tiefgreifenden Veränderungen wie sie sich im 13. Jahrhundert vollzogen, konnten nach der zeitgenössischen Vorstellung nur die Vorboten des Antichristen sein.[1]Vgl. Thomsen, „Ein feuriger Herr des Anfangs …“, S. 30.

Der Antichrist galt als Personifizierung der widergöttlichen Kräfte, der die Menschen verführe. Bei seinem Erscheinen solle Christus auferstehen, ihn besiegen und damit auch das Ende der Welt einleiten.[2]Vgl: Manselli, R.: „Antichrist“. In: Lexikon des Mittelalters, Band 1. Darmstadt, 2009. Sp. 703. In den 1200 Jahren bis Friedrich II. wurden sowohl Personen als auch Volksstämme als Antichrist personifiziert und die Vorstellung über den Antichristen änderte sich. Die größte Veränderung kam durch den Zisterzienser-Abt Joachim von Fiore, auf dessen Vorstellungen in einem späteren Kapitel näher eingegangen wird.[3]Ebenda, Sp. 704.

Nach der biblischen Offenbarung sollte zunächst das Nahen des Antichristen durch Kriege und Katastrophen aller Art angekündigt werden und der Vorgänger des Antichristen in Jerusalem seine Krone niederlegen. Dass Friedrich II. durch Verhandlungen mit Sultan Saladin Jerusalem zurückeroberte und sich dort – mangels der Geistlichkeit wegen des Interdikts – selbst zum Herrscher/König von Jerusalem krönte, wurde als Erfüllung jenes Teils der Offenbarung gedeutet.[4]Vgl. Stürner, Friedrich II, S. 474.

Zeitgleich vollzog sich im Hochmittelalter eine Welle eschatologischer Erregung, die ihren Niederschlag beispielsweise in einer zunehmenden Kritik an der Verweltlichung der Kirche fand und in den Bewegungen der so bezeichneten Häretiker wie Waldenser, in den Bettelorden oder der Kreuzzugsbewegung.

Die bekannteste heilsgeschichtliche Auslegung der Bibel geht auf Augustinus zurück. Auf seine Lehre von vier Weltreichen kann hier nicht näher eingegangen werden.[5]Vgl. Thomsen, „Ein feuriger Herr des Anfangs …“, S. 31. Besonders einflussreich waren die im hohen Mittelalter kursierenden endzeitlichen Weissagungen des Zisterzienser-Abtes Joachim von Fiore. Dieser galt schon zu seinen Lebzeiten als warnender und mahnender Prophet.[6]Vgl. Dante Alighieri: Comedia divina, Paradiso, Canto XII, Verse 140-141: “… il calabrese abate Giovacchino / di spirito prefetico dotato”.  Vgl. Auch Pásztor, J[oachim] v[on] Fiore. In: … Continue reading

Quellenkritik: Kaiser Friedrich II. als Antichrist

Die päpstliche Enzyklika „Ascendit in mari bestia“ wurde 1. Juli 1239[7]„Dat- Lat- Kal- Iulii, anno XIII.“ Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 654. von Papst Gregor IX. an alle Fürsten des christlichen Abendlandes versendet. Als Autor gilt Kardinal Rainer von Viterbo. Es ist eine rhetorisch sehr wohl überlegte Propaganda-Schrift mit dem Ziel, den Kaiser zu diffamieren.

Die Enzyklika stützt sich auf die biblische Offenbarung des Johannes und beginnt fast wortwörtlich wie die Offenbarung 13,1. Kaiser Friedrich II. als Bestie dargestellt, die dem Meer entsteigt und damit bildlich als Antichristen.[8]„Ascendit de mari bestia blasphemie plena nominibus, que pedibus ursi et leonis ore deseuiens ac membris formata ceteris sicut pardus, os suum in blasphemias diuini nominis aperit, tabernaculum … Continue reading Der Text führt aus, Friedrich verfolge das Ziel, die Kirche zu zerstören und versuche, dies mit Lügen und Verbrechen zu erreichen.[9]„Ad hec idem mendacii filius, falsitates falsitatibus cumulans, ut quo plura mendaciorum retia orditus fuerit, eo grauioribus se doleat periculis irretitum, de nobis mendaci scriptura pronuntiat … Continue reading In der Enzyklika angesprochene Lästerungen beziehen sich auf ein Gerücht, Friedrich habe Christus, Moses und Mohammed die drei Betrüger des Erdkreises genannt, wobei zwei in Ehre und einer am Kreuz gestorben sei.[10]“Set quia minus bene ab aliquibus credi posset, quod se uerbis non illaqueauerit oris sui, probationes in fidei uictoriam sunt parate, quod iste rex pestilentie a tribus barattatoribus, ut eius … Continue reading Ebenso solle Friedrich sowohl die Binde- und Lösegewalt des Papstes wie auch die jungfräuliche Geburt Christi bestritten haben.[11]Vgl. Stürner, Wolfgang: Friedrich II. 1194 – 1250. Darmstadt 32009. S. 473. Friedrich sei ein hinterlistiger und erbarmungsloser Feind des Christentums und höre es sogar gerne[12]„[…] infirmus fide set sanus corpore, ut securius mentiretur Deo et ecclesiam falleret, omisso promisso passagio in lecto egri diebus aliquibus simulati recubuit ac Terram Sanctam incursibus … Continue reading, Antichrist genannt zu werden[13]„[…] qui gaudet se nominari preambulum Antichristi […]“ Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 653.. Im weiteren Verlauf belegt der Autor Friedrich II. mit biblischen Schreckensnamen wie Drache[14]„[…] per dictum F(redericum) […] quod licet draco iste […]” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 650., Skorpion[15]„[…] et in eam, quam fucatis deliniuit aliquando uerborum fallaciis, uirus effundere caude aculeo more scorpionis incepit […]” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. … Continue reading oder Hammer der Welt[16]“Set iste baculus impiorum, terre malleus uniuerse, conturbare terram, regna concutere et orbem desertum ponere cupiens, libertatem ecclesiasticam in dicto regno Sicilie, in obprobrium seruitutis … Continue reading. Auch die Anklage, Viterbo nicht bis zum Sieg verteidigt zu haben, findet sich in dieser Schrift wieder.[17]“Set forsan maculam opinionis sue hiis credit abolere conuitiis, qua se dura Viterbii moraretur inficiens, a facie hostium ecclesie non uerecundus aufugit, et ad defensionem suorum fidelium, quos … Continue reading

Rainer von Viterbo war nicht von Beginn an Gegner Friedrichs. Er assistierte 1220 als Kardinalbischof seinem Onkel, dem damaligen Papst Innozenz III., bei der Kaiserkrönung Friedrichs.[18]Vgl. Brem, Ernst: Papst Gregor IX. bis zum Beginn seines Pontifikats. Ein biographischer Versuch. Heidelberg, 1911. S. 39 und Westenholz, Rainer von Viterbo, S. 42. Der offene Konflikt begann im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersatzung, bei der es dem Heer Friedrichs nach längeren Kämpfen noch gelang, Rainers Heimatstadt Viterbo vor der revoltierenden römischen Stadtbevölkerung zu retten. Friedrich reiste in einer kritischen Phase der Auseinandersetzung ab und nannte gesundheitliche Beschwerden als Grund für diese verfrühte Abreise. Rainer warf ihm dagegen Flucht vor.[19]Vgl. Westenholz, Rainer von Viterbo, S. 45.

Die Schrecken der Offenbarung und deren als Erfüllungsbeweis aufgeführte Deutung von Friedrich als Antichristen, sollten die Empfänger im Sinne des Papstes von Rainer von Viterbos sensibilisieren und von der Schuld Friedrichs überzeugen.[20]Vgl. ebenda, S. 127. Die Wirkung der Enzyklika muss immens gewesen sein und schürte die Angst vor einem drohenden Weltuntergang.[21]Vgl. ebenda, S. 130.

Die Enzyklika wirkte über das Jahr 1239 hinaus und war die Basis des Konzils von Lyon, das von Gregor IX bereits berufen wurde, aber durch dessen Tod 1241 von seinem Nachfolger Innozenz IV erst 1245 abgehalten wurde.

Dort wurden in Abwesenheit von Friedrichs II. nicht nur die Beschuldigungen wiederholt, sondern auch angebliche kirchenrechtliche Verfehlungen angeprangert. Der Papst sicherte sich die Zustimmung der Kardinäle für die Absetzungsbulle von Friedrich. Hatte Gregor VII. einst den Kaiser förmlich abgesetzt, so entzog Innozenz erstmals einem Gekrönten seine Ämter und Würden. Allerdings lies sich die Absetzung bis zum Tod von Friedrich II. im Jahre 1250 nicht durchsetzen.

Die Lehre Joachims von Fiore

In diesem Kapitel wird speziell auf die im 13. Jahrhundert sehr verbreitete Endzeit-Lehre des Abtes Joachim von Fiore eingegangen. Diese schaffte das Klima für die Angst vor dem Antichristen und dem darauffolgenden Ende der Welt.

Für Joachim von Fiore bestand zwischen im Wortsinn zu fassenden geschichtlichen Begebenheiten des Alten und des Neuen Testaments eine weitgehende völlige Entsprechung (concordia). Deshalb sei es deshalb möglich, durch den Verlauf des Alten Testaments Schlüsse auf das Neue Testament und vor allem dort auf die dortige Offenbarung des Johannes zu ziehen.[22]Vgl. Lerner, Joachim von Fiore. In: TRE, Band XVII, S. 85. Die sieben Verfolgungen der Israeliten im Alten Testament stellt er die sieben Verfolgungen der Christen gegenüber. Durch concordia und dem Neuansatz in der Auslegung der Apokalypse fand Joachim von Fiore unterschiedliche, unabhängige Annahmen über das Jüngste Gericht. Letztendlich kam er zu dem Schluss, dass nach dem Tod des Antichristen unmittelbar vor dem Ende der Zeiten ein Zeit (sabbat) des Friedens und der Vollendung auf Erden stattfinden wird. Dieser Gedankengang führte zu seiner trinitarischen Geschichtsauffassung: Er gliederte die Zeit in drei Weltzeitalter (status) entsprechend der Trinitätslehre.[23]Vgl. ebenda, S. 86. Der erste status dauerte während des Alten Testaments, der zweite von Jesu Geburt bis ins Joachims Zeit. Entsprechend der concordia und der Berechnung, dass zwischen Abraham und Jesus 42 Generationen lebten, müsste auch das zweite status ungefähr im Jahre 1260 enden und das Nahen des Antichristen bevorstehen. Mit Beginn des Jüngsten Gerichts und der Rückkehr Christus‘ sah er den Beginn des dritten Zeitalters; des status‘ des Heiligen Geistes.[24]Vgl. Cohn, Ringen um das tausendjährige Reich, S.96.

Der Gedanke, dass die Heilige Schrift einen verborgenen Sinn enthält, war nicht neu. Neu war, die Interpretation nicht nur für moralische und dogmatische Zwecke zu gebrauchen, sondern auch als Hilfsmittel zum Verständnis der Geschichte und zu Prognosen der künftigen Entwicklung zu verwenden. Joachim von Fiore verband Ereignisse der Bibel mit aktuellen Ereignissen.[25]Vgl. ebenda, S.94.Hier lässt sich eine Verbindung zu Papst Gregor IX. herstellen, der in seiner hier behandelten Enzyklika ebenfalls das Bibelereignis des erscheinenden Antichristen mit der Person Friedrichs II. gleichsetzte.

Bis zum Erscheinen des Antichristen sollte ein neuer Mönchsorden[26]Franziskanerorden sah sich als den Mönchsorden an, der das Evangelium in aller Welt verkünden soll. Er stand im Propagandakampf gegen Friedrich II. auf der Seite des Papstes. das neue Evangelium in aller Welt verkünden. Aus diesem Orden sollten zwölf Patriarchen in Erscheinung treten, die die Juden bekehren und ein dux novus erscheinen.

Joachim von Fiore vertrat die neuartige Auffassung von zwei aufeinander folgenden Antichristen: Einen mystischen Antichristen, z. B. als König oder Papst, und darauffolgend den eigentlichen Antichristen. Dreieinhalb Jahre vor dem Jüngsten Gericht sollte der erste Antichrist in Person eines weltlichen Königs die verweltlichte Kirche züchtigen, in ihrer gegenwärtigen Form vernichten und seine Herrschaft ausüben. Dann sollte der wirkliche Antichrist erscheinen. Nach dem Sturz dieses Antichristen sollte das Zeitalter des Heiligen Geistes beginnen.[27]Vgl. Cohn, Ringen um das tausendjährige Reich, S. 96.

Die Frömmigkeit Friedrichs II.

Für die Zeit während des Mittelalters ist es wichtig, zwischen persönlicher Frömmigkeit und Kirchenpolitik zu trennen, weil die Kurie im Mittelalter nicht nur religiöse, sondern auch wirtschaftliche und politische Macht war.[28]Vgl. Schaller, Frömmigkeit Kaiser Friedrichs II, S. 128. Obwohl die Staufer waren ein stark gläubiges, christliches Herrschergeschlecht[29]Vgl. ebenda, S. 129., kam es immer wieder aus machtpolitischen Gründen zu schriftlichen und militärischen Auseinandersetzungen.

Friedrich selbst förderte viele Klöster und Kirchen und beteuerte auffallend oft und stark seine Frömmigkeit.[30]Vgl. ebenda, S. 132. Er erhörte vor allem Bitten von denjenigen, die in Armut leben, irdischen Besitz verachten und darauf bedacht waren, himmlische Güter zu erwerben. Ebenso stellte er den Vorrang des Almosengebets gegenüber allen anderen Tugenden heraus. Bloße Frömmigkeit genüge ihm nicht, wenn sie nicht durch Nächstenliebe befestigt werde.[31]Vgl. ebenda, S. 129. Besondere Gunst des Kaisers hatte Friedrich nach Schaller für einen Ableger des Zisterzienserordens[32]Als Friedrich starb ließ er sich zum Empfang der Sterbesakramente die Kutte der Zisterzienser anziehen. Siehe Möhring, Weltkaiser der Endzeit, S. 214., den seine Eltern reich ausgestattet haben: San Giovanni in Fiore in Kalabrien, das Gründungskloster Joachim von Fiore. Friedrich förderte dieses Kloster wie kein anderes, da es seine Ideale vertrat: Weltabgewandtheit, Armut, Feldarbeit, Gebet, Kontemplation.[33]Vgl. Schaller, Frömmigkeit Kaiser Friedrichs II, S. 135. 1220 bestätigte er wiederum alle Privilegien, die schon seine Eltern der Abtei vermacht hatten.[34]Vgl. Grundmann, Joachim von Fiore, S. 221.

Friedrichs Frömmigkeits-Gedanken galten dem Kreuzzug, der Armutsidee und dem Endzeit-Glauben, die für ihn eng zusammengehörten:[35]Vgl. Schaller, Frömmigkeit Kaiser Friedrichs II, S. 135. Der Kreuzzugsgedanke hatte immer eine eschatologische Komponente: Wiederkunft Christi nach Sieg über den Antichristen mit Hilfe der freiwillig Armen.[36]Vgl. ebenda, S. 141. Ob sich Friedrich und Joachim von Fiore kennen gelernt haben, ist nicht bekannt. Friedrich war bei Joachims Tod noch ein kleines Kind.[37]Vgl. Grundmann, Joachim von Fiore, S. 220. Herbert Grundmann vermutet, dass Abt Joachim von Fiore 1198 anlässlich der Erneuerung der Privilegien von Kaiser Heinrich VI. an die Abtei San Giovanni in Fiore durch Konstanze den kleinen König Friedrich gesehen haben könnte. Friedrich selbst wird aber unweigerlich durch Erzählungen von Abt Joachim gehört haben.[38]Vgl. ebenda, S. 221.

Friedrich selbst sah sich weder als Endkaiser noch als Antichristen, sondern als novus dux oder novus rex im Sinne eines Erneuerers des Christentums vor der Ankunft des Antichristen.[39]Vgl. Thomsen, „Ein feuriger Herr des Anfangs …“, S. 43. In einem Schreiben an seine Geburtsstadt Jesi bezeichnete er diese als zweites Bethlehem, weil aus ihr der dux, der princeps des römischen Reiches, hervorgegangen sei. Offensichtlich sah er sich selbst als jenen novus dux.[40]Vgl. Möhring, Weltkaiser der Endzeit, S. 210. Und als Friedrich II. im Januar 1240 nach Rom zog, rief er die Einwohner Viterbos auf „Bereitet den Weg dem Herrn! Machet gerade seine Pfade!“[41]Vgl. die Bibelstellen Matth 3,3; Mar 1,3; Luk 3,4; Joh 1,23..[42]Vgl. Möhring, Weltkaiser der Endzeit, S. 210.

Schluss

Friedrich und Gregor konnten durch den harten Propagandastil gegeneinander kein offenes Einlenken erlauben, ohne einen gefährlichen Verlust an Glaubwürdigkeit und Rückhalt ihrer emotionalisierten Anhängerschaft zu riskieren. Die Unsicherheit der Zeitgenossen war sogar so groß, dass viele in der Todesmeldung des Kaisers ein vom Papst verbreitetes Gerücht vermuteten.

Auch die Nachfolger von Gregor IX führten dessen Politik weiter.

Gregor und Friedrich waren Kinder ihrer Zeit. Die Vorstellungen Joachim von Fiores waren in der damaligen Zeit allgegenwärtig. Die Gesellschaft war durchdrungen von dem Glauben an die bevorstehende Endzeit und gleichzeitig von der Angst des drohenden Weltuntergangs und dem Jüngsten Gericht gepeinigt.

Es ist möglich, dass der Papst und Viterbo diese Stimmung geschickt für ihre eigenen Pläne nutzten. Man kann aber auch annehmen, dass auch die Kurie in dem Glauben an die Endzeit lebte und in Friedrich durchaus einen Feind der wahren christlichen Lehre sah. Die vielen mit Waffen ausgetragenen Kämpfe gegen den Papst und seine Verbündeten taten ihr übriges.

Trotz aller Endzeitstimmung fanden in diesen Jahren unter der Herrschaft der Staufer wichtige Weichenstellungen für eine Erstarkung der kirchlichen Macht statt. Gregor IX und seine Nachfolger waren versierte Kirchenrechtler und geschickte Verfechter eigener Machtinteressen. Was bei Friedrich I. noch als gottgegebene Macht des Kaisers galt, hatte unter Friedrich II. keinen Bestand mehr. Die Trennung von Kirche und Staat war vollzogen.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

  • Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 646ff.
  • Heinisch, Klaus J.: Kaiser Friedrich II. in Briefen und Berichten seiner Zeit. Darmstadt 1968.

Literaturverzeichnis

  • Brem, Ernst: Papst Gregor IX. bis zum Beginn seines Pontifikats. Ein biographischer Versuch (= Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte 32). Heidelberg 1911.
  • Cohn, Norman: Das Ringen um das tausendjährige Reich. Revolutionärer Messianismus im Mittelalter und sein Fortleben in den modernen totalitären Bewegungen. Bern 1961.
  • Grundmann, Herbert: Studien über Joachim von Fiore. Darmstadt 1966.
  • Lerner, Robert R.: Joachim von Fiore. In: Theologische Realenzyklopädie, Band XXVI. Berlin/New York 1988.
  • Manselli, R: Antichrist. In: Lexikon des Mittelalters. Darmstadt, 2009. Sp. 703 – 705.
  • Möhring, Hannes: Der Weltkaiser der Endzeit. Entstehung, Wandel und Wirkung einer tausendjährigen Weissagung. Stuttgart 2000.
  • Pásztor, E.: J[oachim] v[on] Fiore. In: Lexikon des Mittelalters, Band 5. Darmstadt 2009. Sp. 485 – 487.
  • Schaller, Hans Martin: Die Frömmigkeit Kaiser Friedrichs II. In: Gesellschaft für staufische Geschichte e. V. (Hg.): Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst, Band 15. Göppingen 1996.
  • Sommerlechner, Andrea: Stupor mundi? Kaiser Friedrich II. und die mittelalterliche Geschichtsschreibung. Wien 1999.
  • Stürner, Wolfgang: Friedrich II. 1194 – 1250. Darmstadt 3 2009.
  • Thomsen, Marcus: „Ein feuriger Herr des Anfangs …“. Kaiser Friedrich II.- in der Auffassung der Nachwelt (= Kieler historische Studien 42). Ostfildern 2005.
  • Töpfer, Bernhard: Das kommende Reich des Friedens. Zur Entwicklung chiliastischer Zukunftshoffnungen im Hochmittelalter ( = Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte, Band 11). Berlin 1964.
  • Westenholz, Elisabeth von: Kardinal Rainer von Viterbo (= Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte). Heidelberg 1912.

Fußnoten

Fußnoten
1 Vgl. Thomsen, „Ein feuriger Herr des Anfangs …“, S. 30.
2 Vgl: Manselli, R.: „Antichrist“. In: Lexikon des Mittelalters, Band 1. Darmstadt, 2009. Sp. 703.
3 Ebenda, Sp. 704.
4 Vgl. Stürner, Friedrich II, S. 474.
5 Vgl. Thomsen, „Ein feuriger Herr des Anfangs …“, S. 31.
6 Vgl. Dante Alighieri: Comedia divina, Paradiso, Canto XII, Verse 140-141: “… il calabrese abate Giovacchino / di spirito prefetico dotato”.  Vgl. Auch Pásztor, J[oachim] v[on] Fiore. In: Lexikon des Mittelalters, Band 5, Sp. 486.
7 „Dat- Lat- Kal- Iulii, anno XIII.“ Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 654.
8 „Ascendit de mari bestia blasphemie plena nominibus, que pedibus ursi et leonis ore deseuiens ac membris formata ceteris sicut pardus, os suum in blasphemias diuini nominis aperit, tabernaculum eius et sanctos qui in celis habitant similibus impetere iaculis non omittit. (…) caput, medium et finem huius bestie Fr. Dicti imperatoris diligenter inspicite”. Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 646. Vgl. mit den Bibelstellen Offb13,1, Offb 13,2 und Offb 13,4.
9 „Ad hec idem mendacii filius, falsitates falsitatibus cumulans, ut quo plura mendaciorum retia orditus fuerit, eo grauioribus se doleat periculis irretitum, de nobis mendaci scriptura pronuntiat […].” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 648.
10 “Set quia minus bene ab aliquibus credi posset, quod se uerbis non illaqueauerit oris sui, probationes in fidei uictoriam sunt parate, quod iste rex pestilentie a tribus barattatoribus, ut eius uerbis utamur, scilicet Christo Iesu, Moyse et Machometo, totum mundum fuisse deceptum, et duobus eorum in gloria mortuis, ipsum Iesum in ligno suspensum manifeste proponens, insuper dilucida uote affirmare uel potius mentiri presumpsit, quod omnes illi sunt fatui, qui credunt nasci de uirgine Deum, qui creauit naturam et omnia, potuisse; hanc heresim illo errore confirmans, quod, nullus nasci potuit, cuius conceptum uiri et mulieris coniunctio non precessit, et homo nichil debet aliud credere, nisi quod potest ui et ratione nature probare.” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 653ff.
11 Vgl. Stürner, Wolfgang: Friedrich II. 1194 – 1250. Darmstadt 32009. S. 473.
12 „[…] infirmus fide set sanus corpore, ut securius mentiretur Deo et ecclesiam falleret, omisso promisso passagio in lecto egri diebus aliquibus simulati recubuit ac Terram Sanctam incursibus hostium Christi exponere minime dubitauit, ex eo nulle dolore perculsus, quod ibi clare memorie Turingie langrauius, utinam non ueneni poculo, sicut mundus clamat ! extitit interemptus.” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 647.
13 „[…] qui gaudet se nominari preambulum Antichristi […]“ Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 653.
14 „[…] per dictum F(redericum) […] quod licet draco iste […]” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 650.
15 „[…] et in eam, quam fucatis deliniuit aliquando uerborum fallaciis, uirus effundere caude aculeo more scorpionis incepit […]” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 647.
16 “Set iste baculus impiorum, terre malleus uniuerse, conturbare terram, regna concutere et orbem desertum ponere cupiens, libertatem ecclesiasticam in dicto regno Sicilie, in obprobrium seruitutis extreme deducens, et ecclesias […]” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 651.
17 “Set forsan maculam opinionis sue hiis credit abolere conuitiis, qua se dura Viterbii moraretur inficiens, a facie hostium ecclesie non uerecundus aufugit, et ad defensionem suorum fidelium, quos ipsius hostes in oculis eius obsederant, et obsessorum terram nullo prohibente uastarant, affirmans suum per nos ad illos interdici progressum, imperialis honoris prodigus, set timore prohibitus non accessit; ex eo innocentiam nostram accusans, quod ad euitanda huiusmodi guerrarum dispendia nuntium a latere nostro non misimus.” Zit. nach: Monumenta Germaniae Historica, Epp. Saec. XIII, 1. S. 649.
18 Vgl. Brem, Ernst: Papst Gregor IX. bis zum Beginn seines Pontifikats. Ein biographischer Versuch. Heidelberg, 1911. S. 39 und Westenholz, Rainer von Viterbo, S. 42.
19 Vgl. Westenholz, Rainer von Viterbo, S. 45.
20 Vgl. ebenda, S. 127.
21 Vgl. ebenda, S. 130.
22 Vgl. Lerner, Joachim von Fiore. In: TRE, Band XVII, S. 85.
23 Vgl. ebenda, S. 86.
24 Vgl. Cohn, Ringen um das tausendjährige Reich, S.96.
25 Vgl. ebenda, S.94.
26 Franziskanerorden sah sich als den Mönchsorden an, der das Evangelium in aller Welt verkünden soll. Er stand im Propagandakampf gegen Friedrich II. auf der Seite des Papstes.
27 Vgl. Cohn, Ringen um das tausendjährige Reich, S. 96.
28 Vgl. Schaller, Frömmigkeit Kaiser Friedrichs II, S. 128.
29, 31 Vgl. ebenda, S. 129.
30 Vgl. ebenda, S. 132.
32 Als Friedrich starb ließ er sich zum Empfang der Sterbesakramente die Kutte der Zisterzienser anziehen. Siehe Möhring, Weltkaiser der Endzeit, S. 214.
33, 35 Vgl. Schaller, Frömmigkeit Kaiser Friedrichs II, S. 135.
34 Vgl. Grundmann, Joachim von Fiore, S. 221.
36 Vgl. ebenda, S. 141.
37 Vgl. Grundmann, Joachim von Fiore, S. 220.
38 Vgl. ebenda, S. 221.
39 Vgl. Thomsen, „Ein feuriger Herr des Anfangs …“, S. 43.
40, 42 Vgl. Möhring, Weltkaiser der Endzeit, S. 210.
41 Vgl. die Bibelstellen Matth 3,3; Mar 1,3; Luk 3,4; Joh 1,23.