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  • Die European Super League: Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich

    Die European Super League: Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich

    Ein Alleingang im Fußball, der jedoch genauso schnell in sich zusammenfällt, wie er startete. Was auf die 60-stündige Super League passt, ist nichts Neues, sondern ein altes Schema.

    Auch im Fußball gilt: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Weder 2021 die European Super League –noch 1920 die Gründung des ersten deutschen Profivereins, auf die der DFB mit einer Machtdemonstration reagierte, indem er allen involvierten Spielern und Vereinen mit Sperren drohte. Der Verband wollte den Amateurstatus für den Fußball über alle Ligen erhalten. Die Drohgebärde funktionierte. Nur wenige Fans besuchten die beiden einzigen Spiele des 1. Deutschen Berufs-Fußball-Club Berlin und der Hauptinitiator, Otto Eidinger, ging bankrott.

    Der DFB als Bewahrer des guten, alten Fußballs

    Vor 101 Jahren begann der Fußball in Deutschland so richtig zu boomen und Geld in die Kassen der Verbände und Vereinsbesitzer zu spülen. Die Spieler wollten ihren Anteil daran erhalten, doch der DFB erneuerte in den 1920er Jahren mehrfach sein Amateurstatut: Ja zum Fußball, nein zur Bezahlung. Dabei war eine Entlohnung der Spielerstars bereits vor dem 1. Weltkrieg bei den damaligen Topclubs gang und gäbe, wenngleich nur unter der Hand: Geld, Prämien, angenehme Jobs oder das Bereitstellen einer möblierten Wohnung waren die üblichen Entlohnungen, mit denen die Spieler ihren Arbeits- und damit Lohnausfall in ihrem Beruf kompensieren konnten.

    Dennoch war auch schon in den 1910er Jahren offensichtlich, dass er Fußball wirtschaftsgetrieben war. Das steigende Interesse an dem Sport führte zu ebenso steigenden Erwartungen. Für deren Erfüllung waren sowohl ein besseres Training wie auch bessere Spieler notwendig – und damit mehr Geld, das über Zuschauer*innen-Einnahmen gedeckt werden sollte. Je erfolgreicher der Verein, desto mehr Zuschauer*innen, aber für den Erfolg brauchte es immer besser ausgebildete Spieler.

    Zwischen Dominanz und Einlenken

    So, wie die European Super League nun nur aufgehalten wurde, aber nicht gestorben ist, war die Entwicklung auch vor etwa 100 Jahren in Deutschland: Es gab einige Top-Clubs in den Landesligen, deren Bestplatzierte zu Saisonende in Play-off-Spielen den Deutschen Meister unter sich ermittelten.

    Clubs wie der Hamburger SV, FC Nürnberg sowie der FC Bayern und FC Schalke 04 kritisierten die sportpolitische Vereinnahmung des Fußballs durch den DFB: Es sei offensichtlich, dass der Fußball nicht mehr nur zur Körperertüchtigung für potentielle Soldaten diene, sondern auch der Unterhaltung der breiten Bevölkerung. Doch der DFB blieb bei seiner Linie und ließ ab Februar 1925 die Vereine und Spieler noch stärker kontrollieren. Eine Konsequenz war, dass das Nationalteam in diesem Jahr kein Spiel mehr bestreiten konnte, weil den Spielern die Zeit zum Trainieren fehlte und eine Entschädigung der Trainingszeit dem DFB-Amateurstatut widersprach.

    Im Jahr 1930 kam es in Gelsenkirchen wie bereits 1885 im englischen Preston: Der DFB führte ein Exempel durch, erklärte 14 Schalke-Spieler aufgrund ihrer erhaltenen Entlohnung zu Berufsspielern und sperrte sie. Doch diesmal ließ auch die Gegenseite ihre Muskeln spielen und zeigte diverse weitere verdeckte Berufsspieler bei anderen Vereinen an. Die anderen Vereine reagierten aber nicht brüskiert, sondern solidarisierten sich mit dem FC Schalke 04. Der DFB fürchtete einen Machtverlust und hob die Sperren auf.

    Zeichen für ein Umdenken beim Verband? Nein, im Gegenteil. Denn nach seinem kurzen Einlenken erklärte der DFB dem Berufsfußball eine erneute Absage. Offenbar wähnte er sich als Tonangeber und rechnete nicht damit, was im Oktober 1930 geschehen sollte und was wiederum an den April 2021 erinnert: Es gab ein Treffen mehrerer großer deutscher Vereine, an dessen Ende die Einigung auf die deutsche Professionalismus-Reichsliga stand. Doch entgegen der Entwicklungen der Super League folgten mehrere Monate voller Diskussionen rund um Macht und Wirtschaftskraft. Am Ende stand eine vom DFB gesteuerte Reform, die die Vereine zum Einlenken brachte.

    Ein Blick in die Glaskugel

    Was bedeutet das nun für die Super League? Die Geister, die der Fußball durch seine Beliebtheit rief, wird er nicht los. Die Spirale des modernen Fußballs wird sich immer weiterdrehen. Das schnelle Ende der Super League zeigt aber auch den Einfluss der Fans und Fanorganisationen, nicht zuletzt über die sozialen Medien: Wir können zwar nicht ihre Drehbewegung aufhalten, denn für zu viele ist Fußball tatsächlich nur ein Entertainment. Aber die Geschwindigkeit der Drehbewegung lässt sich verlangsamen – so wie gerade geschehen.

    Ein Zitat, das Mark Twain in den Mund gelegt wird, lautet: Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich. Das trifft auch immer wieder auf dieses Prozedere im Fußball zu.

    Und die Geschichte zeigt: Ereignisse wie die Super League sind nicht neu und die Zukunft lässt sich nicht aufhalten, aber wir können sie gestalten.

  • Die Quintessenz des Spieles

    Die Quintessenz des Spieles

    Am 19. Februar 1899 machte die Wiener Allgemeine Sport-Zeitung bekannt((Vgl. NN: Die Oxforder Mannschaft in Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 19.02.1899. S. 192. Letzter Zugriff: 04.03.2018.)), dass der Oxford University Association Football Club zu Spielen in Prag und Wien über die Ostertage nach Österreich reiste. Einem damals sehr erfolgreichen Club der Football Association, der als Universitätsverein nun in der Liga der Fußballmannschaften von britischen Universitäten und Colleges der Midlands-Region (um Birmingham), spielt. Die Spiele gegen den Deutschen Fußballclub und Slavia (beide Prag) fanden Ende März statt, die Spiele in Wien Anfang April. Der Artikel stellt außerdem die Mannschaft des Oxford University AFC mit vorherig besuchtem College, Größe, Gewicht, Position und weiteren Sportarten, die sie betrieben, vor.

    Die Spiele fanden in Wien gegen den Wiener Athletiksport-Club statt und zwar gegen eine Mannschaft mit Österreichern und Engländern (“gemischte Mannschaft”) und eine Mannschaft mit nur Österreichern (“deutsche Mannschaft”). Die “deutsche Mannschaft” bestand dabei aus drei Spielern der “gemischten” Startelf ,drei genannten Ersatzspielern und fünf weiteren, die für das Spiel der “gemischten Mannschaft” nicht berücksichtigt wurden. Um 15:30 Uhr wurde am 2. April und 3. April die Spiele im Prater (heute Ernst-Happel-Stadion) statt.((Vgl. NN: Die Oxford-Mannschaft in Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 02.04.1899. S. 352. Letzter Zugriff: 04.03.2018.))

    Die den Spielen nachfolgende Berichterstattung über die Spiele blühte vor Begeisterung für das englische Kombinationsspiel, das für alle Zuschauer und auch nicht englischen Spieler des Athletiksport-Clubs schier unwirklich angemutet haben.((Vgl. H., J.: Der Fussballkampf – Oxford – Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 09.04.1899. S. 386. Letzter Zugriff: 04.03.2018.))

    “[…] Die Oxforder glänzten durch ihre universelle Einzelausbildung, die sich harmonisch in den Rahmen der Gesammtheit fügte und ein Zusammenspiel ermöglichte, das zur Bewunderung hinreissen musste. Man stand vor etwas Neuem, Ungeahntem. Diese Balltechnik, diese feine Taktik – das Resultat wohldurchdachter und blitzschnell ausgeführter Combination – hat man auf dem Continent noch nicht geschaut; es war einfach possirlich mitanzusehen, mir welche Verblüffung die Unserigen in der Zeit von zwei Minuten drei Bälle der Oxforder in’s eigene Netz fliegen sahen, ohne diesen ernstlich Widerstand entgegensetzen zu können! […] Die Spielweise der Oxforder war schlechtweg fascinirend. Jener deutsche Professor, der im vorigen Jahre unter dem Titel ‚Fußlümmelei’ eine geharnischte Kampfbroschüre gegen das ‚brutale’ Fussballspiel losgelassen, hat sicher Oxforder Studenten nie spielen gesehen! Was er zu Gesicht bekommen, kann nur deutsche Verballhornung gewesen sein, die sich – auch bei uns – bisher darin gefallen hat, den Ball mit kräftigen Fusstritten in riesigem Bogen über die halbe Bahn zu schleudern. Derlei hat man aber hier von den Oxfordern nicht zu Gesicht bekommen, und es ward uns offenbar, dass dem ‚derben Tritt’ beim Fussballspiele nicht entfernt die Rolle zufällt, die man ihm bislang auf dem Continent beigemessen. Jeder Zeuge des Oxforder Spieles wird bekennen, dass die Aesthetik bei demselben wahrlich nicht zu kurz gekommen.

    Schon die ersten Evolutionen liessen keinen Zweifel aufkommen, dass die Engländer zum Unterschiede von der gänzlich ungeregelten auf den Zufall und die Geschicklichkeit des Einzelnen basirten Spielweise der Wiener – nach einem festen, wohlüberdachten System vorgingen, in dem Alles Berechnung ist, auch nicht der kleinste Schritt dem blinden Ungefähr überlassen bleibt. Was uns die Engländer vor Allem lehren, war, dass der Ball nicht geschleudert, sondern gerollt werden muss. Das ist sozusagen die Quintessenz des Spieles. Beim Anstosse trachtet Einer in den Besitz des Balles zu gelangen. Ist dies geschehen, so nimmt das gesammte englische Feld den Ball auf’s Korn und postirt sich derart geschickt, dass man den Eindruck einer Cernirunglinie[!] [= Belagerungslinie] empfängt. Der Ball rollt gemüthlich für einige Secunden flach den Boden entlang, nicht selten durch die Beine der gegnerischen Leute, die mit ihren weitausholenden Tritten und Stössen in der Regel ihr Ziel verfehlen. Hat der rollende Ball, wie beabsichtigt, eine grössere Gruppe der Gegner angelockt, so werden diese alsbald gewahr, dass sie in die Falle gelockt worden. Denn ehe sie sich’s versehen, ist der Ball blitzschnell nach rechts oder links abgegeben worden, rollt meist unangefochten, von Mann zu Mann wandernd, ganz aussen, und schon sieht man auch, wie die Engländer den Ball decken, indem ihrer Drei, Vier den rollenden Ball cerniren [= einschließen, umgeben, blockieren]. Meist nimmt einer derselben ihm den Ball ab, ein scharfer ‚Schuss’ und der Ball fliegt unaufhaltbar an dem verdutzten Thorwächter vorbei in das Thor. Das ‚Abgeben’ des Balles ist ein wichtiger Punkt in dem taktischen Spielplane der Engländer. In der Mehrzahl der Fälle stellt dasselbe eine Finte dar, bestimmt, den Gegner in Bezug auf die Angriffsrichtung zu täuschen.

    Suchten die Wiener, wie erwähnt, ihre Hauptstärke darin, den Ball in schwunghaftem Bogen zu befördern, was den Gegnern umso willkommener war, als sie in diesem Falle den Ball am besten beobachten konnten, so trachteten die Engländer wieder, wenn irgend möglich[,] den fliegenden Ball durch Auffangen geschieht mit dem ganzen Körper. Die Hände natürlich ausgenommen, mit dem Kopfe, den Schultern, dem Rücken etc., und das bekannte Rollspiel nimmt seinen Fortgang. Das Kopfspiel, das bei den Unserigen übrigens auch Wagner und Nicholson mit grosser Geschicklichkeit producirten, wird bei den Oxfordern mit bewundernswerther Technik ausgeführt. Gelang es den Wienern, den rollenden Ball zu erobern, und war derselbe von diesen mit der üblichen Vehemenz – aber zumeist leider ganz wahllos in der Zielrichtung – in das gegnerische Feld gelangt, so hatten die Oxforder wieder Gelegenheit, ihre hochentwickelte Lauftechnik zu bethätigen. In wunderbaren flachen Sprüngen kamen sie hinterher, tauchten sie, wie aus dem Erdboden gewachsen, an den gefährdeten Punkten auf, zwei, drei vier Blau-[W]eisse gegen einen Wiener, so dass man wiederholt den Eindruck hatte, die englische Mannschaft sei doppelt so zahlreich als der Gegner! Unter den Läufern zeichnete sich namentlich der mit grossartigen Wadenmuskeln ausgestattete Jameson aus, mit dem Schritt zu halten keinem der Wiener gelang.

    Die denkbar undankbarste Rolle fiel den Wienern des ersten Tages zu. Sie sollten die Feuerprobe gegen die gefürchteten Oxforder bestehen. Der Mangel jedes Zusammenspiels gab sie jenen völlig in die Hände, und wenn auch Wagner und Mollisch mit Todesverachtung arbeiteten, so waren es immer nur Kräftezersplitterungen gegenüber der geschlossenen englischen Phalanx. In dieser zeigte sich insbesondere G. C. Vassal, der neben A. M. Hollins die meisten Bälle erzielte, in seiner ganzen Grösse. Die ‚gemischte’ Mannschaft des zweiten Tages hatte schon Manches den Oxfordern abgeguckt, und man konnte dann und wann Contouren eines Zusammenspiels wahrnehmen. Wieder waren es Wagner, der unermüdliche Nicholson, Gramlick und Windett, die retteten, was zu retten war, und auch Mollisch wehrte so manchen Ball erfolgreich von seinem Thore ab. Shires war der Einzige, der den Ball überhaupt in das Oxforder Thor brachte, doch zählte der Erfolg leider nicht, da der Ball von ausserhalb des Feldes abgeschossen worden war. Russel, der englische Thorwächter, bekam auch einige Male zu thun, und er konnte seine Geschicklichkeit beweisen, indem er sogar auch in beträchtlicher Entfernung von seinem Thore den Ball unschädlich zu machen wusste.

    Exempla trahunt – heisst es für gewöhnlich. Der erste Gedanke, den die Herren vom Athletiksport-Club unter dem frischen Eindrucke der empfangenen Schlappe geäussert haben sollen, war der, schleunigst einen englischen Trainer zu engagiren. Ein lobenswerther Gedanke! Freilich wird es der Trainer allein nicht machen. Die Sache liegt tiefer. In England bildet die athletische Ausbildung der Jugend einen Hauptfactor der Erziehung, nicht so bei uns. Was dort auf denkbar breitester Basis seit vielen, vielen Generationen gehegt und gepflegt wird, das ist hierzulande unsystematisches Stückwerk. Das Wiener Comité zur Veranstaltung von Fussballwettspielen, das es sich zur Aufgabe gemacht har, diese klaffende Lücke ein wenig auszufüllen, hat sich, indem es unter ansehnlichem pecuniären Risico den Besuch der englischen Mannschaft in unserer Stadt herbeiführte, den Dank jedes Wieners erworben, der die erzieherische Rolle des Sports in körperlicher und moralischer Hinsicht erfasst.

    Zu dem Wettkampfe hatte sich eine bemerkenswerth zahlreiche Zuschauerschaft, darunter so mancher hochgeborene Vertreter der oberen Zehntausend, eingefunden, und der lebhafte Applaus wie insbesondere die urwüchsigen Beifallsausbrüche der anwesenden ‚goldenen’ Jugend bewiesen deutlich, dass das Verständniss[!] für den Sport heute bei uns doch schon im Wachsen ist.”

    (H., J.: Der Fussballkampf – Oxford – Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 09.04.1899. S. 386. Letzter Zugriff: 04.03.2018.)

    “Was dort auf denkbar breitester Basis seit vielen, vielen Generationen gehegt und gepflegt wird, das ist hierzulande unsystematisches Stückwerk.”, gut, “viele, viele Generationen” lässt längere Zeit als vierzig bis siebzig Jahre (Rugby) vermuten. Denn in den meisten public schools wurden erst Ende der 1840er und in den 1850er Jahren Fußballvereine gegründet. Der hier genannte Verein aus Oxford gab es erst seit 28 Jahren.

    Neun Jahre später

    Neun Jahre später blickte ein Dr. Frey auf dieses Spiel zurück, das entscheidend für das Fußballspiel in Wien war.((Vgl. Frey, NN: Modernes Fussballspiel. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 31.10.1908. S. 1374.)) Er stellte fest, dass Wiener Fußballvereine mittlerweile das Kombinationsspiel erlernt haben, aber noch nicht alle Elemente des englischen Kombinationsspiels pflegen, so das Zusammenspiel von Verteidigern, Mittelfeld und Angriff.

    “Das Jahr 1899 bedeutete für die Entwicklung des kontinentalen Fußballsports einen richtigen Wendepunkt. Zum ersten Male trat eine englische Mannschaft die Oxonians unseren einheimischen [österreichischen] Spielern entgegen. Sie hinterließ ‚blutige’ Spuren. Die Treffer fielen in Masse. Spielend durchbrachen die Oxforder Stürmer die Reihen der Unseren und geradezu verblüffend war es, wie leicht sie dahin schwebten, während die Unseren sich im Schweiße des Angesichtes abmühten.

    Bald hatte man die Ursache ihres Erfolges heraus. Kombination ward das Schlagwort aller Fußballer. Das Training, bisher bloßer Zeitvertreib, wurde etwas systematischer. Hier übte sich einer darin, den Ball vor sich herzutreiben, dort war eine Gruppe mit der Kunst beschäftigt das Spiel zu bremsen, oder mit den Kopfstößen. Mancher Klub leistete sich sogar einen englischen Trainer. Und nicht zuletzt die alljährlichen Spiele mit den Engländern brachten uns schließlich dahin, wo wir heute sind.

    Waren wir früher so schwach, daß sich erstklassige englische Mannschaften mit dem Angriffsspiel genügen konnten, so sind wir jetzt soweit erstarkt, daß wir auch ihre gesamten Verteidigungskräfte zwingen, voll in Aktion zu treten.

    Und nun konnten wir erkennen, was sich allerdings voraussehen ließ, daß der Kombination der Angreifer eine Kooperation der Verteidiger entsprechen muß, sollen die letzteren aufkommen können. Geradezu klassisch zeigte dies Manchester United bei seinen heurigen Spielen in Wien. Dies ist neben der Überlegenheit der einzelnen Spieler als solcher die Hauptursache, warum ihre Mittel- und Verteidigungsspieler die Angriffe der Wiener, bevor sie sich überhaupt entfalten konnten, im Keime erstickten. Vor der Darstellung dieses vorbildlichen Verteidigungsspiels der Engländer ist es jedoch nötig, sich über unsere Verteidigung und deren Mängel klar zu werden.

    So wie eine Zahl vereinzelter Handwerker mögen sie auch eine übernormale Geschicklichkeit entfalten, auf die Dauer mit einer gleich großen Zahl, wenn auch nur normal veranlagter, aber kooperierender Arbeiter nicht konkurrieren kann, so liegt im Vergleich zu den englischen Hinterspielern die Schwäche unserer Deckungs- und Verteidigungsleute neben der schon erwähnten geringeren individuellen Spieltüchtigkeit vor allem darin, daß sie den kombinierenden, also mehr oder weniger einheitlich angreifenden Stürmern die eigenen Kräfte nur zersplittert entgegenstellen. Zwischen Deckung und Verteidigung im engeren Sinne herrscht ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Schwarmlinie und Reserve. Nur wenn beide von vornherein einheitlich auftreten, können sie ihre Aufgabe erfüllen. Wenn aber die Reserve so weit hinter der Schwarmlinie steht, daß sie diese später erreichen kann als der angreifende Gegner, dann wird der Feind die im vereinzelt gegenübertretenden Teile leicht zurückwerfen. Was für den Krieg, gilt mutatis mutandis auch für das friedliche Wettspiel. Ein Beispiel wird dies zeigen: Der feindliche linke Flügel greift an; der rechte Mittelspieler wirft sich entgegen, wird aber, da er nur als einzelner auftritt, von den kombinierenden Stürmern passiert; für den Moment ist er erledigt. Nun kommt der rechte Verteidigungsspieler daran und da auch er nur seine individuelle Kraft der kombinierten seiner Gegner entgegenstemmen kann, wird er meist den kürzeren ziehen. Daß dies in Wirklichkeit nicht immer so zugeht, ist richtig. Es stehen einander eben nie völlig gleichwertige Gegner gegenüber und oft macht ein Mittel- oder Verteidigungsspieler einen taktischen Fehler durch individuelle Mehranstrengung wett. Dies ist bei uns sogar die Regel. Damit ist aber nicht die Theorie ad absurdum geführt. Denn wie in der Produktion, gilt auch bei der sportlichen Betätigung der oberste Grundsatz: Der Erfolg ist mit dem möglichst geringsten Aufwand dort von Produktiv-, hier von Leibeskräften zu erzielen.

    Schon diese Betrachtung unserer jetzigen Spielmethode zeigt, daß die Verteidigung der Kombination der Angreifer etwas Ähnliches entgegensetzen muß. Hat aber die Kooperation der Stürmer den Ball zum Gegenstande, weil sie ja ihn ins Tor jagen soll, so ist des bei der Hintermannschaft ausgeschlossen, denn vernichten heißt ihre Aufgabe und erst in zweiter Linie kommt die positive, unterstützende Tätigkeit. Danach ist es klar: Nicht der Ball, sondern die Spieler selbst sind hier sozusagen der Gegenstand der ‚Kombination’. Sie müssen durch eine zweckentsprechende, der wechselnden Situation sich immer anpassende Aufstellung derart zueinander in Beziehung stehen, daß sie von vornherein eine ‚Einheit darstellen. Nehmen wie das obige Beispiel: Wiederum attackiert der feindliche linke Flügel. Der rechte Half geht an und wird passiert. Aber in demselben Momente wirft sich auch schon der richtig stehende rechte Verteidiger entgegen, klärt oder hält wenigstens den Angriff auf und gibt dem Deckungsspieler Gelegenheit, sich zurückzuziehen und ihn nun seinerseits zu decken, während oben der Deckungsmann für den Moment ganz außer Gefecht gesetzt war.

    Für dieses ‚Stellungsspiel’ läßt sich folgendes Schema geben: Denken wir uns die Spieler in ihrer Grundaufstellung untereinander durch Gummischnüre verbunden. Was geschieht nun, wenn z. B. der eigene rechte Flügel zum Angriff übergeht? Die ganze Mannschaft wird nach vorne und rechts verschoben. Wer dem rechten Flügel näher ist, wird mehr, wer von ihm entfernter ist, wird weniger seine Stellung ändern müssen. Analog wird sich dann auch die Placierung beim Gegenangriff gestalten. Diese Schablone zeigt das Bewegungsgesetz, welches Verrücken und Rückzug der Mannschaften im Wettspiel beherrschen sollte.

    Allerdings, das bloße Wissen dieses Grundsatzes wird in der Praxis nicht viel nützen, wenn der einzelne nicht schon jene Fähigkeiten erworben hat, welche erforderlich sind, um dieses Prinzip zu verwirklichen. Ein gewisses Maß von physischer Kraft und technischem Können zwar wird man von jedem wünschen, den der Kapitän in die erste Mannschaft einstellt. [In der Mehrheit waren die Kapitäne noch gleichzeitig Trainer und Manager.] Aber die verlangten geistigen Fähigkeiten, welche zur Durchführung des Stellungsspieles erforderlich sind, können nur empirisch, je nach der Anlage, mit kürzerer oder längerer Wettspielpraxis erworben werden.

    Von wie vielen Momenten hängt nicht die jeweilige Position des einzelen ab?! Dabei muß die jedesmalige Situation im Nu beurteilt werden, weil im Wettspiel Bruchteile einer Sekunde eine entscheidende Rolle spielen. Zunächst wird der Spieler seine eigene Spielstärke gut kennen müssen, vor allem seine Schnelligkeit. Es gibt viele Verteidiger, die sich in dieser Hinsicht überschätzen. Im Vertrauen auf ihre Schnelligkeit pressen sie hart an die Deckungsreihe an, ein langer Paß quer über Feld, da braucht nur ein [Ludwig] Hussak dazwischen zu treten und das Unglück ist fertig. Ferner ist es erforderlich, die Spielstärke auch der Mitspieler zu kennen. Hiervon hängt ja die ‚Reichweite’ beispielsweise des Mittelspielers ab und danach wird der Verteidiger die Distanz und das Intervall, wie er sich ‚staffelt einrichten müssen. Weiters sind zu berücksichtigen: die Schnelligkeit der gegnerischen Spieler, ihre Spielmethode, ob sie kurzes oder langes Passen, Flügel- oder Dreiinnenspiel((2-3-5-System, siehe dazu auch Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Hamburg 5^2017. S .42-43.)) forcieren etc. und schließlich spielen auch natürliche Umstände eine Rolle, z. B. die Windrichtung.

    Diese Momente in jedem Augenblick zu beurteilen, sofort den richtigen Entschluß zu fassen und ihn ebenso schnell in die Tat umzusetzen, dazu gehören zwei Eigenschaften, welche allerdings bei uns noch selten vereint angetroffen werden: Erfahrung und Aufmerksamkeit. Wer von Anfang an dem Spiele – nicht bloß dem Balle – folgt, wer von Zeit zu Zeit die eigene und feindliche Stellung überschaut, wer die Spielweise der speziell ihm gegenüberstehenden Gegner scharf beobachtet, und zwar auch dann, wenn er selbst momentan unbeschäftigt ist, wird in jeder Situation wenigstens beiläufig das Kommende ahnen, der wird, wenn er in Aktion treten soll, bereits richtig placiert sein und erfolgreich eingreifen können.

    Im allgemeinen läßt sich von Feinheiten absehend, dieses Gesetz des ‚Positionsspieles’ folgendermaßen formulieren: Nie auf gleicher Höhe, nie genau hintereinander aufgedeckt stehen; immer schief nach rückwärts gestaffelt, den Vorderen die Innenseite decken!
    Dr. Frey.”

    (Frey, NN: Modernes Fussballspiel. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 31.10.1908. S. 1374. Letzter Zugriff: 04.03.2018.)

    Fotocredits

    Fotografie des Oxford University AFC vor seiner Reise nach Österreich. In: Allgemeine Sportzeitung [Wien], 25.03.1899. S. 323.

    [cite]
  • Der feine Sportlikör “Hahohe”

    Der feine Sportlikör “Hahohe”

    Kurz stutzte ich, als ich in der wöchentlich erschienenen Arbeitssport-Zeitschrift namens Freie Sport-Woche die Überschrift “Wer kennt den feinen Sportlikör ‘Hahohe’?” las. Werbung? – Nein. Kommt daher der Ruf der Hertha-Fans? – Nein, den gab es schon vorher und gab dem Likör den Namen.

    Ich bin mir nur nicht sicher, ob es sich bei dem Artikel um die Wahrheit oder eine Verulkung des “bürgerlichen Fußballsports” durch die Arbeitssport-Zeitschrift handelt. “Bürgerlich” bezeichnet diese Zeitschrift Vereine, die zum DFB gehörten und professionell und kapitalistisch agierten – im Gegensatz zum Arbeitersport.

    Vielleicht kennt jemand den Likör oder weiß, dass es nur eine Verspottung ist.

    Ergänzung: Dank @blauesgehirn weiß ich nun, dass Willi Kirsei kein Unbekannter, sondern eine Legende war, die Hertha zur Meisterschaft 1930/31 führte. Was einen bei der Lektüre des Artikels noch mehr schmunzeln lässt.

     

    Wie auch immer – hier der gesamte Artikel aus: Freie Sport-Woche. Zeitschrift für Spiel und Sport 12 (1930). S. 209-210 (= Nummer 13, 31. März 1930).

     

    Wer kennt den feinen Sportlikör “Hahohe”?

    Wilh. Busch, einer unserer feinsten Humoristen prägte einmal das sehr bedeutsame Verschen: ” Es ist ein Brauch von alterher, wer Sorgen hat, hat auch Likör!”[.] Ob der Wahrheit und Weisheit dieses Lätzchens braucht sich niemand zu streiten, der einen offenen Blick für die Seiten des Lebens hat.

    Inwieweit dieser Ausspruch aber auch auf das sportliche Leben in Bezug gebracht werden konnte, lag bisher immer noch in ungeträumten Träumen begraben.

    Aber auch hier hat sich dieser Tage eine Wandlung vollzogen. Jetzt wissen wir, daß “geistreiche” Sportfreunde für den Sport etwas erfunden haben (für den bürgerlichen selbstverständlich nur), das ihn bestimmt jetzt besser auf die Beine bringen wird.

    Stand dieser Tage da in einem bürgerlichen Berliner Sportblättchen in großer Inseratenaufmachung;

    “Ha, Ho, He – edelster Feinbittersportlikör.
    Generalvertreter: Willi Kirsei!”

    Als Erklärung ist dazu folgender Anhang gemacht, um die Sache richtig zu begreifen:

    Mit “Ha, Ho, He!” zogen in den letzten Jahren die Berliner “Herta”-Leute immer in den Kampf[,] um  die Deutsche Fußballmeisterschaft. Der Schlachtruf “Ha, Ho, He, Herta BSC” sollte, von ihrer Anhängerschaft tausendfach gebrüllt, der Herta-Mannschaft öfter schon zum Meistertitel verhelfen. Aber leider – mit den bloßen Wort war’s nie allein getan. Eben deshalb wohl hat ein findiger Kopf den Ha-Ho-He-Feinbitterlikör erfunden. Mit dessen “Hilfe” man wohl nun glaubt, einmal Meister werden zu können. Das Interessanteste aber an der Geschichte ist die Person des Generalvertreters. Herr Kirsei ist schon lange Zeit Spieler bei Herta BSC. Von ihm ist auch die Tatsache bekannt, daß er als “Amateurspieler” Tagesspesen in Höhe von 15 M. erhält, die aber nur als Aufwandsentschädigung gelten für Trainingsunterricht. Na, schon gut. Wir “glauben” das gern, sind doch die Begriffe Amateur oder Berufsspieler in  d e m  Lager eng miteinander verbunden.

    Im allgemein aber werden durch den Feinbittersportlikör  H a h o h e  die Aussichten sich im bürgerlichen Felde weisen, dem Sport nun auch in dieser Sache mehr “Vergeistigung” antun zu können. Denn man to! Wir gratulieren herzlichst zu diesem Fortschritt. Er wird den bürgerlichen Sport nun auf andere Füße stellen, und der Herr Generalvertreter wird die Bestellung in Zeiten der Meisterschaft kaum erledigen können. Prost drauf! Heil und Sieg! – – – E. F.”

  • „Ich schrieb verhältnismäßig viel.” – Eine erste Auswertung

    „Ich schrieb verhältnismäßig viel.” – Eine erste Auswertung

    Wie schon angekündigt, habe ich mich mit der detaillierten Auflistung von erhaltener und versandter Post von Philipp Weinheimer beschäftigt. Er schrieb zwischen 1940 bis März 1945 insgesamt 1459 ((Philipp Weinheimer schrieb schon auf der ersten Seite des Postausgangs: „Ich schrieb verhältnismäßig viel. Zuerst im R.A.D. in Dahnen (Eifel)“, S. 70. Er schrieb durchschnittlich knapp eine Karte, Briefe oder ähnliches pro Tag, sofern man die Dauer der fehlenden Einträge und Urlaube in Ockenheim nicht mitzählt.))

    an Karten und Briefen (auch wenigen Telegrammen) und erhielt 714 an Briefen, Karten, Päckchen, Telegrammen und auch Zeitungen ((Zwei von der NSDAP, eine nicht näher genannte von Fr. Bierschenk aus Ockenheim.)).

    Die geschriebene Post besteht vor allem aus den 817 Briefe (56,4% ((Die Prozentangaben sind immer auf die zweite Nachkommastelle gerundet.)) ) und 635 Karten (43,5%), die erhaltene aus 495 Briefen (69,33%), 159 Karten (22,27%) und 60 Päckchen (8,4%). Er erhielt also rund die Hälfte an Post wie er schrieb.

    Während er so gut wie nie während seiner Heimaturlaubsaufenthalte Post schrieb und erhielt (eine Ausnahme) gibt es noch ein paar weitere Lücken bei den Aufzeichnungen, die insbesondere das Jahr 1942 betreffen und die restliche Kriegszeit ab dem März 1945. Durch das Tagebuch, das er 1942 in einem Kalender führte, lässt sich der Briefverkehr vom 11. Mai bis 15. Juli 1942 rekonstruieren.

    Zur besseren Übersicht hier eine komplette Übersicht:

    Zur Auswertung

    Die Auswertung ist zunächst nur reine Statistik – und ich weiß nicht, ob ich mehr dazu überhaupt veröffentlichen kann. Nicht wegen des rheinland-pfälzischen Archivrechtes – 1940-1945 ist mehr als 60 Jahre vorbei – , sondern viel mehr der Sinnhaftigkeit von Namensauflistungen wegen. Ein einziger Brief ist erhalten; einen Briefverkehr anhand von Briefen und Aufzeichnungen zu rekonstruieren ist inhaltlich nicht möglich. Gut, ich kann den Schriftverkehr zwischen Ph. Weinheimer und beispielsweise seinen Eltern datumsgenau sortieren, aber ich glaube nicht, das es viel bringt; der Kontakt zwischen ihnen war nicht abgebrochen und war unregelmäßig. Auswerten werde ich aber trotzdem – in der Hoffnung, dass sich doch Unregelmäßigkeiten ergeben, denen ich auf den Grund gehen kann. Mit einem Soldaten aus Wiesbaden-Igstadt hatte er noch 1957 Kontakt. Vielleicht habe ich Glück und die Dame, die heute das Haus bewohnt, ist eine Nachkommin von ihm und besitzt Briefe von meinem Opa. Ansonsten bleibt es bei dieser Auswertung.

    Die Auflistung

    Im Folgenden habe ich die erhaltene und geschriebene Post nach seinen in “Posteingang” und “Postausgang” genannten Stationen[1]Und mit Hilfe von “Wo war ich 1940-1945” in der Kladde auf den Seiten 50-52. aufgeteilt:

    Dahnen (R.A.D.) (2. bis 30. Oktober 1940)

    • Erhalten (7 Karten, 17 Briefe, 4 Päckchen)
    • Geschrieben: 65 (33 Karten, 32 Briefe) (= 4,46% von allen, 2,32 Geschriebenes pro Tag)

    Koblenz (R.A.D., Generalstabswache) (1. November bis 8. Dezember 1940)

    • Erhalten: 54 (Darunter 2 Päckchen. Karten und Briefe wurden hier nicht unterschiedlich gekennzeichnet)
    • Geschrieben: 93 (52 Karten, 41 Briefe) (= 6,37% von allen, 2,45 Geschriebenes pro Tag)

    Kesfeld (R.A.D) (9. Dezember 1940 bis 30. Januar 1941)

    N.B.: Zum 31. Januar 1941 wurde er aus dem R.A.D. entlassen.

    • Erhalten: (24 Karten, 33 Briefe, 13 Päckchen, 2 nicht weiter genannte Arten)
    • Geschrieben: 97 (48 Karten, 49 Briefe) (= 6,65% von allen, 1,54 Geschriebenes pro Tag)

    Ockenheim (Urlaub) (31. Januar bis 4. Februar 1941

    • Keine Post erhalten und geschrieben

    Koblenz-Pfaffendorf (A.E.A. 179) (8. Februar bis 28. Juni 1941)

    N.B. Zwischen dem 3. und 5. April 1941 lebte er bei den Brüder Kohns in der Grabenstraße 60, Ochtendung.

    • Erhalten: 108 (37 Karten, 57 Briefe, 14 Päckchen)
    • Geschrieben: 174 (106 Karten, 68 Briefe) (= 11,93% von allen, 1,24 Geschriebenes pro Tag)

    Verdun (A.E.A. 179) (29. Juni bis 18. Juli 1941)

    • Keine Post erhalten und geschrieben

    Ockenheim (Urlaub) (18. Juli bis 2. August 1941)

    • Keine Post erhalten und geschrieben

    Verdun (A.E.A. 179) (3. August bis 27. November 1941)

    N.B. Am 3. August und 5. Oktober 1941 in Paris.

    • Erhalten: 101 (14 Karten, 76 Briefe, 11 Päckchen)
    • Geschrieben: 130 (17 Karten, 113 Briefe) (= 5,76% von allen, 1,33 Geschriebenes pro Tag)

    Ockenheim (Urlaub) (28. November bis 13. Dezember 1941)

    • Keine Post erhalten und geschrieben

    Verdun (A.E.A. 179) (14. Dezember 1941 bis 12. Januar 1942)

    N.B. Am 25. Dezember 1941 „im Stall“ als „Stallwachhaltender“.

    • Erhalten: 37 (11 Karten, 21 Briefe, 5 Päckchen)
    • Geschrieben: 81 (48 Karten, 33 Briefe) (= % von allen, 2,89 Geschriebenes pro Tag)

    Zwischen 12. Januar und 10. Oktober 1942 fehlen die Einträge sowohl im Postausgang, im Posteingang sogar bis 30. Oktober 1942. Eventuell finden sich für diese Zeitspanne Aufzeichnungen im Kalender 1942.

    Nancy (A.E.A. 179) (12. bis 13. Januar 1942)

    • Eintragungen fehlen

    St. Wendel (A.E.A. 179) (14. bis 31. Januar 1942)

    • Eintragungen fehlen

    Transport St. Wendel nach Ostpreußen (A.E.A. 179) (1. bis 4. Februar 1942)

    • Eintragungen fehlen

    Schilino (A.E.A. 179) (4. bis 12. Februar 1942)

    N.B. Während dieser Tage lebte er bei „Bauer Hermann Pausat, Schillau (Ostpreussen[!]), Ortsteil Billen“.

    • Eintragungen fehlen

    St. Petersburg (A.E.A. 179) (12. Februar bis 18. Juli 1942)

    N.B. Einträge anhand des Tagebuchs von 1942 für den Zeitraum vom 11. Mai bis 15. Juli 1942.

    • Erhalten: 53 (8 Karten, 20 Briefe, 23 Päckchen[2]Philipp Weinheimer wurde am 12. Juni 1942 volljährig, was die Päckchenflut im Juni erklärt., 2 Zeitschriften)
    • Geschrieben: 46 (17 Karten, 29 Briefe)

    St. Petersburg (Hauptverbandsplatz) (18. bis 24. Juli 1942)

    • Eintragungen fehlen

    Narwa (Luftwaffenortslazarett) (25. bis 30. Juli 1942)

    • Eintragungen fehlen

    Giżycko (Lazarett) (1. August bis 20. September 1942)

    • Eintragungen fehlen

    Giżycko (Urlaub) (20. September bis 20. Oktober 1942)

    • Eintragungen fehlen

    Giżycko (Lazarett) (20. bis 24. Oktober 1942)

    • Erhalten: Eintragungen fehlen
    • Geschrieben: 18 (14 Karten, 4 Briefe)

    Lüneburg (Reservelazarett) (25. Oktober bis 17. November 1942)

    • Erhalten: 27 (4 Karten, 22 Briefe, 1 Päckchen)
    • Geschrieben: 34 (14 Karten, 20 Briefe)

    Ingelheim (Reservelazarett) (17. November 1942 bis 22. Juni 1943)

    N.B. Zwischen dem 8. Dezember 1942 und dem 1. Mai 1943 sind keine erhaltenen Briefe verzeichnet.

    • Erhalten: keine[3]„Ingelheim“ steht zwar in der Kladde, aber es sind keine aufgelistet. Möglicherweise war hier im Gegensatz zum Lazarett in Bingen ein Besuch möglich.
    • Geschrieben: 71 (37 Karten, 34 Brief)

    Bartoszyce (Genesungsurlaub) (23. Juni bis 20. Juli 1943)

    • Erhalten: Eintragungen fehlen
    • Geschrieben: 9 (4 Karten, 5 Briefe)

    Bartoszyce (G.E.B. 44) (21. Juli bis 28. Juli 1943)

    • Eintragungen fehlen

    Bartoszyce (Arbeitsurlaub) (28. Juli bis 15. August 1943)

    • Eintragungen fehlen

    Bartoszyce (G.E.B. 44) (15. August bis 25. September 1943)

    • Erhalten: 43 (11 Karten, 31 Briefe, eine Zeitung[4]Am 24. September 1943 erhielt Philipp Weinheimer eine Zeitung von Fr. Bierschenk aus Ockenheim.)
    • Geschrieben: 64 (23 Karten, 42 Briefe)

    Bartoszyce (Arbeitsurlaub) (26. September bis 14. Oktober 1943)

    • Erhalten: 6[5]Alle sechs erhielt er am 13. Oktober 1943. (2 Karten, 4 Briefe)
    • Geschrieben: nichts

    Bagrationowsk (U-Lehrgang) (15. Oktober bis 27. November 1943)

    • Erhalten: 31 (4 Karten, 25, Briefe, 2 Päckchen)
    • Geschrieben: 52 (15 Karten, 37 Briefe)

    Bartoszyce (G.E.B. 44) (27. November 1943)

    • Erhalten: nichts
    • Geschrieben: 5 (1 Karte, 4 Briefe)

    Bartoszyce (Jahresurlaub) (28. November bis 17. Dezember 1943)

    • Erhalten: (1 Brief)
    • Geschrieben: nichts

    Bartoszyce (G.E.B. 44) (17. bis 23. Dezember 1943)

    • Erhalten: (3 Karten, 9 Briefe)
    • Geschrieben: 29 (24 Karten, 5 Briefe)

    Olsztyn (24. bis 27. Dezember 1943)

    • Erhalten: nichts
    • Geschrieben: 5 (4 Briefe, 1 Telegramm)

    Unbekannt (28. bis 31. Dezember 1943)

    N.B. Möglicherweise war er unterwegs von Olsztyn nach St. Petersburg.

    • Eintragungen fehlen

    St. Petersburg (G.E.B. 44) (1. bis 18. Januar 1944)

    • Erhalten: 1 (1 Karte)
    • Geschrieben: 35 (21 Karten, 14 Briefe)

    Riga (Hauptverbandsplatz, Feldlazarett) (19. Januar bis 8. Februar 1944)

    N.B. Am 8. Februar 1944 mit der „Ju 52“ nach Kaliningrad ausgeflogen. Weiterer Weg nach Stollberg unbekannt. Am 30. Januar 1944 „von Kbg.“. In der Übersicht seiner Stationen vermerkt Philipp Weinheimer aber, er sei am 8. Februar 1944 von Riga nach Kaliningrad ausgeflogen.

    • Erhalten: nichts
    • Geschrieben: 2 (1 Karte, 1 Brief)

    Stollberg im Erzgebirge (Reservelazarett) (9. Februar bis 5. März 1944)

    • Erhalten: 21 (1 Karte, 16, Briefe, 3 Päckchen, 1 Telegramm)
    • Geschrieben: 39 (12 Karten, 27 Briefe)

    Bingen (Reservelazarett) (6. März bis 19. April 1944, 4. Mai 1944)

    • Erhalten: 39 (5 Karten, 34 Briefe)
    • Geschrieben: 28 (16 Karten, 12 Briefe)

    Ockenheim(?) (Genesungsurlaub) (20. April bis 4. Mai 1944)

    • Keine Post erhalten und geschrieben

    Bartoszyce (Ersatzbataillon) (5. bis 28. Mai 1944)

    • Erhalten: 21 (2 Karten, 18 Briefe, 1 Päckchen)
    • Geschrieben: 41 (16 Karten, 25 Briefe)

    Bartoszyce (Abstellurlaub) (29. Mai bis 16. Juni 1944)

    • Erhalten: nichts
    • Summe der geschrieben Post: 8 (6 Karten, 2 Briefe)

    Bartoszyce (Ersatzbataillon) (17. bis 20. Juni 1944)

    N.B. Für den 17. Juni 1944 ist im Kriegstagebuch ein „Passierschein“ für ein dreiköpfiges „Marsch-Komp. G.E.B. 44“ bei gelegt, zu dem auch Philipp Weinheimer gehörte: „Der Gefr. Weinheimer, Gefr. Vogt, Stgfr. Pengert befindet[!, da Vordruck] sich auf dem Wege zum Bahnhof.“ Es unterschrieb Oberleunant und „Kp.-Chef“ Heinrich.

    • Erhalten: 6 (2 Karten, 4 Briefe)
    • Geschrieben: 15 (11 Karten, 4 Briefe)

    St. Petersburg (Front) (23. Juni bis 24. Juli 1944)

    • Erhalten: 21 (19 Briefe, 2 Zeitungen der NSDAP)
    • Geschrieben: 78 (22 Karten, 56 Briefe)

    Hapsala (imKriegslazarett) (25. Juli bis 6. August 1944)

    • Erhalten: nichts
    • Summe der geschrieben Post: 1 (1 Brief)

    Bad Kösen (Reservelazarett) (6. August bis 10. September 1944)

    • Erhalten: 30 (2 Karten, 27 Briefe, 1 Päckchen)
    • Geschrieben: 40 (15 Karten, 25 Briefe[6]Ein Brief vom vermutlich 6. August an seine Eltern ist erhalten geblieben.

    Ingelheim (Reservelazarett) (11. September 1944)

    • Erhalten: nichts
    • Geschrieben: 40 (16 Karten, 24 Briefe)

    Rüdesheim (im Reservelazarett) (12. bis 16. September 1944)

    • Keine Post erhalten und geschrieben

    Ockenheim (Urlaub) (17. September 1944)

    • Erhalten: 3 (3 Briefe (Paula, Liesel Weis, Walter))
    • Geschrieben: 3 (1 Karte, 2 Briefe)

    Kiedrich (Reservelazarett) (17. bis 23. September 1944)

    • Erhalten: nichts
    • Summe der geschrieben Post: 4 (1 Karte, 3 Briefe)

    Lazarettzug (24. bis 25. September 1944)

    • Keine Post erhalten und geschrieben

    Plauen (Reservelazarett, Centralhalle) (25. September 1944 bis 19. April 1945)

    N.B. Die letzte eingetragene, versendete Post datiert vom 3. März 1945, die letzte erhaltene Post am 1. März 1945. Am ersten Weihnachtsfeiertage lebte Philipp Weinheimer bei „Familie Albin Münnich, Jößnitz i. Vogtland über Plauen i. V.“. Am 18. November 1944 war er in Ockenheim (wegen Hochzeitstag der Eltern?).

    • Erhalten: 111 (10 Karten, 97 Briefe, 3 Päckchen, 1 Telegramm)
    • Summe der geschrieben Post: 210 (74 Karten, 130 Briefe, 6 Telegramme)

    In der Kladde liegt auch ein DIN A6-großer Zettel für die Zeit zwischen dem 8. Januar und dem 16. März 1945 mit insgesamt 33 Namen. Unklar bleibt, ob es sich um versendete oder empfangene Post handelt. Als Art wird „M“ angegeben.

    Grünbach (Reservelazarett) (20. April bis 10. Juni 1945)

    • Eintragungen fehlen

    Plauen (Kriegsgefangenenlager) (11. bis 14. Juni 1945)

    • Eintragungen fehlen

    Erfurt (15. bis 17. Juni 1945)

    • Eintragungen fehlen

    „wieder daheim“ (ab 18. Juni 1945)

    [Ende der Eintragungen.]

    Bildnachweis:

    Fußnoten

    Fußnoten
    1 Und mit Hilfe von “Wo war ich 1940-1945” in der Kladde auf den Seiten 50-52.
    2 Philipp Weinheimer wurde am 12. Juni 1942 volljährig, was die Päckchenflut im Juni erklärt.
    3 „Ingelheim“ steht zwar in der Kladde, aber es sind keine aufgelistet. Möglicherweise war hier im Gegensatz zum Lazarett in Bingen ein Besuch möglich.
    4 Am 24. September 1943 erhielt Philipp Weinheimer eine Zeitung von Fr. Bierschenk aus Ockenheim.
    5 Alle sechs erhielt er am 13. Oktober 1943.
    6 Ein Brief vom vermutlich 6. August an seine Eltern ist erhalten geblieben.
  • “Aus dem Soldatenleben”

    “Aus dem Soldatenleben”

    Nachdem ich vor einigen Wochen bereits Erinnerungen von Philipp Weinheimer zu seiner dritten Verletzung 1944 veröffentlicht habe, folgen nun drei weitere Seiten über seine Zeit als Soldat zwischen 1940 und 1942, die er in einer Kladde veröffentlicht hat.

    In dieser Kladde “Kriegstagebuch” sammelte er während des 2. Weltkrieges diverse Erinnerungen, die teilweise in folgenden Blogbeiträgen veröffentlicht werden. Denn in der Kladde enthalten sind auf der ersten Seite seinen verschiedenen Feldpostnummern[1]Zunächst an zwei verschiedenen Stationen als “Arbeitsmann”, dann als “Fahrer” der Augusta-Kaserne in Koblenz-Pfaffendorf, als “Soldat” und schließlich wieder als … Continue reading Im folgenden schildert er knapp seinen Wechsel vom Reichsarbeitsdienst bis zur ersten Verwundung (1940-1942), die im Folgenden transkribiert wiedergegeben wird.

    Es folgen sechs Adressen zu Herren aus Mittel- und Norddeutschland[2]Möglicherweise lernte er sie während des Krieges kennen. und einige kurze, vermutlich selbstgereimte Gedichte. Daran schließen die Adressen seiner Quartiere während seiner Genesungen an, eine Seite weitere “Sprüche”, eine mit Namenstagen und Geburtstagen [3]Unter anderem seiner späteren Frau Marianne., “Filme, die ich in Plauen gesehen habe” (43 in ca. 2 Monaten!) und weitere in Mainz und Gau-Algesheim nach seiner Heimkehr.

    Nach einem einseitigen Lazarettbericht aus Ingelheim, der Auflistung, wo er zwischen 1940 und 1945 lebte und einem eingelegten Passierschein vom 17.6.44 [4]”[…] befindet sich auf dem Weg zum Bahnhof […]”., folgte eine wunderbare Quelle, die ich ausgewertet im nächsten Blogeintrag vorstellen werde: Alle während 1940 – 1945 geschriebene und erhaltene Feldpost. Leider nicht den Inhalt, aber zumindest das Datum, der Adressant/Adressat und ob es sich um einen Brief oder eine Postkarte handelte – gegliedert nach seinem derzeitigen Aufenthaltsort. Über mehrere Seiten. Ich hoffe, dass es mir gelingt, wenigstens einige der genannten Personen einzuordnen. Das soll hier aber nicht geschehen, sondern beide weiteren, oben erwähnten Berichte über die Zeit zwischen 1940 und 1942 wiedergegeben werden.

    Aus dem Soldatenleben


    Am 2. Oktober 1940 bin ich zum Reichsarbeitsdienst eingerückt. In Mainz war Sammelpunkt. Mit einem Sonderzug fuhren wir bis Niederüllfeld. Bis zum Lager waren es noch 18 Km. Am 31. Okt. bin ich nach Koblenz kommandiert worden zur Gaustabswache. Dort bleib ich bis 9. Dez. Dann zu dem inzwischen nach Kerfeld (Eifel) verlegten Lager zurück. Weihnachten war ich auch dort, ebenso Neujahr. Am 30. Jan. 41 wurden wir aus dem R. A. D. entlassen.
    Am 5. Februar ging es schon wieder fort. Zu der Artillerie Ersatz Abteilung 179 nach Koblenz[-]Pfaffendorf[,] Augusta-Kaserne[,] Stube 46. Als Fahrer. Hans Dickenscheid ((Mit Hans Dickenscheid fuhr er auch Paraden. Der sehr sportliche Hans turnte dabei auf den sechs oder acht eingespannten Pferden, während Philipp sie lenkte.))  ist bei mir. Am 28. Juni rückte ich mit dem Vorkommando nach Frankreich: Verdun. Vom 18. Juli bis 2. Aug. hatte ich Arbeitsurlaub. Am 4.[,] 5. u. 6. Okt. war ich in Paris. Eine 3 tägishe[!] Besichtigung. War sehr schön. Am 1. Okt. wurde ich Oberkan[?]. Vom 28. Nov. bis 13. Dez. hatte ich Jahresurlaub. […]

    […] Am 9. Januar 42. wurde ich plötzlich mit Walter und Adolf abgerufen u. feldmarschmäßig eingekleidet. ((Vom des Ereignissen des Jahres 1942 berichtet tagesgenau sein erhaltener Taschenkalender. Edition folgt!)) 12. Januar Abfahrt Verdun nach Nancy dann nach St. Wendel. Dort wurde der Marschbattalion zusammengestellt. Mit einem Transportzug am 1. Febr. ab St. Wendel. Die Fahrt ging über Bad Kreuznach[,] Friedberg, Kassel, Magdeburg, Berlin, Thorn, Schillen. Dort wurden wir am 4. Febr. morgens ausgeladen. Privatquartier bei Bauer Herrmann Privat.
    12. Febr. Abfahrt mit L. K. W. Schaulen, Mitau, Riga, Wolmar, Dorpert, Petersburg, Ljuban. Ich kam zu der 9. I. R. 44. [?] Am 18. Juli 1942 wurde ich in den schweren Abwehrkämpfen auf dem Wolschowbrückenkopf schwer verwundet; Schulterblattschußbruch rechts. Auf dem Hauptverbandsplatz gleich operiert. 24.7. im Luftwaffenlaz. Narwa. 1. August nach Lötzen (Ostpr.)[.] Von dort fuhr ich in Genesungsurlaub; 20.9.-20.10.42. Am 24.10. verlegt nach Res. Laz. Lüneburg. Am 18.11. nach Ingelheim Teil.[!]-Laz. Neue Schule.[5]Der Brief in der Kladde auf den Seiten 4 und 5.

    Aus meinem Soldatenleben

    (Fortsetzung von Seite 5.)
    Aus dem Res. Lazarett Ingelheim bin ich Ende Juni 43 mit 4 Wochen Genesungsurlaub entlassen [worden]. Nach Ablauf dieses Urlaub’s[!] hatte ich mich bei dem Grenadier-Ersatz-Batallion 44 in Bartenstein / Ostpreussen zu melden. Ein glücklicher Zufall war es, daß noch ein Ockenheimer in derselben Kaserne war. Es war Karl Janz
    [6]Karl Janz war etwas gleichaltrig wie Philipp Weinheimer ist aber wenige Jahrzehnte nach dem Krieg schon früh verstorben.. Wir waren oft zusammen und haben uns gut verstanden. – Bei der ersten Untersuchung bei dem Truppenarzt wurde ich 2 Monate g. v. H. geschrieben. Es war zu der Zeit ein Arbeitsurlaub[s]gesuch für mich gemacht worden, welcher auch genehmigt worden ist. Ich bin dann wieder für 14 Tage in Urlaub gefahren. Die Fahrt im Fronturlauber-Schnellzug war schön. Ich bin in Königsberg eingestiegen u. nach 21 Stunden Fahrt in Franfurt a. M. ausgestiegen. Ich habe für die ca. 1200Km. lange Bahnstrecke rund 30 Std. gebraucht.[7]Der Brief ist in der Kladde auf der Seite 34.

    Damit endet die knappe Berichterstattung über die Aufenthalte während der Kriegsjahre.

    Fußnoten

    Fußnoten
    1 Zunächst an zwei verschiedenen Stationen als “Arbeitsmann”, dann als “Fahrer” der Augusta-Kaserne in Koblenz-Pfaffendorf, als “Soldat” und schließlich wieder als “Arbeitsmann” nach seiner dritten Verwundung im thüringischen Effelder / Eichsfeld.
    2 Möglicherweise lernte er sie während des Krieges kennen.
    3 Unter anderem seiner späteren Frau Marianne.
    4 ”[…] befindet sich auf dem Weg zum Bahnhof […]”.
    5 Der Brief in der Kladde auf den Seiten 4 und 5.
    6 Karl Janz war etwas gleichaltrig wie Philipp Weinheimer ist aber wenige Jahrzehnte nach dem Krieg schon früh verstorben.
    7 Der Brief ist in der Kladde auf der Seite 34.
  • 24. Juli 1944, St. Petersburg. Ein Brief von Philipp Weinheimer


    Edition eines undatierten Briefes von Philipp Weinheimer (1921-2006), der Ende des 2. Weltkrieges an der Front in St. Petersburg stationiert war. Im Brief blickte er auf den 24. Juli 1944 zurück, als ein russischer Angriff ihn schwer am Arm verwundete. Zuvor war er als Soldat bei der unsäglichen Leningradblockade beteiligt, aber bereits Mitte Januar mit einer schweren Armverletzung ausgeflogen worden.

    “24. Juli 1944 …….. Der Tag beginnt, ohne daß er sich von den vorherigen wesentlich unterschieden hätte. Nur die unheimliche Waffenruhe des Russen am Vortrage drückt auf die Stimmung. Was wird der Montag bringen? Wir hatten am Sonntag mit einem russischen Angriff gerechnet ….
    Ich hatte von 2-4 Uhr Posten im M.G.[-]Stand. Wieder fast vollkommene Ruhe: Jeder, der längere Zeit im vordersten Graben stand, weiß[,] daß dieses einen baldigen Sturm bedeutet. Um 4 Uhr werde ich abgelöst. Mein Gruppenführer hat nun Grabendienst, ich muß die Bunkerwache übernehmen. Ich eße etwas, brenne meine Pfeife an und schreibe 2 Briefe. Draußen war die Sonne schon blutig rot aufgegangen. Der Uffz. kommt kurz vor 5 Uhr zurück; ich legte mich sofort auf meine Pritsche, ich war müde u. hatte die ganze Nacht noch kein Auge zu gehabt. Doch kaum liege ich da, kommt unser Zugführer, Herr Leutnant Vogt, und befiehlt höchste Alarmbereitschaft. Es soll sofort noch ein Doppelposten in die H. K. L. [Hauptkampflinie] .. Der Leutnant geht, ich wecke die anderen. Noch während ich dabei bin, höre ich die ersten Artillerieabschüsse, die Granaten orgeln heran. Die Einschläge liegen im Bereich unserer H. K. L. und unserem Bunker. „Jetzt wird’s[!]“ [,] denke ich für mich. „Es geht los“[,] sage ich nur. Unser Gruppenführer, Uffz. Minzleff [Minzlaff?], will sofort alles rausjagen auf die Gefechtsstände, die ungefähr 30-40 Meter weiter vorne waren. Laufgräben gibt es hier nicht, nur Knüppelstege, es ist ja überall Sumpf und Wasser. O herrliches Lappland. Der Unteroffizier will als erstes aus dem Bunker. „Bist Du verrückt“[,] rufe ich ihm zu . Krachend krepiert eine Granate in unmittelbarer Nähe des Bunkers und bringt eine starke Tanne zum Umstürzen. Aber der Uffz. hat keine Ruhe, er kriecht aus dem Bunker, um Koppel und Gewehr zu holen. Wieder schlagen einige Granaten ein. Unser Uffz. kommt zurück, er hat einen Granatsplitter in die Schulter abbekommen. „Das hast Du davon“[,] knurre ich unzufrieden. Zum Glück ist es nicht so schlimm. Einige Zeit später merke ich, daß der Russe sein Artilleriefeuer verlegt. Infanteriefeuer flackert auf. Nun wird es Zeit[,] denke ich bei mir. Vorsichtig krieche ich aus dem Bunker, schiele um die Ecke zur H. K. L. Ein wüster Anblick. Alles undeutlich in Pulverqualm gehüllt, große Granattrichter, umgestürzte zerfetzte Bäume[,] usw. Mit wenigen Sprüngen habe ich meinen M. G.[-]Stand erreicht, stelle mit Freuden fest, daß den 2 Männern u. dem Maschinengewehr nicht passiert ist. Dankbar aufatmend sehen mich die 2 Kameraden an, der eine ist 18, der andere 19 Jahre alt [Philipp Weinheimer war 23]. Mit einem Blick sehe ich, daß unsere starken Minen und Stacheldrahtsparren zum größten Teil zerstört und der Russe [2 Worte unleserlich] ist. Unglücklicherweise scheint uns die Sonne gerade ins Gesicht, sie blendet uns. Wir schießen ca. 100 Schuß mit M. G., werfen einige Handgranaten. 3 Russen bleiben tot liegen, die anderen türmen zurück. Wieder beginnt das russ. Trommelfeuer u. zwar mit solcher Heftigkeit[,] wie ich es selbst noch nicht erlebte. Ob es da wohl noch ein Entrinnen gibt? Wir sehen uns nur an, ich stopfe meine Pfeife. Ich bin eigentlich sonderbar ruhig. Der Russe schießt mit allen möglichen Waffen. Artillerie, Pak, Flak u. seiner berüchtigten Stalinorgel ein unheimliches Trommeln, die grausig[e]

     

    Oper des Krieges. Zwischen das[!] Hämmern der Maschinengewehre mischt sich das Dröhnen der Jagd-, Schlacht- u. Bombenflugzeuge, das Pfeifen u. [die] Detonation der Bomben, das Bellen der Bordwaffen. Aber auch unsere eigenen schweren Waffen sprechen ihre Sprache, wir sehen die unheimliche Wirkung der Nebelwerfer, die Einschläge unsere[r] schweren Mörser. Dazu kommen die siegreichen Luftkämpfe unserer Jagd- und Schlachtflugzeuge. So ging es von 5 – 11 Uhr mit nur ganz kleinen Feuerpausen. Unser Uffz. war in der ersten Stunde noch bei uns im Kampfstand, bekam aber immer mehr Schmerzen und ist auf mein Zureden zurück in den Bunker. Ich übernahm den Befehl über die Gruppe, das M. G. nahm ein junger Gefreiter u. K. O. B. [Kriegsoffizierbewerber], der uns am geeignetsten schien. Unsere Gruppe hatte 2 Kampfstände, in jedem 2 Mann. Ich kroch hinter der zusammengeschossenen Pallisade[!] hin, um mich über den Zustand von Männern und Waffen zu orientieren. Es war alles noch soweit in Ordnung. Die rechts eingesetzt s. M. G. [sub machine gun; 9mm Colt] hatte zwei Schwerverwundete. Ich kroch wieder zum M. G.[-]Stand zurück. So gegen ½ 12 Uhr kam ich auch wieder von den Gewehrständen zurück, der Russe trommelte wieder stärker. Ich legte mich hinter die Pallisade, flach auf den Knüppelsteeg[!] gepresst. Ein Pfeifen, Zisch- u. Krachen; ich fühlte einen schweren Schlag gegen die rechte Schulter, ein heftiger Schmerz. Mir war es, als ob der Arm ab wäre. Ich sprang auf, und lief trotz des feindlichen Feuers zurück zum Bunker, wo der Uffz. war. Der war maßlos erschreckt[,] als er mich sag. Da er allein auch nicht viel machen konnte, rief er nach dem Sanitäter, der im Nachbarbunker war. Der Stabsgefreite kam sofort und verband mich so gut es eben ging. Ich war am jammern[!], die Schulter schmerzte unheimlich . Der Sanitäter und der Uffz. beruhigten mich. Draußen ließ die Schießerei nach. Mit Hilfe des Zugmelders, der inzwischen herbeigerufen wurde, bin ich zum Komp. Gefechtsstand zurückgehumpelt. Dort eine kleine Rast, dann weiter zum Batl. Gefechtsstand, wo auch der Arzt seinen Bunker hatte. Als dieser meine Wunde sah, krummelte[!] er: „Ist halb so schlimm[.]“[.] Dabei nahm er seine Pfeife nicht aus dem Mund. (er rauchte ununterbrochen). Ein San. Uffz. verband mich wieder frisch u. gab mir eine Tetanusspritze mit Morphium. Letzteres linderte die Schmerzen. Weiter ging die Reise mit einem Pferdewagen über Knüppeldamm. Diese Fahrt wird mir ewig gedenken. Mit gebrochenem Schlüsselbein und diese andauernden Erschütterungen. Irgendwo wurden wir abgeladen und mit einem San. Auto rüber zum Hauptvorstandsplatz[?] gebracht. Es war dunkel, ein Arzt frage nach Verwundung usw., mich auch. Darauf wurde ich sofort zum O. P. getragen, rauf auf dem Operationstisch. Ein Sanitäter löst den Verband, der Arzt befühlt die Wunde. Ich schreie auf, wir ein gequältes Tier. „Betäuben“[,] sagt einer. Schon habe ich auch schon eine Maske vor dem Gesicht, ein starker Äthergeruch umgibt mich. „Eins, zwei, drei … sechszehn … sieb … zehn….“[.] Weiter komme ich nicht. ….. Als ich wieder aufwache, liege ich auf einer Trage, die auf dem Boden steht. Ich sehe einen Sanitäter umherschleichen. Ich frage ihn, was mit mir los war. Er gibt keine Antwort. Ein starker Verband liegt um Schulter u. Oberarm. Es ist halbdunkel in dem Raum.

     

    Eine Weile später wird alles auf Autos zum Bahnhof geschafft und in Güterwagen verladen. Mit 10 Mann sind wir in einem Wagen. Wir liegen auf Strohsäcken, ich muß sagen, es war nicht schlecht. Die Fahrt geht nun von Jöbi [Jöhvi] über Wesenberg [Rakvere], Reval [Tallinn], nach Habsal [Haapsalu]. In Wesenberg wurden auch schon einige Schwerverwundete ausgeladen. In Habsal war ich 3 Tage. Morgens in aller Frühe wurden wir wieder in den Güterzug verladen. Die Fahrt ging zurück nach Reval bis in den Hafen. Dort hatte schon ein Truppentransporter, etwa 5600 [oder 5500?] B. R. T. [Bruttoregistertonne] groß, angelegt. Auf diesen wurden wir nun verladen. Wir waren mit etwa 1500 Verwundeten auf dem Kahn. Mittags um 4 Uhr begann nun die Seereise. Wenn das nur gut geht, dachten wir. Abends schon schlichen Ärzte u. San. Personal mit Schwimmwesten herum wir lagen mit unseren Gipsverbänden in den Kojen. Ich ließ mir eine Morphiumspritze geben, schlief die ganze Nacht hindurch fest und gut. Nach dem Morgenkaffee humpelte ich nach oben auf das Freideck. Wir waren inzwischen auf hoher See. Der Seegang war aber ziemlich ruhig. Die Sonne schien. Wir fuhren mit unserm Begleit- u. Sicherungsschiffen ein gemütliches Tempo. Auf Freideck traf ich den [durch verwischte Tinte schwer lesbar; es folgen zwei Kürzel] Unterscharführer, der von Kempten war. Nach dem Mittagessen wurde der Seegang stärker. Der Kahn fing an zu schaukeln. Nun waren schon die ersten Seekranken[!]. Ich blieb in meiner Koje liegen, das ist in diesem Falle das Beste. Unseren Sanitäter habe ich gedauert. Der arme Kerl saß oft auf der Treppe vom 2. zum 3. Deck und hielt sich einen Schieber vor der Mund. Es war dies meine erste Hochseereise. Ich könnte ein ganzes Buch davon schreiben ….

    Ohne Zwischenfall kamen wir nach Gotenhafen, wo wir Verbandsstoff an Bord nahmen. Weiter ging die Fahrt nach Swinemünde. Während der letzten Stunden auf dem Schiff, gab es Schiffszwieback und Punsch aus Rotwein. Bei herrlichem Wetter kamen wir in Swinemünde an. Am Kai standen schon wartend zwei lange Lazarettzüge. [Das Schiff, das die Verletzten nach Swinemünde brachte, wurde nur wenige Stunden nach dem Verlassen des Lazarettzuges durch alliierte, vermutliche britische Bombenflugzeuge auf Stadt und Hafen zerstört.] Wir wurden sofort umgeladen, und im Laz. Zug ging die Fahrt über Pasewalk, Neubrandenburg, Hannover, Kassel, Gotha, Erfurt, usw. In Bad Kösen wurde ich nachts um 2 Uhr ausgeladen. Nun bin ich hier in der Abteilung Hämmerling. Am 6. August kam ich hier her. Am 13. August hat mich Vater und Gustav [sein Bruder] hier besucht. Am 26. August kam Maria [seine Schwester] u. ist am 28.8. wieder abgefahren.“

     

    Route des Lazarettzuges

    Zunächst von der Front bei St. Petersburg nach Haapsalu in Estland. Dort wurden die Verletzten in ein Schiff umladen:


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    Von Haapsalu (Estland) wurden die Verletzten bis nach Świnoujście (Polen) per Schiff transportiert.
    Schließlich von Świnoujście – kurz nach dem Verlassen des Schiffes wurde es durch alliierte Bomber getroffen und sank – in das Lazarett in Bad Kösen, wo vermutlich der Brief entstand:


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    Die Datierung des Briefes ist mit Schwierigkeiten behaftet: Zwar schreibt er gegen Ende es Briefes:  „Nun bin ich hier in der Abteilung Hämmerling. Am 6. August kam ich hier her.“, nutzt aber für seine Erzählung mehrmals den historischen Präsens. Eindeutiger beweist die These, dass er tatsächlich im Bad Kösener Lazarett diese Erinnerung verfasste, da er seine folgenden Aufenthalte in kurzzeitige Aufenthalte in Kiedrich (Rheingau) und Ingelheim (Rheinhessen) im September 1944 und anschließendem Lazarettaufenthalt in Plauen im Vogtland bis Anfang März. (Im November scheint er wenige Tage in Ockenheim verlebt zu haben.) Seine letzte Karte sendete er von Plauen am 3. März 1945 “heim”. Danach enden die Eintragungen. In mündlichen Berichten erzählte er, dass er gegen Ende des Krieges mit einem Soldaten aus Kempten aus dem Lazarett in Plauen floh – vermutlich jenem, den er auf dem Lazarettschiff traf. Tatsächlich war die Verletzung vom Juli 1944 seine dritte und letzte; er kehrte danach nicht wieder an die Kriegsfront zurück. Als die Kunde im Lazarett eintraf, dass sich von Osten die russische, von Westen die amerikanische Armee näherte, flohen Weinheimer und der Kempter aus dem Lazarett nach Westen, bewusst in die Arme der Amerikaner, eine sanftere Bestrafung erhoffend. Der Kempter hatte noch eine goldene, offenbar wertvolle Armbanduhr in seinem Besitz, die er einem amerikanischen Soldaten gab. Beide kamen in so amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurden nach Nordosten in die schon befreite Zone gebracht, von dort ins Lazarett Ingelheim, wenige Orte von ihren Heimatdörfer entfernt. Dort erlebte Philipp Weinheimer das Kriegsende und durfte in seinen Heimatort zurück.

    Philipp Weinheimer war mein Großvater. Diesen Brief habe ich bei Aufräumarbeiten in seinem Haus gefunden, das ich nun bewohne und derzeit nach und nach renoviere. Nächstes Jahr werde ich seinen „Nachlass“ im Haus kategorisieren und verzeichnen, ebenso als Open Access zugänglich machen. Darunter sind Ehrungen des genannten MGVs, in dem er 65 Jahre sang, aber auch viele Arbeitsgeräte, die er für seine Berufe (Fleischbeschauer, Winzer, zeitweise Gemeinderechner) benutzt hat, wie auch Überliefertes seiner Soldatenzeit (Geldscheine, Marken, Urkunden, Fotografien, Schriftstücke, …).

    Ich bin mir bewusst, dass es problematisch ist, wissenschaftlich kritisch das Leben eines Vorfahren aufzuarbeiten, besonders während Nazi-Deutschland. Er erzählte jedoch immer frei und ehrlich auch von den 1940er Jahren. Und das durchaus auch selbstkritisch. Dieses “Wissen” hilft auch mir, vor möglicherweise erschreckenden Erkenntnissen über sein Leben die Distanz bewahren zu können.

    Abbildungen:

    • Oberes Foto: Anonym: [Philipp Weinheimer in Verdun, 1941] CC-BY SA 3.0
    • Drei Briefseiten: Weinheimer, Philipp: [Feldpost vom 24.07.1944]
    • Unteres Foto: Anonym: [Familie Weinheimer, verm. 1939] CC-BY SA 3.0
  • Juden in der Burschenschaft im 19. Jahrhundert

    Juden in der Burschenschaft im 19. Jahrhundert

    Diese Hausarbeit habe ich im Wintersemester 2005/06 im Seminar “Urburschenschaftlicher und nationaler Gedanke im 19. und 20. Jahrhundert” bei Dr. Helma Brunck (Geschichte, Uni Mainz) verfasst.

    Einleitung

    Juden repräsentieren 2006 in Deutschland einen Bevölkerungsanteil von 100.000 bei 80 Mio. Bis 1938 waren es 600.000 in Deutschland bei 60 Mio. Und 200.000 in Österreich. Diskriminiert wurden Juden in allen Zeitepochen, auch wenn es immer wieder auch friedlich Zeiten hab.

    Viele Berufe waren ihnen verwehrt, wie z. B. der “ehrbare” Handwerksberuf. So ist es nicht verwunderlich, dass so viele Juden als Händler den Lebensunterhalt verdienten oder mit Geldgeschäften. Dieser Umgang mit Gold im Allgemeinen schürte den Neid der nicht jüdischen Bevölkerung. Eine militärische Laufbahn oder ein Studium waren ihnen in den deutschen Landen verwehrt. Das Leben wird in einem Judenviertel gestattet, in denen oft drangvolle Enge herrschte und in vielen Kommunen des Nachts zusätzlich abgesperrt wurde.

    Im Mittelalter und der frühen Neuzeit existierte die Rassenideologie des Antisemitismus’ noch nicht. Der Hass richtete sich nicht auf die Juden als “Rasse”, sondern auf das Judentum als unbekannte Gruppe, die sich überall ausbreitete. Sie wurden als „Chistusmörder“ beschimpft. Wenn etwas Negatives geschah, dass man sich nicht erklären konnte, Missernten, Pest oder andere Seuchen ausbrachen, gab man den Juden die Schuld. In Wut plünderte und zerstörte man ihre Häuser und beschimpfte, verletzte oder tötete viele. Berüchtigt sind die Gräueltaten der Horden des 1. Kreuzzuges, die entlang des Rheines zogen und alle Juden, denen man habhaft werden konnte, umbrachten.

    In der großen Stadt Frankfurt am Main wurde ein Ghetto für die Juden errichtet, dass nur aus einer einzigen langen Straße bestand. In diesem Frankfurter Ghetto muss es schrecklich gewesen sein. In Heinrich Heines „Rabbi von Bacherach“ wird das Ghetto als ein heruntergekommenes Elendsviertel und Bakterienherd beschrieben.[1]Vgl. Heine, Rabbi von Bacherach, S. 15.

    In der frühen Neuzeit und der Epoche der Aufklärung veränderte sich die Stellung der Juden in Deutschland zum positiven, die mit dem Namen Moses Mendelssohn (1729-1786) einhergingen.

    Moses Mendelssohn kam als Kind alleine nach Berlin, um dort von einem Rabbiner unterrichtet und selbst Rabbiner zu werden. Anfangs sprach der nur Jiddisch, lernte jedoch schnell das Deutsche  und einige andere Sprachen durch die Lektüre verschiedenster deutschen und ausländischen Werke.[2]Werke, die nicht in Jiddisch geschrieben waren, waren jedoch damals Juden verboten zu lesen, da sie als „verderblich“ angesehen wurden.  Aber Mendelssohn hatte Glück und ebenso weltoffene … Continue reading Mendelssohn wurde über die deutschen Grenzen hinaus mit seinen populär-philosophischen Schriften bekannt, die von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt wurde. Allerdings gerieten sie unter der Popularität von Kant und Herder schnell wieder in Vergessenheit. Mendelssohn war ein enger Freund von Ephraim Lessings und dient Lessing als lebendes Vorbild für seinen Nathan den Weisen.[3]Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 100.

    Mitz der Ausweitung der französischen Herrschaft über Deutschland nach der französischen Revolution auf die deutschen Lande und den Eroberungen durch Napoleon wurde die Aufklärung auch gesetzlich durch den Code Civil (1804) und das Hardenberg’sche Edikt (1812) deutlich gebessert und die Ghettos abgeschafft.

    1812 erhielten die Juden zeitweise die Bürgerrechte mit der Einschränkung des §9, in dem sich der preußische König die Zulassung selbiger zum Staatsdienst vorbehält.

    Der Wiener Kongress 1814/15 hob die Gleichberechtigung der Juden wieder auf. Erneut folgten Judenverfolgung und Pogrome. Es eine Zeit, in der viele Juden zum Schutz und um die Freiheit zu nutzen, zum Christentum übertraten.

    Bei den Befreiungskämpfen der deutschen Staaten gegen Napoleon kämpften viele deutsche Juden mit und waren von der deutschen patriotischen Idee mindestens so sehr überzeugt wie ihre christlichen Landsmänner. Allerdings hatten jüdische Soldatenn keinen Anspruch auf staatliche Versorgung.  Aber mit dem Wiener Kongress 1814/15 erlitten sie einen herben Rückschlag, da sie immer noch keine volle Gleichberechtigung erhielten.[4]Vgl. Czermak, Christen gegen Juden, 118.

    Die Burschenschaft und ihr Antijudaismus

    [5]Der Begriff Antisemitismus, der den Hass gegen die jüdische Rasse beschreibt und in den 1880er Jahren erst geprägt wurde, war hier nicht der Auslöser. Und dennoch wurde hier die Wiege für ihn … Continue reading 1812 veröffentlichte Karl August Fürst von Hardenberg sein Edikt zur Judenemanzipation in Preußen. Da die Juden bereit waren, dasselbe wie Christen an Pflichten zu erledigen, wäre es nur schlüssig, dass diese auch dieselben Rechte genießen dürfen, begründetete er dieses Edikt.[6]Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 134.

    Schon zuvor gab es Arten von Toleranzedikten für Juden von Kaiser Joseph II. aus dem Jahr 1782, die amerikanische Unabhängigkeitsverfasung von 1787 und die schon erwähnte französische Verfassung von 1791.[7]Vgl. Czermak, Christen gegen Juden, 117.

    Als Gegenreaktion auf die Hardenberg’schen Reformen gründeten Achim von Arnim[8](1781-1831), Jurastudium. Publizist, viele Reisen. Brachte  mit Brentano “Des Knaben Wunderhorn” heraus. und Adam Müller am 18. 1. 1811 in Berlin die Deutsche Tischgesellschaft. Ihr schlossen sich einige Akademiker an. Die Mitglieder bestanden zu einem großen Teil aus den gebildeten Schichten. Sie verband ein antijudaischer, teils auch schon antisemitischer und antifranzösischer Patriotismus. “Freie Meinungsbildung” und “demokratische Diskussionen” waren in den Statuten festgeschrieben. Die Zulassungsbestimmungen ließen nur “ehrhafte, sittliche, christliche Männer, aber keine Philister[9]Mit “Philister” sind in der Sprache der Studentenverbindung die “Alten Herren” gemeint, also ehemalig Aktive in einer Verbindung. Mitglied werden. Sie trafen sich einmal in der Woche, tranken Bier und hielten Reden. Die bekanntesten Tischreden sind Brentanos Philister Rede und Arnims “Über die Kennzeichen des Judentums” vom 1811, in der er die körperliche Stigmatisierung der Juden forderte. Sie hätten bestimmte Neigungen wie Spekulationen und Verschlagenheit, und frönen einem reaktionären Antikapitalismus. Der Vorwurf, der Jude sei von Natur aus ein Geldmensch, ein “Wucherer” und “Blutsauger” war in Wirklichkeit nie erloschen. Begeistert waren auch alle, als Arnim über die sittliche Verkommenheit der Juden und ihren abscheulichen körperlichen Merkmalen  wie Körpergeruch, Erbkrankheiten, Geruch nach Zwiebeln und Knoblauch und andere körperliche Eigenheiten wie zum Beispiel Blähungen.[10]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 104. Er mahnte die anderen Mitglieder, darauf zu achten, dass kein Jude in ihrem Verein Mitglied werden dürfe. Zur Überprüfung empfahl er “die Auflösung der Juden in ihre Bestandteile”.

    Auch Johann Gottlieb Fichte[11](1762-1814), Professor für Philosophie. Erster Rektor an der neugegründeten Humboldt-Universität in Berlin. gehörte zum Kreis der Tischgesellschaft. Er war Philosoph und gilt mit Schelling und Hegel als wichtigster Vertreter des deutschen Idealismus’ und als einer der geistlichen Begründer der Burschenschaft. Er kritisierte das Duellwesen, die Trinksitten und Raufereien der damaligen Landsmannschaften und hegte die Idee einer gesamtdeutschen Organisation. Er definierte Nationen als biologische Wesen, die aus dem Volksgeist entstünden und träumte von seinem Ideal der deutschen Nation: Einer homogenen Gesellschaft ohne Adel, Zünfte und Juden.

    Solche völkischen, antiliberalen und judenfeindlichen Ideen sind nicht nur in der Tischgesellschaft, sondern auch im Tugendbund Friedrich Ludwig Jahns, in Turnvereinen und Burschenschaften zu finden. In Jahns Turnbund waren Juden streng ausgeschlossen und als “Nicht-Deutsche” diffamiert.[12]Vgl. Sterling, Judenhaß, 148.

    Jahn[13](1778-1852), erlagte als Schüler und Student keinen Abschluss. Gründer der Turnbewegung und damit verbunden des schulischen Turnunterrichtes. Wurde in Verbindung mit den Karlsbader Beschüssen … Continue reading äußerte sich offen und scharf antijüdisch und antifranzösisch. Er behauptete, Polen, Franzosen, Geistliche, Adel und Juden wären Deutschlands Unglück.[14]Vgl. Sterling, Judenhaß, 148. Er rief Studenten der Universität Jena und anderen Universitäten zum Kampf in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 gegen Napoleon auf. Seine Ideen und sein Gedankengut verbreiteten sich unter den Studenten. Das Wartburgfest 1817 fand auf seine Initiative statt. Ernst Moritz Arndt[15](1769-1860), studierte evangelische Theologie, Geschichte, Erd- und Völkerkunde, Sprachen und Naturwissenschaften und war Professor in Greifswald und Bonn. Wurde allerdings zeitweise wegen seiner … Continue reading Sein Gedicht “Was ist des Deutschen Vaterland?” wurde vertont und war eines der am meisten gesungenen Lieder der Burschenschafter. Wenig später nach der Rückkehr der Studenten aus der Völkerschlacht bei Leipzig gründeten sie am 12. Juni 1815 die Jenaischen Burschenschaft.

    Auch der Einfluss von Professor Jakob Friedrich Fries[16](1773-1843), Professor für Philosophie. Zeitweise wegen Konakt zur burschenschaftlichen Bewegung entlassen. auf die Jenaer Burschenschaft war bedeutend. Fries forderte die Studenten auf, ihren Individualismus und die Humanitätsideale der Aufklärung aufzugeben und sich zu dem “deutschen Volkstum” zu bekehren. Von seinen Heidelberger und Jenaer Studenten verlangte er, zuerst die jüdischen Studenten als “Feinde unserer Volkstümlichkeit” auszuschließen. Es gab aber auch eine andere Heidelberger Verbindung, die “Teutonen”, die gegen die so genannten “Friesianer” und kämpften für die Zulassung von Juden in Burschenschaften eintraten[17]Vgl. Sterling, Judenhaß, 119.. Fries war der einzige Professor, der an der Bücherverbrennung anlässlich des Wartburgfestes anwesend war.[18]Vgl. Sterling,  Judenhaß, 148.

    In den Statuten zur Deutschen Burschenschaft wurde 1815 nichts zur Judenfrage und zum Waffenzug niedergeschrieben. Dennoch gab es schon von Anfang an Burschenschaften mit stark antijüdischen Ideologien. Die Jenaer Burschenschaft der “Unbedingten” beispielsweise nahm in ihre eigene Verfassung den Artikel auf, dass “nur ein Deutscher und Christ” in die Burschenschaft eintreten könne.[19]Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 156f. Auch die Gießener Verbindung “Die Schwarzen” leiteten ihre “Christlichkeit” aus der germanischen Volkstümlichkeit als Gegenprinzip zur Jüdischen her.[20]Vgl. Sterling,  Judenhaß, 148.

    Am 18. Oktober 1819 wurde im Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig und an den Zufluchtsort Luthers auf der Wartburg ein Gedenkfest von der Jenaer Burschenschaft veranstaltet. Es wurden Reden und ein Festgottesdienst gehalten. Spät in der Nacht verrichtete der härteste Kern eine Verbrennung von “nicht-deutscher” Literatur und Symbolen der unterdrückung. Mit dabei war das Werk “Germanomanie” von dem jüdischen Schriftsteller Saul Ascher als sinnbildliche Ermordung Aschers.[21]Veröffentlichte 1815 seine Schrift mit dem programmatischen Namen “Germanomanie” und verurteilte darin Nationalismus und Deutschtümelei Germanomanie” war eine abwertende … Continue reading Diese Szenen ließen Heine 1820  in seinem Werk Almansor schreiben: “Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.”.[22]Zit. nach: Heine, Almansor, S. 10.

    Keiner von den in diesem Kapitel aufgezählten sich antijüdisch äußernden Personen kannte die Realität des Judentums.  Sie sahen das Judentum als eine durch Religion verschwommene Krämer- und Trödlerkaste an, die über die ganze Welt verbreitet war. Da eine Händlerkaste aber kein Staat sei und ein Staat sowieso nicht über die ganze Erde verbreitet sein konnte, hatten die Juden kein Vaterland, konnten somit nicht für ein Vaterland kämpfen und schon gar nicht für das deutsche und deshalb konnte ein deutscher Staat die Juden nicht als Bürger aufnehmen.[23]Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 155.

    Fries erläuterte einmal, dass man ihm die jüdische Eigenschaft gelobt habe und auch bewiesen habe, dass die Zahl der jüdischen Verbrecher sehr gering sei. Fries antwortete, er wisse, dass sie sich gern von Mord und Totschlag zurückhielten, solange noch einige Gefahr dabei sei, aber ein Christ nenne diese Eigenschaft  Feigheit, die man nicht zu den Tugenden, sondern zu den Lastern zähle. Diese überhebliche Anmerkung war einer der radikalen Äußerungen, die den Jenaer Studenten Karl Sand anstachelten, den reaktionären Dramatiker Kotzebue am 23. März 1819 zu ermorden. Als Rechtfertigung gab er nur seine Überzeugung an. Nach seiner Auffassung heilige die eigene Überzeugung alle Mittel. Damit hob er die Überzeugung zu einem universellen Richt- und Rechtfertigungsschwert. Das reichte den Richtern nicht als Rechtfertigung und er wurde zum Tode verurteilt. Nachdem ein Selbstmordversuch scheiterte, fand er sich erfolgreich in einer Rolle als Märtyrer für die Nationalbewegung ein. Die schnelle Reaktion der Obrigkeit waren die Karlsbader Beschlüsse.[24]Verbot der Burschenschaftem, Überwachung der Universitäten, Pressezensur, Entlassung und Berufsverbot für liberal und national gesinnte Professoren, Exekutionsordnung, Universitätsgesetz, … Continue reading Doch die Beschlüsse engten die Burschenschaften und die nationale Bewegung nicht so entscheidend ein, wie dies erforderlich gewesen wäre. Zusätzliche Wut bei den Burschenschaftern auf. Als sich in Würzburg ein älterer Professor zugunsten der Juden äußerte, begannen die Studenten aus Spott vor seinem Haus “Hep-Hep[25]Abkürzung für “Hierosolyma est perdita”: Jerusalem ist verloren. Der Ruf soll auf einen Schlachtruf von römischen Soldaten während der Belagerung Jerusalems im Jahr 70  zurückgehen. … Continue reading! Jud’ verreck’!” zu rufen und warfen ihm Bestechlichkeit vor. Wie eine Lunte weitete sich die Aktion rasend schnell in der ganzen Stadt aus. Auch das Kleinbürgertum beteiligte sich daran, alle jüdischen Gebäude und Häuser zu zerstören und zu plündern. Die Tumulte wurden immer zerstörerischer. Manche erinnerte der Zustand an eine Radierung Merians von 1617, die einen Progrom im Frankfurter Ghetto zeigt, ein anderer Augenzeuge wähnte sich im Jahr 1419 und nicht 1819.[26] Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 108f.

    Am Ende gab es zahlreiche Verwundeten und Tote. Die Behörden reagierte nich und erst als Soldaten eingriffen, trat Ruhe ein. Der Hass vieler Menschen blieb und sie forderten die Ausweisung aller Juden aus Würzburg.[27]Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 160. Wie in Würzburg war es in vielen anderen Städten.

    Da alles zerstört worden war, flohen viele Juden aus der Stadt ohne Hab und Gut auf das Land.[28]Vgl. Graetz, Geschichte der Juden, 334 und Elon, Aus einer anderen Zeit, 108. Ca. 90% der deutschen Juden waren arm oder sehr arm. 10% der sehr armen waren Bettler. Diese armen Würzburger Juden wehrten sich nicht gegen die Angriffe, weil sie entweder zu eingeschüchtert waren oder darin vertrauten, dass die Ordnung wieder hergestellt werden würde. Die Zurückhaltung des jüdischen Bürgertums jener 10% lässt vermuten, dass es sich nicht für das Schicksal des jüdischen Kleinbürgertums und der jüdischen Armen interessierte.[29]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 111.

    Die gleichen Vorgänge gab es in den folgenden Wochen auch in anderen deutschen Städten an der Küste, am Rhein und besonders südlich des Mains.[30]Vgl. Graetz, Geschichte der Juden, 335. Überall musste die Obrigkeit für Ordnung sorgen. Der Koblenzer Polizeichef schreibt in einem Bericht, die Erregung habe dermaßen überhand gewonnen, dass Übergriffe auf Juden als verdienstvoll angesehen würden.[31]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 109f.

    Ursachen für das Eingreifen des christlichen Kleinbürgertums in diese Tumulte gibt es viele. Politische Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und Verbitterung nach den Jahren nach den Befreiungskriegen, dürftiges Ergebnis des Wiener Kongresses, Passivität des Bundestages, schwere Wirtschaftskrisen[32]Nach der Aufhebung der Kolonialsperre konnte Handel und Gewerbe mit England nicht mehr mithalten., steigende Brotpreise nach Missernten und dadurch resultierende Armut[33]Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 160.. Die Unruhen zeigen eindringlich die Verflechtungen von lokalen Anlässen und politisch-sozialen Bedingungen mit historischen Traditionen. Beachtenswer sind die Unterschiede in den deutschen Ländern. Obwohl es in Preußen mehr reiche Juden gab als anderswo, gab es dort kaum Unruhen.

    Rühs war ein weiterer geistiger Begründer der deutschen Burschenschaft. Rühs rühmte sich damit, nie mit Juden verkehrt zu haben und kein jüdisches Haus betreten zu haben.

    Schon 1815 hatte der Berliner Geschichtsprofessor Friedrich Rühs ein Flugblatt mit dem Titel “Über die Ansprüche der Juden an das deutsche Bürgerrecht” verteilt. Darin teilte er die Ansicht, dass man den Juden keine Bürgerrechte gewähren dürfe und sie in die Schranken weisen und ausstoßen solle. Er bezeichnete die Juden als “geduldetes Volk”,  als Menschen ohne politische Rechte und als ortsansässige Fremde, da Deutschland nicht die Heimat der Juden wäre[34]Vgl. Kirchner (Hg.): Rabbi von Bacherach, S. 51. Ebenso: Kirchner, Heine und das Judentum, 72.. Fries schrieb eine Rezension über Rühs’ Flugblatt  “Über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden”[35]“[…] Nicht, den Juden, unsern Brüdern, sondern der Judenschaft erklären wir den Krieg. […] Die Judenschaft ist ein Ueberbleibsel aus einer ungebildeten Vorzeit, welches man nicht … Continue reading und stimmte darin Rühs’ Meinung nicht nur zu, sondern steigerte durch die Wahl seines Vokabulars die Aggressivität. Er erklärte dem Judentum den Krieg, weil sie rückständig wären. Er bezeichnete das Judentum als “Völkerkrankheit”, die sich wie Schmarotzer am Elend der anderen bereichere. Gleichzeitig nannte er die Juden aber auch Brüder. Hier wird deutlich, dass Fries nicht gegen die Juden als Menschen, sondern gegen das Judentum als Konfession wettere. Seine Forderungen waren:

    • Es soll versucht werden, die Juden zur Emigration zu überreden oder ins Ghetto zu bringen, da er ihnen nur dort Schutz versichern kann. Zudem soll kein Christ in persönliche Abhängigkeit von einem Juden kommen.
    • Jüdische Kinder müssen auf öffentliche christliche Schulen gehen und vor ihrem Ausbildungsabschluss auf ihre Christlichkeit überprüft werden. Zudem müssen sie unterschreiben, dass sie der jüdischen Lehre nicht anhängen.
    • Der Staat soll die Juden nur als Religionspartei und nicht als politische Partei schützen. Außerdem forderte er das mittelalterliche Schutzjudentum und das Judenabzeichen in Form einer “Volksschleife” wieder einzuführen.

    Noch weiter geht Hartwig Hundt-Radowsky[36](1780-1835), lernte Jahn und dessen Ideologie kennen und verfasste rachsüchtige, antinapoleonische Kriegslyrik. in seinem Flugblatt “Judenspiegel”: Jüdische Männer sollten entweder kastriert, an Engländer für Indien verkauft oder wegen ihres Spürsinns für Kostbarkeiten als Bergbauarbeiter eingesetzt werden.[37]Vgl. Kirchner (Hg.):  Rabbi von Bacherach, S. 57-59. Hundt-Radowsky empfahl, ihnen den Mund zuzukleben, damit sie nichts stehlen können.. Die jüdischen Frauen dagegen sollten wegen ihrer Schönheit ins Bordell gebracht werden und so die Bordell-Besucher durch den Juden nachgesagten Knoblauch- und Zwiebel-Mundgeruchs zu mehr Sittlichkeit zwingen.[38]Vgl. Sterling, Judenhaß, 69.

    Juden in der Burschenschaft bis 1831

    Heinrich Heine

    Einer der bekanntesten deutschen jüdischen Burschenschafter dieser Zeitspanne ist Heinrich Heine. Er wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Chaim Heine geboren. Er wuchs in Düsseldorf als Sohn eines Tuchhändlers in einer Zeit auf, als das linksrheinische Deutschland zum napoleonischen Frankreich gehörte. Durch die napoleonischen Gesetze zur Emanzipation der Juden, wuchs er frei auf.[39]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit. 97. In Bonn, Göttingen und Berlin studierte er Jura und wurde von seinem wohlhabenden Onkel Salomon aus Hamburg finanziert. Heine war nicht sonderlich begeistert, Jura zu studieren.[40]In seinen Memoiren schrieb er: „[…] Sie [Heines Mutter] meinte jetzt, ich müsse durchaus Jurisprudenz studieren. […] Da eben die neue Uni­versität Bonn errichtet worden, wo die … Continue reading Im Wintersemester 1819 schrieb er sich an der Universität in Bonn ein. Aber er hörte kaum juris­tische Studien, sondern viel lieber Geschichte, Literatur und Sprachwissenschaft.[41]Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 113.

    Heine schrieb während seiner Bonner Studienzeit sein relativ unbekanntes Theaterstück Almansor, aus dem der viel­zitierte Satz „Das war das Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ stammt.[42]Vgl. Decker, Heinrich Heine, 61.

    Heine wurde Mitglied in der Bonner Burschenschaft Alemannia, der etwa die Hälfte aller Bonner Studenten angehörten.[43]Vgl. Kopelew, Ein Dichter kam vom Rhein, 67. Ebenso: Liedtke, Heinrich Heine, 34. Diese gerade neu gegründete Verbindung hatte keine streng burschenschaftliche Ausrichtung.[44]Vgl. Liedtke, Heinrich Heine, 36. Sie bestand nicht auf der christlich-deutschen Ausbildung, sondern auf der Kommunikation der Studenten unterein­ander und so wurde auch der Jude Harry Heine aufgenommen. Heine war kein Aktivist, sondern besuchte nur gelegentlich ihre Treffen.[45]Vgl. Hädecke, Heinrich Heine,  110f. Während einer Burschenversammlung beispielsweise verstand sich die Versammlung als Gericht und forderte schließlich die Todesstrafe für den preußischen König. Heine war darüber entsetzt und diskutierte mit seinen Mitbrüdern. Am Ende stimmte die Mehrheit für die Hinrichtung. Daraufhin sagte Heine, dass er sehr traurig über dieses Urteil sei. Denn wenn man einmal im Namen der Freiheit zu foltern begänne, dann wäre der Anfang meistens leicht, aber das Ende schwer.[46]Zit. nach: Kopelew, Ein Dichter kam vom Rhein, 71f. Wie bei vielen Heine-Zitaten sollte sich seine Befürchtung als wahr herausstellen.

    Nach zwei Semestern verließ Heine Bonn, da der Familienrat beschlossen hatte, dass er an der anerkannten Universität in Göttingen weiterstudieren solle. Göttingen war noch wenige Jahre vor Heines Immatrikulation 1820 einer der in Europa angesehensten Universitäten, verlor dann aber stetig mehr den guten Ruf. Als Heine nach einem Fußmarsch von Bonn nach Göttingen dort eintraf, herrschte ein kühles, unpersönli­ches, unkameradschaftliches Klima.[47]Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 122. Heine fühlte er sich von Anfang an in Göttingen sehr unwohl und suchte manch­mal Abwechslung bei der Burschenschaft Guestphalia.[48]Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 187.

    An einem Tag aßen Heine und der Studenten Wilhelm Wiebel auf Eutin im „Englischen Hof“ und unterhielten sich über Verschiedenes und schließlich über den „Heidelberger Fall“, der in der Literatur nicht näher erläutert wird. Wenn eine Studentenverbindung eine andere in Verruf bringe, so ist das eine Schweinerei findet Heine, worauf Wiebel antwortete, dass es eine Schweinerei sei, so etwas zu dem Vorgang zu sagen. Heine forderte sich Wiebels Name und Adresse und ließ ihm kurz darauf die Duellforderung zukommen. Duelle waren aber seit einigen Jahren verboten und Spitzel wurden von der Universität gut dafür bezahlt, Duelle zu verraten.[49]Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 124. So erhielten beide Stubenarrest. In dem folgenden Verhör söhnten sich beide aus. Trotzdem erhielt Heine vom Universitätsgericht im Januar 1821[50]Das gesamte Protokoll zur Gerichtsverhandlung ist zu lesen bei Schmidt, Heine in Göttingen, S. 136-143. das Consilium abeundi. Außerdem wurde er wegen einem „Vorgehen gegen die Keuschheit“, einem Bordellbesuch, aus der Burschenschaft ausgeschlossen. Manche Forscher vermuten,  dass es ein Vorwand war. Denn war es zwar verboten, aber unter Studenten durchaus üblich war, ein Bordell zu besuchen. Der wirkliche Grund für den Ausschluss aus der Burschenschaft war wohl  Heines jüdische Religion. Denn Juden war es seit dem geheimen Burschentag am 29. 9. 1820 in Dresden verboten, in Burschenschaften Mitglied zu sein.[51]„Als solches, die kein Vaterland haben und für unseres kein Interesse haben können, nicht aufnahmefähig, außer wenn erwiesen ist, daß sie sich christlich-teutsch für unser Volk ausbilden … Continue reading Nur mit einer Taufe konnte man das Gebot umgehen. Heine war tief verletzt. Wenige Jahre später rechnete er in seinen Reisebildern hart mit Göttingen ab.[52]Vgl. Heine, Reisebilder. Die Harzreise. S. 3. Siehe auch: Heine, Wintermärchen. Caput X, S. 211. Da er an Syphilis erkrankte, musste er Göttingen nicht sofort verlassen.[53]Vgl. Decker, Heinrich Heine, 73.

    Heine zog weiter nach Berlin. Am 4. April 1821 trug sich Heine in die Matrikel der Stadt ein und lebte fortan im Berliner Zentrum. Auch hier gefiel es ihm nicht gut. Schuld daran war die harte Zensur seiner Schriften und die preußische Strenge. Ob Heine sich in Berlin auch einer Burschenschaft anschloss ist nicht bekannt, nach den Ereignissen in Göttingen aber unwahrscheinlich. Sein einsemestriges Studium in Berlin verlief ohne bekannte Zwischenfälle. Allerdings schloss er sich dem 1819 als Gegenreaktion zu den Hep-Hep-Unruhen gegründeten „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“ an und befasste sich mit seiner Religion, obwohl er nie tief religiös war. Aber hier bekam er die Idee für ein Prosa-Stück namens „Der Rabbi von Bacherach“, was anfangs als historischer Roman gedacht war und als Fragment endete.

    Noch mehr musste sich Heine nach seiner Promotion 1825 in Göttingen mit dem Judentum auseinandersetzen, da ihm drohte, wegen seiner Religionszugehörigkeit  keine Stelle zu bekommen. Aufgrund einer Verfügung von 1822 wurden Juden von akademischen Lehr- und Schulämtern ausgeschlossen.[54]Siehe § 9 des Emanzipationsediktes: “In wie fern die Juden zu andern öffentlichen Bedienungen und Staats-Aemtern zugelassen werden könne, behalten Wir Uns vor, in der Folge der Zeit, … Continue reading Anlass dazu war die Berufung des Rechtsphilosophen und Gegners der historischen Rechtsschule, Eduard Gans[55](1797-1839), stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie aus dem liberalen, assimilierten Judentum, studierte in Berlin und Göttingen Jura, Philosophie und Geschichte, bekam Einladung als … Continue reading, für eine Professur in Berlin. Gans war Vorsitzender des „Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden“ und ein Freund Heines. Diese neue Regelung wurde kurz vor Beginn der Amtseinführung von Gans in Kraft gesetzt und erhielt die Bezeichnung “Lex Gans”. Gans ließ sich taufen und konnte so den Lehrstuhl doch übernehmen.[56]Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 166.

    Heine plagten in dieser Zeit große Entscheidungsprobleme. Sein Judentum wurzelte in einer tiefen Antipathie gegen das Christentum. Aber er befasste sich mit dem Gedanken, dass er sich irgendwann taufen lassen musste, auch wenn er es nicht wollte.[57]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 127. Auch seine Familie drängte ihn zu diesem Schritt. Im Juni 1825 war es soweit und er ließ sich taufen.

    Die Pfarrer bestanden meist darauf, dass man mit der Taufe einen neuen christlichen Vornamen annahm. Aus Harry Heine wurde nun Christian Heinrich Heine. Er bezeichnete später in Prosaaufzeichnungen den Taufzettel als “Entréebillet zur europäischen Kultur”.

    Schon kurz nach seiner Taufe bedauerte er diesen Schritt, da sich die erhofften Vorteile nicht einstellten. In einem Brief an seinen Freund und ebenfalls Mitglied des Vereins, Moses Moser, klagte er, dass seine Taufe gar nichts an seiner beruflichen Situation geändert hätte.[58]„Ich bereue es sehr, daß ich mich getauft habe; ich sehe noch gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sei.“ zit. nach: Elon, Aus einer anderen Zeit, 29. Ein Grund dafür, dass er keinen Arbeitsplatz bekam, wird wohl auch seine politische Ansicht gewesen sein. Er fühlte sich immer noch mehr dem Judentum als dem Christentum zugetan. War doch seine Konvertierung nicht aus religiöser Überzeugtheit, sondern aus gesellschaftlicher Hoffnung geschehen. So sagte er, er sei getauft, aber nicht bekehrt.[59]Vgl. Höxter, Quellenbuch zur jüdischen Geschichte, 38. Als der Dichter Graf von Platen ihn öffentlich wegen seiner jüdischen Verbundenheit angriff, machte Heine Platens Homosexualität publik und machte damit von Platen gesellschaftlich unmöglich.

    Die Verfechter der christlich-deutschen Ausbildung der Studenten, wie zum Beispiel Jahn, Arndt oder Fries, betrachteten Heine argwöhnisch. Er entsprach ihrem Feindbild: Heine wollte zwar die deutsche Einheit und verfocht sie in seinen Schriften, mochte aber die Franzosen und war ganz und gar kosmopolitisch eingestellt. Er war ein zum Christentum konvertierter Jude, der sich aber weiterhin sich als Jude fühlte. Heine schrieb in seiner sarkastischen Art scharf gegen die „Deutschtümler“.

    Zu diesem  Zeitpunkt lebte er schon in Paris, wohin er 1831 vor der preußischen Zensur geflüchtet war. Er arbeitete dort weiterhin als Schriftsteller, aber auch Pariser Korrespondent für die deutsche „Allgemeine Zeitung“.

    1832 verschlechterte sich seine Krankheit, die er schon seit seinen Kindheitstagen mit sich trug. Bis heute ist man sich nicht sicher, welches Nervenleiden er hatte, aber es wird bei den meisten Forschern von Multipler Sklerose ausgegangen. Zeitgleich mit dem Ausbruch der Revolution 1848 in Deutschland wurde Heine für die letzten acht Jahre seines Lebens bettlägerig.[60]„Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging“ zit. nach: Heine, Romanzero, S. 6. Er selbst bezeichnete diese Phase als „Matratzengruft“. Trotzdem schrieb er bis zu seinem Tod weiter. Er starb am 17. Februar 1856 in Paris.

    Felix Mendelssohn Bartholdy

    Felix Mendelssohn Bartholdy wurde am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren. Er stammte aus einer respektierten, wohlhabenden, jüdischen Familie und war ein Enkel des schon erwähnten berühmten Philosophen Moses Mendelssohn. Moses Mendelssohn starb kurz nach der Geburt seines Sohnes Abraham. Abraham erzog seine Kinder christlich, ließ Felix am 21. März 1816 protestantisch taufen und den Namenszusatz “Bartholdy” anfügen.

    1811 zog die Familie wegen der französischen Besetzung nach Berlin zur verwitweten Frau von Moses Mendelssohns, der Großmutter von Felix.

    Felix mochte besonders seine Schwester Fanny (*1805). Sie war wie Felix musikalisch hochbegabt. Beide bekamen als 2jähriger bzw. 6jährige 1811 ihren ersten Musikunterricht. 1818 trat Felix als 9jähriger zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf und komponierte in den folgenden drei Jahren über 100 Werke.[61]Vgl. Konold, Felix Mendelssohn Bartholdy, S. 31. 1825 zog er nach Paris, wo er drei berühmte Musiker seiner Zeit traf: Meyerbeer, Rossini und Cherubini.

    Nach seinem Studium, über das man nichts genaues erfährt, übernahm er 1832-1835 zahlreiche Reisen nach England, wo er zu Dirigaten eingeladen wurde. 1835 zog Mendelssohn Bartholdy nach Leipzig, unternahm aber weiterhin Reisen nach England. Bei der Heimkehr einer dieser Reisen erreichte ihn die Todesnachricht seiner Schwester Fanny. Daraufhin brach er zusammen, zog sich zurück und machte mehrere Monate in der Schweiz Urlaub. Er erlitt innerhalb einer Woche zwei Schlaganfälle, fiel ins Koma und starb am 4. November 1847.

    Die Denk- und Verhaltensweisen bei Mendelssohn Bartholdy und Heine waren verschieden: Heine war bei seiner Taufe bereits erwachsen und ließ sich nur aus gesellschaftlichen Gründen taufen. Mendelssohn Bartholdy hatte nicht diesen Konflikt, da sein Vater ihn früh in der christlichen Lehre unterwiesen hatte. Er hatte in seiner Kindheit wenig mit Theologie und Judentum zu tun. Trotzdem fühlte er sich solidarisch mit Juden. Nicht, weil er als Jude geboren worden war, sondern weil er sich ganz im Stil seines Großvaters als “human denkender aufklärungs-freundlicher, gottesfürchtiger Christ” sah.[62]Vgl. Werner 66f. Ein Zeitgenosse von ihm sagte scherzhaft, dass die Taufe das einzig Jüdische an ihm sei.[63]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 87. Heine war mit Abraham Mendelssohn und seiner Familie gut bekannt, verstand aber  Felix’ Einstellung nicht. Für ihn war es unvorstellbar, dass sich Mendelssohn Bartholdy als Enkel Moses Mendelssohns nicht mehr für die Emanzipation der Juden einsetzte. Dass Felix ganz im Sinne seines Großvaters dachte, verstand er wohl nicht. Heine verehrte Moses Mendelssohn. An Ferdinand Lassalle, einen anderen jüdischen Burschenschafter, schrieb Heine, dass er sich an Mendelssohn Bartholdys Stelle anders verhalten würde, wenn Mendelssohn sein Großvater wäre.

    Wenn ich das Glück hätte, ein Enkel von Moses Mendelssohn zu seyn, so würde ich mein Talent nicht dazu hergeben, die Pisse des Lämmleins in Musik zu setzen.[64]Hier spielt Heine darauf an, dass es Mendelssohn Bartholdy nach langem Kampf gelungen war, Bachs nahezu vergessene Matthäus-Passion wiederaufzuführen. Heine fand es seltsam, dass ein Judenjunge den … Continue reading Aber auch wenn Heine Mendelssohn Bartholdys Einstellung nicht einverstanden war, mochte er ihn und verehrte ihn auch etwas.[65]Vgl. Heine, Geständnisse, S. 38.

    Aber nicht nur das Christentum bzw. die christliche Musik verhalfen Mendelssohn Bartholdy zu seiner Karriere, sondern auch die Burschenschaft und Nationalbewegung halfen der Familie Mendelssohn Bartholdy beim gesellschaftlichen Aufstieg. Das wurde zu jener Zeit nicht vielen konvertierten Juden zuteil. Mendelssohn Bartholdy schrieb viele Männerchöre, die bei Gesangvereinen und auch Burschenschaftern gut ankamen. Besonders beliebt war “Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben” und das so genannte “Lied für die Deutschen in Lyon” (“Was uns eint als deutsche Brüder”).[66]Vgl. Lönnecker, Frühe Burschenschaft und Judentum, 78f.

    Friedrich Julius Stahl

    Friedrich Julius Stahl wurde am 16. Januar 1802 in Würzburg als Friedrich Julius Jolson geboren. Er wuchs im Haus seines Großvaters, einem Vorsteher der jüdischen Gemeinde München, auf. Er konvertierte in Erlangen unter dem Einfluss des neuhumanistischen Pädagogen und Schulreformers Friedrich Tiersch aus Überzeugung zum Protestantismus und nahm den programmatischen Namen “Stahl” an.

    In Würzburg, Heidelberg und Erlangen studierte er Jura. In Würzburg wurde nicht streng nach den Karlsbader Beschlüssen durchgefasst und die Burschenschaften inoffiziell nicht aufgelöst.[67]Wahrscheinlich, weil Kronprinz Ludwig von Bayern Metternich feindlich gesinnt war. Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, S. 46. Stahl wurde sofort Mitglied in der Burschenschaft und war begeistert vom Leben mit Gleichgesinnten. Hier stand Stahl politisch für den gemäßigten, französischen Liberalismus ein. Durch seine intellektuelle Begabung und sein rhetorisches Talent war er bald in der Gruppe sehr angesehen. Schon im zweiten Semester wurde er Senior, Sprecher der Burschenschaft.[68]Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, S. 47f.

    Am 20. Juli 1820 beging die Würzburger Burschenschaft die Feierlichkeit zu ihrem zweijährigen Stiftsfest und lud die Burschenschaften aus Tübingen und Heidelberg ein.[69]Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 50. Kurze Zeit später wechselte Stahl an die Universität in Heidelberg. Heidelberg war der Mittelpunkt der deutschen Romantik. Die Heidelberger Burschenschaft zeigte nationale wie nationalistische Bestrebungen, die sich auch in zwei Burschenschaften schied. Die “Allgemeine Burschenschaft” war eher humanitär-rationalistisch geprägt und nahm auch Ausländer und Nicht-Christen auf und die Burschenschaft um Fries, die streng deutsch-christlichen Idealen nachstrebte. Als Stahl nach Heidelberg kam, gab es dort nur noch die Burschenschaft um Fries. Stahl war in Heidelberg schon so bekannt und gefeiert, dass er noch während seines ersten Semesters zum Senior gewählt wurde. Während seiner Zeit gab es in Heidelberger Burschenschaft eine neue Verfassung, die die christlich-deutsche Ideologie als Grundlage hatte.[70]Vgl. Masur Friedrich Julius Stahl, 54f. Um seine Studien zu vollenden ging er nach Erlangen. Hier veränderte er sich. Aus nicht näher bekannten Gründen wandte er sich stärker dem Christentum und seinen Idealen zu als denen der Burschenschaft.[71]Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 62. Er brach mit den burschenschaftlichen Forderungen und trat im Winter 1822 der Erlanger Burschenschaft bei, in der Absicht, sie aufzulösen. Sein politisches System befürwortete einen Gottesstaat mit einem starken, absolutistisch-herrschenden Monarchen, dem die Untertanen dienen müssen.[72]Vgl. Masur,  Friedrich Julius Stahl, 71. Mit den damaligen Forderungen der Burschenschaft nach einer Republik und Absetzung des Königs hinterging man nach Stahls Meinung den Staat. Stahls Absicht, die Burschenschaft aufzulösen, wurde aber verraten und um die wütenden Studenten zu beruhigen, erklärte er, dass die Anschuldigungen nicht stimmten. Die Burschenschafter glaubten ihm. Damit war aber Stahls Plan gescheitert.[73]Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 69.

    Im Juni 1823 erließ die Polizei in Erlangen Warnungen an die Studenten wegen der eigentlich verbotenen Verbindung. Die Regierung hatte von der Teilnahme Stahls am Streitberger Burschentag erfahren und fahndete nach ihm. Am 16. August verhörten sie Stahl. Bei der Vernehmung gab Stahl zu, in Streitberg gewesen zu sein, leugnete aber, die Namen der Deputierten zu kennen und auch, von einer Uni abgeordnet zu sein. Der Kommissar ordnete die Durchsuchung seiner Wohnung und Beschlagnahmung aller Papiere an. In seinem Zimmer befand sich zu diesem Zeitpunkt ein Brief, aus dem der Fortbestand der Erlanger Burschenschaft hervorgeht. Da man die Tür der Wohnung verschlossen fand, erbot sich Stahl,  von einem Nebenzimmer aus zu öffnen. Er wollte in der Zwischenzeit den Brief beseitigen. Allerdings waren ihm die Polizisten gefolgt und fanden den Brief. Stahl gestand nun auch den Vorbestand der Burschenschaft und verschwieg nichts mehr. Die Polizei löste die Verbindung sofort auf. Stahl verlor wegen daraufhin die Möglichkeit, als Staatsdiener zu arbeiten, was ihn hart traf. Am 27. August 1823 reichte er dem Direktorium der Uni seine Verteidigungsschrift ein mit der Bitte, sie an die höchste Stelle gelangen zu lassen. In dieser Schrift sprach er seine Richter direkt mit moralischen, religiös-ethischen Begründungen und rhetorische Fragen an. Der Ministerialkommissar erstattete am 23. 9. 1823 der Regierung einen Bericht zu Gunsten Stahls . Trotzdem verhängte das Direktorium der Universitäts- und Staatspolizei am 17. Januar 1824 über ihn die Relegation. Der Gnadenersuch an den bayrischen König war teils erfolgreich. Am 20. April war der Urteilsspruch des Königs Relegation auf 2 Jahre bei tadelfreiem Betragen und Nichtbeteiligung an gesetzeswidrigen Verbindungen.[74]Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 75f.

    Im März 1827 habilitierte er sich und wurde Professor in München, Erlangen und Berlin. In Berlin wurde er der Nachfolger von Eduard Gans. Seine Vorlesungen waren gesellschaftliche Ereignisse, zu denen sich sogar Mitglieder des Königshauses einfanden.[75]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 83. König Friedrich Wilhelm IV. ernannte ihn 1849 zum lebenslangen Mitglied der Ersten Kammer. Damit war er der Führer der reaktionören Bewegung … Continue reading Er wurde eine der prägenden Personen für den Konservatismus in Preußen. Bismarck schrieb von “unserem geliebten  Stahl”.[76]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 184. Stahl nutzte auf kirchlichem Gebiet seine Stellung als Mitglied des evangelischen Oberkirchenrates zur Lockerung der Union, zur Stärkung des Neuluthertums und zur Erneuerung der Herrschaft der Geistlichkeit über die Laienwelt.

    Er verfasste zahlreiche religiöse und politische Schriften. Zu seinen Hauptwerken gehörte “Die Philosophie des Rechts” (1830-37). Er forderte die Anerkennung einer göttlichen Ordnung und einer darauf aufbauenden Staatsform. Am liebsten die konstitutionelle Monarchie. Er wurde so auf religiösem Gebiet strengster Verkünder des christlichen Offenbarungsglauben und auf politischem Gebiet glühendster Verfechter des Legitimitätsprinzips.

    In seinem Werk “Der christliche Staat” argumentierte er, dass es der göttlichen Ordnung widerspreche, wenn Juden Führungspositionen einnahmen. Das verwundert, da er selbst als Jude geboren wurde. Jedoch muss man bedenken, dass Stahl als Junge “missioniert” wurde und aus echter Überzeugung zum protestantischen Glauben übergetreten war und nicht wie andere aus gesellschaftlichen Gründen. Seiner Meinung nach sollten die Juden volle bürgerliche, jedoch keine politischen Rechte erhalten. Politische Entschlossenheit erfordere einen autoritären Staat und keine Demokratie. Ausgerechnet seine Lehren von christlichen Staaten schürten den Antijudaismus.[77]Vgl. Lönnecker, Frühe Burschenschaft und Judentum, 78. So ist es auch nicht verwunderlich, das Stahl 1848 mit Beginn der Revolution aus der Hauptstadt floh. Seiner Meinung nach half nur das Christentum gegen die Revolution.

    Der Gedanke an ein vereintes Deutschland war ihm erst in der Burschenschaft gekommen. Doch schien er es völlig vergessen oder verdrängt zu haben, weil er nun die Burschenschaft keineswegs mehr schätzte.[78]Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 78. Nun predigte er die Tugend der Tradition, die Unfehlbarkeit der christlichen Lehre und das Recht des Monarchen, unumschränkt zu herrschen. Die Aufklärung war für ihn deshalb ein Übel, weil sie die göttliche Ordnung von Kirche und Thron zerstört habe[79]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 183.. Er starb schließlich am 10. August 1861 in Bad Brückenau.

    Juden in der Burschenschaft ab 1831

    Ludwig Bamberger

    Ludwig Bamberger wurde am 22. Juli 1823 in Mainz als Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie geboren.[80]Im Mainzer Archiv findet man unter der Signatur “ZGS / A-E, Bamberger” Zeitungsartikel mit dem Lebenslauf und dem Stammbaum Bambergers. Mainz war die erste Republik auf deutschem Boden, gegründet von französischen Jakobinern 1793. Die jüdische Gemeinde, die sich hier über die Jahrhunderte angesiedelt hatte, spürte auch nach Ende des napoleonischen Regimes noch die positiven französischen Einflüsse. Ihre soziale Lage hatte sich seitdem nicht verschlechtert.

    Bamberger studierte in Mainz und Heidelberg Jura. In Heidelberg war er sehr beliebt, auch war er politisch sehr engagiert. Religionen allerdings waren ihm gleichgültig. Er hatte das Glück, etwas später als Heine geboren zu sein, da sich die Burschenschaften 1831 wieder für Juden geöffnet hatten und die Juden nicht mehr so sehr wie die in den 1820er und 1830er Jahren eingeengt wurden. Er war Mitglied in der Burschenschaft Wallhalla.

    Am Morgen des 25. Februar 1848, kurz nach Bambergers Promotion, erreichte ihn die Nachricht einer erneuten französischen Revolution. Mit ein paar Freunden fuhr er mit dem nächsten Zug nach Paris und mischte sich unter das Treiben auf den Pariser Straßen. Bald jedoch bekamen Bamberger und seine Kommilitonen Zweifel und Angst um ihre beruflichen Chancen im Deutschen Bund, falls sie in Paris erkannt werden würden. So fuhren sie wieder zurück nach Heidelberg. Bei einem Umsteigestopp in Karlsruhe erfuhren sie, dass auch in Karlsruhe die Revolution ausgebrochen war. Die Unruhen breiteten sich auf Heidelberg aus. Auch dort forderte man nun auch in Heidelberg allgemeines Stimmrecht, Pressefreiheit und ein gesamtdeutsches Parlament.

    Bamberger ging zurück in seine Heimatstadt Mainz, wo eine Woche nach den Märzunruhen in Berlin die Revolution ausbrach. Er wurde neuer Redakteur bei der Allgemeinen Zeitung und rief in ihr dazu auf, sich der Bewegung anzuschließen. Bamberger wurde in Mainz als großer Redner und Kolumnist als “roter Ludwig”  bekannt und von den Gleichgesinnten verehrt.[81] Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 153f. Auch als einer der Anführer der radikalen Demokraten machte er sich einen Namen. Schließlich gewährte der Großherzog von Hessen-Darmstadt die geforderten Rechte: Versammlungs- und Petitionsfreiheit, Pressefreiheit, Abschaffung verschiedener polizeilicher Vorschriften inklusive des Verbotes, in der Öffentlichkeit Pfeife zu rauchen.[82]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 165. Nach dem Scheitern der Frankfurter Nationalversammlung war Bamberger zutiefst enttäuscht, verließ die Mainzer Zeitung und reiste dem Rumpfparlament nach. Als auch dieses scheiterte, ging er in die Schweiz. In den deutschen Ländern wurde er in Abwesenheit zuerst zu einer Zuchthausstrafe und 1852 zu Tode verurteilt. In der Schweiz machte er als Bankier Karriere. 1856 lernte er wenige Monate vor dessen Tod den todkranken Heine in Paris kennen.[83]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 186f.

    Als 1867 der Großherzog von Hessen-Darmstadt eine Amnestie für die Veteranen von 1848 erließ und Hessen-Darmstadt Mitglied im norddeutschen Bund wurde, zog Bamberger zurück nach Mainz. Hier stürzte er sich sofort wieder in die Politik, trat der Nationalliberalen Partei bei und wurde ins Zollparlament gewählt.[84]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 192. Er war ein energischer Vertreter der Währungsunion und 1869/70 an der Gründung der Deutschen Bank beteiligt. Ein Jahr später wurde er persönlicher Berater Otto von Bismarcks. Nach dem preußischen Sieg 1871 über Frankreich empfahl der frankophile Bamberger, die Franzosen im Sinne einer schnellen Aussöhnung nicht zu sehr zu brüskieren. Ob der Missachtung war er sehr entsetzt.[85]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 195. 1871-1893 war er Mitglied des Reichstages als Abgeordneter des Wahlkreises Bingen-Alzey, den er als führendes Mitglied der nationalliberalen Fraktion meist sicher gewann, obwohl er wegen seiner Konfession oft angefeindet wurde. So z. B. von dem Antisemiten und seinem zeitweisen Fraktionskollegen Heinrich von Treitschke.[/fn]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 105. Ludwig Bamberger starb am 14. März 1899 in Berlin.

    Berthold Auerbach

    Berthold Auerbach wurde am 28. Dezember 1812 als Moses Baruch Auerbacher in Nordstetten[86]Heute Horb am Neckar. als Sohn eines Händlers geboren. Er besuchte die 1822 in Nordstetten eröffnete jüdische Gemeindeschule, da er nach dem Vorbild seines Großvaters ebenfalls Rabbiner werden sollte. Nach seiner Bar Mitzwa 1825 ging er auf die Talmudschule in Hechingen[87]Ich verbrachte dort ein trauriges Stück Leben.“, zit. nach Scheuffelen, Berthold Auerbach, 30. und wechselte 1827 nach Karlsruhe auf die Rabbinerschule. Die finanzielle Lage seiner Familie nach dem Tod seines Großvaters wurde so desolat, dass sie das Schulgeld für die Talmudschule nicht mehr bezahlen konnten. In Karlsruhe wohnte er bei seinem Onkel und begann eine lebenslange Freundschaft zu seinem entfernten Verwandten Jacob Auerbach (1810-1887) aus Emmendingen. 1830 wechselte er an das Obere Gymnasium nach Stuttgart und stand der verbotenen Schüler- und Studentenverbindung Amicitia nahe. Ab 1832 studierte er ein Semester Jura, dann Philosophie in Tübingen und wird Mitglied bei der Burschenschaft Germania. Er war von der Einheitsbewegung begeistert. So sagte er:

    Ich bin Deutscher und kann nichts anderes sein. Ich bin Schwabe und will nichts anderes sein. Ich bin Jude. All das zusammen gibt die richtige Mischung.[88]Zit. nach: Elon, Aus einer anderen Zeit, 169.

    1833 immatrikulierte er in München, da ihm der politische Druck in Tübingen zu arg wurde.[89]Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 31f. Doch blieb er bei der Germania weiterhin Mitglied und feierte mit ihnen am 22. Juni 1833. In der darauffolgenden Nacht wurde er wegen staatsfeindlicher Umtriebe als radikal-liberaler Burschenschafter verhaftet und auf die Polizeiwache mitgenommen. Am 24. Juni wurde er aus der Haft entlassen, aber ins obergerichtliche Gefängnis[90]Wurde “Demagogenherberge” genannt, da dort fast nur verurteilte Burschenschafter saßen. in Tübingen versetzt, wo noch andere Burschenschafter saßen.[91]Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 34. Daraufhin zwangsexmatrikulierte ihn die Universität München, allerdings durfte er in Heidelberg sein Studium abschließen.[92]Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 29. Im Spätherbst 1835 bereitete er sich auf sein Rabbinerexamen vor, wurde dann aber wegen “der veralteten und doch nicht antiquierten Demagogengeschichte”[93]Zit. Nach: Scheuffelen, Berthold Auerbach, 40. nicht zu gelassen und wandte sich der Schriftstellerei zu. Er schrieb Artikel für die Zeitung “Europa”.[94]Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 40.

    Am 12. Dezember 1836 kam es zur “Erledigung der Untersuchungssache gegen die Mitglieder der Tübinger Burschenschaft wegen Verdachts einer hochverrätherischen Verbrüderlichkeit”. Auerbach wurde zu zwei Monaten Festungshaft verurteilt, die er vom 8. Januar bis 8. März 1837 absaß. Danach kehrte er nach Stuttgart zurück.[95]Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 42.

    Als Schriftsteller erreichte er 1843 seinen Durchbruch mit den “Schwarzwälder Dorfgeschichten” und beeinflusste damit u. a. auch Balzac, Turgenjew und Tolstoi. Als 1848 die Revolution durch Deutschland zog, hielt er sich in Heidelberg auf und freute sich riesig über den Ausbruch.

    Er hatte lange keine Probleme mit Anfeindungen, obwohl er nicht konvertierte. Diesen außergewöhnlichen Status genoss er sehr.[96]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 171f. Noch in den 1870er Jahren erklärte er, dass die Integration der Juden nun eine unumstößliche Sache wäre.[97]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 209. Aber diese Freude wurde ihm allerdings bald genommen. Seine Lebensweisheit “Die Juden sind Kinder des Mitleids. Sie verstehen, Leid zu tragen, zu lindern, weit besser, als Freude zu schaffen.”[98]Zit. nach: Wolbe, Lebensweisheiten … Auerbachs, 17. brauchte er im Alter. 1880 berichtete er weinend einem Freund, dann man ihm “Hep-Hep” nachrufen hätte. Und das, wo er sein ganzes Leben für das deutsche Volk gearbeitet hätte und er niemandem mit seinem Patriotismus nachstehe.[99]Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 219.

    “Auerbach, über Nacht gealtert, ‘ein kranker, lebensmüder, gebrochener Greis, gelb und trocken die Haut, die Augen glanzlos’, wurde immer verzweifelter. Am 22. November 1880 verbrachte er den Nachmittag auf der Besuchertribüne des preußischen Abgeordnetenhauses, das über einen Antrag auf Rücknahme des Gleichstellungsgesetzes diskutierte. Niedergeschlagen kehrte Auerbach nach Hause zurück. Seine Verzweiflung und das, was zwei Generationen später die Tragödie aller deutschen Bürger jüdischen Glaubens werden sollte, resümierte er tags darauf in dem Satz: ‘Vergebens gelebt und gearbeitet!’.[100]Zit. nach: Elon, Aus einer anderen Zeit, 220.

    Schluss

    Der Judenhass des frühen 19. Jahrhunderts war nicht wie im Mittelalter Ergebnis auf Unwissenheit begründet, sondern von wachsender Vertrautheit. Er richtete sich nicht gegen fremd wirkende Traditionalisten, sondern gegen die assimilierte jüdische Mittelschicht. Früher hatten die Menschen Furcht und manchmal blinden Hass gegen die unbekannte, geheimnisvolle Gemeinschaft. Nun empfand man Antipathie gegenüber einem Volk, das nun selbst Deutsch schrieb und sprach und das zu kennen man zutiefst überzeugt war. Aber es schien ihnen nur so.

    In Realität war es eine extreme Form der Romantik, die sich in erster Linie gegen alles aus der Epoche der Aufklärung wehrte und das Christentum als deutsche “Staatsreligion” verstand und damit das Judentum in Deutschland nicht überlebensfähig machte. Aber sie richtete sich immer noch gegen das Judentum als Religion und Glaubensgrundsatz, nicht gegen die Juden als Menschen.

    Diese extreme Meinung war allerdings nicht überall zu finden, sondern nur vereinzelt bei bestimmten Burschenschaften. Andere Burschenschaften spürten einen Zwang und zogen nach. Aber nicht aus Überzeugtheit, sondern aus “Mitläuferzwang”. Natürlich gab es dennoch einige sehr radikale Burschenschaften, wie die schon beschriebenen Jenaer Unbedingten und Gießener “Schwarzen”, um die sehr puritanischen Brüder Follen, der in Christus sein Vorbild sah und genauso rein und konsequent, wie er sein wollte. Hier manifestierte sich die Trennung zwischen aufgeschlosseneren “Arminen” und extrem nationalen “Germanen”.

    Diese Arbeit soll mit dem Vorurteil aufräumen, Juden wären im frühen 19. Jahrhundert in Burschenschaften nicht   willkommen gewesen, denn das kann man so pauschal nicht sagen.

    Juden konnten sicher durch Assimilation in manche Burschenschaften schon vor 1831 eintreten. Viele deutsche Juden, meist aus dem Bürgertum, konvertierten in dieser Zeit oft aus eigenem Antrieb aus meist pragmatischen Gründen zum Christentum. Der Taufakt geschah wie bei Heine und Gans eher beiläufig. Meist konvertieren nicht-praktizierende Juden und wurden zu nicht-praktizierenden Christen. Aber die Religion anzunehmen war eine Möglichkeit, seine politische Identität zu beweisen. Nur die aufgeklärten Christen erwarteten von den Konvertiten nicht, dass sie tatsächlich an die Dogmen glaubten, an die sie selbst nicht mehr glaubten. Andere Gründe waren das Stigma des „dreckigen Juden“ loszuwerden, in den Staatsdienst aufgenommen zu werden oder überhaupt eine berufliche Chance zu erhalten. Dieses ist bei Heinrich Heines Leben zu beobachten.

    Felix Mendelssohn Bartholdy bekam von dem Judenhass wenig mit, da ihn sein Vater früh taufen ließ und ihn auch christlich erzog. Auf Grund seines aufklärerischen Gedankengutes fühlte er aber mit dem Schicksal der Juden mit. Anders Friedrich Julius Stahl, der in seinem späteren Leben aus christlicher Überzeugtheit gegen die Juden und auch die Burschenschaften wetterte, obwohl er beiden einmal angehört hatte.

    1831 wurden Burschenschaften dann wieder zugelassen, wo von auch Bamberger und Auerbach sehr profitierten. Sie hatten in ihrer Studienzeit keine großen Probleme zu beweisen, dass sie auch für die deutsche Einheit kämpfen. Erst in den 1880er Jahren, als die Emanzipation schlagartig umkippte und der Antisemitismus geboren wurde, spürten auch sie, wozu Judenhass möglich war und verzweifelten daran. Wie wäre die Emanzipation von 1812 ausgegangen, wenn sie eins oder zwei Generationen früher zur Zeit Moses Mendelssohns proklamiert worden wäre?

    Es war fatal für die Juden, dass es in die Zeit des heraufkommenden Nationalismus fiel, der Deutschland für 100 Jahre beeinflusste.

    Quellen- und Literaturverzeichnis

    Quellenverzeichnis

    • Mainzer Stadtarchiv, Signatur ZGS / A-E, Bamberger.
    • Heine, Heinrich: Der Rabbi von Bacherach. In: o. N. (Hg.): H. Heines sämmtliche Werke. Hamburg 1884. Elfter Band. S. 3.
    • Heine, Heinrich: Almansor. In: o. N. (Hg.): H. Heines sämmtliche Werke. Hamburg 1884. Vierter Band. S. 3.
    • Heine, Heinrich: Reisebilder. In: o. N. (Hg.): H. Heines sämmtliche Werke. Hamburg 1884. Fünfter Band. S. 3.
    • Heine, Heinrich: Deutschland. Ein Wintermärchen. In: o. N. (Hg.): H. Heines sämmtliche Werke. Hamburg 1884. Zweiter Band. S. 189.
    • Heine, Heinrich: Romanzero. In: o. N. (Hg.): H. Heines sämmtliche Werke. Dritter Band. Hamburg 1884. S. 3.
    • Heine, Heinrich: Geständnisse. In: o. N. (Hg.): H. Heines sämmtliche Werke. Hamburg 1884. Achter Band. S. 3.

    Literaturverzeichnis

    • Brunck, Helma: Die deutsche Burschenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. München 1999.
    • Czermak, Gerhard: Christen gegen Juden. Geschichte einer Verfolgung. Von der Antike bis zum Holocaust, von 1945 bis heute. Hamburg 1997.
    • Decker, Kerstin: Heinrich Heine. Narr des Glücks. Berlin 2005.
    • Dvorak, Helge: Burschenschaft und Judenfrage. Berühmte Juden als Burschenschafter. In: Burschenschaftliche Blätter 114/2. o. O. 1999.
    • Elon, Amos: Aus einer anderen Zeit. Porträt der jüdisch-deutschen Epoche 1743-1933. Stuttgart 2005.
    • Graetz, Henrich: Geschichte der Juden. Band 11. o. O. 1900².
    • Haber, E. R.: Dokumente zur Deutschen Verfassungsgeschichte. Band 1. Stuttgart ³o. J..
    • Hädecke, Wolfgang: Heinrich Heine. Eine Biographie. München 1985.
    • Höxter, Julius: Quellenbuch zur jüdischen Geschichte und Literatur. 5. Teil. Neueste Zeit: 1789 bis zur Gegenwart. Frankfurt/Main 1930.
    • Huber, E. R.: Dokumente zur Deutschen Verfassungsgeschichte. Band 1. Stuttgart ³2000.
    • Jacob, Heinrich Eduard: Felix Mendelssohn und seine Zeit. Bildnis und Schicksal eines Meisters. Frankfurt/Main 1981.
    • Kampmann, Wanda: Deutsche und Juden. Studiun zur Geschichte des deutschen Judentums. Frankfurt 1994.
    • Kirchner, Hartmut (Hg.): Heinrich Heine. Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment. Stuttgart 2004.
    • Kirchner, Hartmut: Heinrich Heine und das Judentum. Bonn 1973.
    • Koehler, Benedikt: Ludwig Bamberger. Ideologie statt Realpolitik. Stuttgart 1987.
    • Konold, Wulf: Felix Mendelssohn Bartholdy und seine Zeit. o. O. 1984.
    • Kopelew, Lew: Ein Dichter kam vom Rhein. Heinrich Heines Leben und Leiden. o. O. o. J.
    • Kortländer, Bernd (Hg.): Die Worte und die Küsse sind wunderbar vermischt… . Stuttgart 2005.
    • Kruse, Joseph A.: “Ich Narr des Glücks”. Heine Heine 1797 – 1856. Bilder einer Ausstellung. Stuttgart 1997 .
    • Liedtke, Christian: Heinrich Heine. Hamburg 1997.
    • Lönnecker, Harald: Frühe Burschenschaft und Judentum. In: Burschenschaftliche Blätter 114/2. o. O. 1999.
    • Masur, Gerhard: Friedrich Julius Stahl. Geschichte seines Lebens. Aufstieg und Entfalung 1802-1840. Berlin 1930.
    • Scheuffeler, Thomas (Hg.): Berthold Auerbach. 1812-1882. Marbach a. N. 1986.
    • Schmidt, Roderich (Hg.): Heine in Göttingen. Göttingen 2004.
    • Sterling, Eleonore: Judenhaß. Die Anfänge des politischen Antisemitismus in Deutschland (1815-1850). Frankfurt 1969.
    • Werner, Eric: Mendelssohn. Leben und Werk in seiner Sicht. Zürich/Freiburg i. Br. 1980.

    Fußnoten

    Fußnoten
    1 Vgl. Heine, Rabbi von Bacherach, S. 15.
    2 Werke, die nicht in Jiddisch geschrieben waren, waren jedoch damals Juden verboten zu lesen, da sie als „verderblich“ angesehen wurden.  Aber Mendelssohn hatte Glück und ebenso weltoffene Unterstützer.
    3 Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 100.
    4 Vgl. Czermak, Christen gegen Juden, 118.
    5 Der Begriff Antisemitismus, der den Hass gegen die jüdische Rasse beschreibt und in den 1880er Jahren erst geprägt wurde, war hier nicht der Auslöser. Und dennoch wurde hier die Wiege für ihn gelegt.
    6 Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 134.
    7 Vgl. Czermak, Christen gegen Juden, 117.
    8 (1781-1831), Jurastudium. Publizist, viele Reisen. Brachte  mit Brentano “Des Knaben Wunderhorn” heraus.
    9 Mit “Philister” sind in der Sprache der Studentenverbindung die “Alten Herren” gemeint, also ehemalig Aktive in einer Verbindung.
    10 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 104.
    11 (1762-1814), Professor für Philosophie. Erster Rektor an der neugegründeten Humboldt-Universität in Berlin.
    12, 14 Vgl. Sterling, Judenhaß, 148.
    13 (1778-1852), erlagte als Schüler und Student keinen Abschluss. Gründer der Turnbewegung und damit verbunden des schulischen Turnunterrichtes. Wurde in Verbindung mit den Karlsbader Beschüssen sechs Jahre inhaftiert, 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt und zog sich dann aus dem öffentlichen Leben zurück. Motto: “Haß alles Fremden ist des Ddeutschen Pflicht.”
    15 (1769-1860), studierte evangelische Theologie, Geschichte, Erd- und Völkerkunde, Sprachen und Naturwissenschaften und war Professor in Greifswald und Bonn. Wurde allerdings zeitweise wegen seiner antifranzösischen Propaganda und den Karlsbader Beschlüssen verfolgt. Erst 1840 als 71jähriger rehabilitiert, lehrte er bis ins hohe Alter. War 1848 Abgeordneter in die Frankfurter Nationalversammlung.[/fn| war wie Jahn ein Juden- und Franzosen-Hasser. Die Nationalsozialisten sahen ihn 100 Jahre später als ihren Wegbereiter an. Wie Jahn kämpfte er gegen die Leibeigenschaft und für die Mobilisierung gegen Napoleon. Dafür wollte er Nationalgefühle wecken. Seine Schriften waren nicht nur Anregungen für die Gründung der Burschenschaften, sondern auch des Wingolf-Bundes.[fn]Der Wingolfbund ist eine christliche, nicht schlagende, aber farbentragende Studentenverbindung.
    16 (1773-1843), Professor für Philosophie. Zeitweise wegen Konakt zur burschenschaftlichen Bewegung entlassen.
    17 Vgl. Sterling, Judenhaß, 119.
    18, 20 Vgl. Sterling,  Judenhaß, 148.
    19 Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 156f.
    21 Veröffentlichte 1815 seine Schrift mit dem programmatischen Namen “Germanomanie” und verurteilte darin Nationalismus und Deutschtümelei Germanomanie” war eine abwertende Bezeichnung für deutschen Nationalismus und Patriotismus mit Ablehung der anderen und Herofizierung der eigenen Kultur.
    22 Zit. nach: Heine, Almansor, S. 10.
    23 Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 155.
    24 Verbot der Burschenschaftem, Überwachung der Universitäten, Pressezensur, Entlassung und Berufsverbot für liberal und national gesinnte Professoren, Exekutionsordnung, Universitätsgesetz, Preßgesetz und Untersuchungsgesetz.
    25 Abkürzung für “Hierosolyma est perdita”: Jerusalem ist verloren. Der Ruf soll auf einen Schlachtruf von römischen Soldaten während der Belagerung Jerusalems im Jahr 70  zurückgehen. Anderen Quellen  zufolge stammt er aus der Zeit der Kreuzzüge bei den antijudaischen Progromen im Rheinland. Das lateinische Wort lässt vermuten, dass gebildete Menschen hinter den Krawallen standen. Die Initiatoren waren meist “ehrenwertrte” Bürger, Studenten und Professoren.
    26 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 108f.
    27, 33 Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 160.
    28 Vgl. Graetz, Geschichte der Juden, 334 und Elon, Aus einer anderen Zeit, 108.
    29 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 111.
    30 Vgl. Graetz, Geschichte der Juden, 335.
    31 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 109f.
    32 Nach der Aufhebung der Kolonialsperre konnte Handel und Gewerbe mit England nicht mehr mithalten.
    34 Vgl. Kirchner (Hg.): Rabbi von Bacherach, S. 51. Ebenso: Kirchner, Heine und das Judentum, 72.
    35 “[…] Nicht, den Juden, unsern Brüdern, sondern der Judenschaft erklären wir den Krieg. […] Die Judenschaft ist ein Ueberbleibsel aus einer ungebildeten Vorzeit, welches man nicht beschränken, sondern ganz ausrotten soll. Die bürgerliche Lage der Juden verbessern heißt eben das Judenthum auszurotten, die Gesellschaft prellsüchtiger Trödler.” Zit. nach: Kirchner, Rabbi von Bacherach, S. 52-56.
    36 (1780-1835), lernte Jahn und dessen Ideologie kennen und verfasste rachsüchtige, antinapoleonische Kriegslyrik.
    37 Vgl. Kirchner (Hg.):  Rabbi von Bacherach, S. 57-59. Hundt-Radowsky empfahl, ihnen den Mund zuzukleben, damit sie nichts stehlen können.
    38 Vgl. Sterling, Judenhaß, 69.
    39 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit. 97.
    40 In seinen Memoiren schrieb er: „[…] Sie [Heines Mutter] meinte jetzt, ich müsse durchaus Jurisprudenz studieren. […] Da eben die neue Uni­versität Bonn errichtet worden, wo die juristische Fakultät von den berühmtesten Professoren besetzt war, schickte mich meine Mutter unver­züglich nach Bonn.“ zit. nach: Kruse, “Ich Narr des Glücks”, S. 99.
    41 Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 113.
    42 Vgl. Decker, Heinrich Heine, 61.
    43 Vgl. Kopelew, Ein Dichter kam vom Rhein, 67. Ebenso: Liedtke, Heinrich Heine, 34.
    44 Vgl. Liedtke, Heinrich Heine, 36.
    45 Vgl. Hädecke, Heinrich Heine,  110f.
    46 Zit. nach: Kopelew, Ein Dichter kam vom Rhein, 71f.
    47 Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 122.
    48 Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 187.
    49 Vgl. Hädecke, Heinrich Heine, 124.
    50 Das gesamte Protokoll zur Gerichtsverhandlung ist zu lesen bei Schmidt, Heine in Göttingen, S. 136-143.
    51 „Als solches, die kein Vaterland haben und für unseres kein Interesse haben können, nicht aufnahmefähig, außer wenn erwiesen ist, daß sie sich christlich-teutsch für unser Volk ausbilden lassen wollen.“ zit. nach: Hädecke, Heinrich Heine, 124f.
    52 Vgl. Heine, Reisebilder. Die Harzreise. S. 3. Siehe auch: Heine, Wintermärchen. Caput X, S. 211.
    53 Vgl. Decker, Heinrich Heine, 73.
    54 Siehe § 9 des Emanzipationsediktes: “In wie fern die Juden zu andern öffentlichen Bedienungen und Staats-Aemtern zugelassen werden könne, behalten Wir Uns vor, in der Folge der Zeit, gesetzlich zu bestimmen.“ zit. nach: Huber, Dokumente, S.  49.
    55 (1797-1839), stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie aus dem liberalen, assimilierten Judentum, studierte in Berlin und Göttingen Jura, Philosophie und Geschichte, bekam Einladung als Hochschulprofessor als besonders fähiger Akademiker für die Universität Berlin. Als Professor empfing er studentische Fackelzüge und organisierte Unterschriftsaktionen für die sieben entlassenen Göttinger Professoren, den “Göttinger Sieben”. Er sah die Französische Revolution als entscheidenden Wendepunkt in der europäischen Geschichte und die Juli-Revolution 1830 als notwendige Entwicklung im Sinne des liberalen Bürgertums. Sein Staatsideal war das eines preußischen Staates als konstitu­tioneller Monarchie unter Führung eines aufgeklärten, starken Souveräns. Sein größter akademischer Widersacher war von Savigny.
    56 Vgl. Kampmann, Deutsche und Juden, 166.
    57 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 127.
    58 „Ich bereue es sehr, daß ich mich getauft habe; ich sehe noch gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sei.“ zit. nach: Elon, Aus einer anderen Zeit, 29.
    59 Vgl. Höxter, Quellenbuch zur jüdischen Geschichte, 38.
    60 „Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging“ zit. nach: Heine, Romanzero, S. 6.
    61 Vgl. Konold, Felix Mendelssohn Bartholdy, S. 31.
    62 Vgl. Werner 66f.
    63 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 87.
    64 Hier spielt Heine darauf an, dass es Mendelssohn Bartholdy nach langem Kampf gelungen war, Bachs nahezu vergessene Matthäus-Passion wiederaufzuführen. Heine fand es seltsam, dass ein Judenjunge den Leuten die bedeutenste christliche Musik wiederbringen müsse. Er war aber bei der Uraufführung anwesend.
    65 Vgl. Heine, Geständnisse, S. 38.
    66 Vgl. Lönnecker, Frühe Burschenschaft und Judentum, 78f.
    67 Wahrscheinlich, weil Kronprinz Ludwig von Bayern Metternich feindlich gesinnt war. Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, S. 46.
    68 Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, S. 47f.
    69 Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 50.
    70 Vgl. Masur Friedrich Julius Stahl, 54f.
    71 Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 62.
    72 Vgl. Masur,  Friedrich Julius Stahl, 71.
    73 Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 69.
    74 Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 75f.
    75 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 83.

    König Friedrich Wilhelm IV. ernannte ihn 1849 zum lebenslangen Mitglied der Ersten Kammer. Damit war er der Führer der reaktionören Bewegung Preußens.[fn]Vgl. Scheuffeler, Berthold Auerbach, 27.

    76 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 184.
    77 Vgl. Lönnecker, Frühe Burschenschaft und Judentum, 78.
    78 Vgl. Masur, Friedrich Julius Stahl, 78.
    79 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 183.
    80 Im Mainzer Archiv findet man unter der Signatur “ZGS / A-E, Bamberger” Zeitungsartikel mit dem Lebenslauf und dem Stammbaum Bambergers.
    81 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 153f.
    82 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 165.
    83 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 186f.
    84 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 192.
    85 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 195.
    86 Heute Horb am Neckar.
    87 Ich verbrachte dort ein trauriges Stück Leben.“, zit. nach Scheuffelen, Berthold Auerbach, 30.
    88 Zit. nach: Elon, Aus einer anderen Zeit, 169.
    89 Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 31f.
    90 Wurde “Demagogenherberge” genannt, da dort fast nur verurteilte Burschenschafter saßen.
    91 Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 34.
    92 Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 29.
    93 Zit. Nach: Scheuffelen, Berthold Auerbach, 40.
    94 Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 40.
    95 Vgl. Scheuffelen, Berthold Auerbach, 42.
    96 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 171f.
    97 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 209.
    98 Zit. nach: Wolbe, Lebensweisheiten … Auerbachs, 17.
    99 Vgl. Elon, Aus einer anderen Zeit, 219.
    100 Zit. nach: Elon, Aus einer anderen Zeit, 220.
  • Doctor Who in der Vergangenheit

    Doctor Who in der Vergangenheit

    Doctor reist mit der T.A.R.D.I.S. durch Zeit und Raum. Zwar reiste sie*er häufiger in Paralleluniversen und die Zukunft denn in die Vergangenheit. Nämlich 41 Mal in den New Who, den seit 2005 produzierten Staffeln (Stand: S13E04). Dabei traf the Doctor in der Vergangenheit auf allerlei bekannte Personen oder Ereignisse der vor allem englischen Geschichte.

    Stark neuzeit-lastig sind die Besuche, denn über die Hälfte der Zeitreisen in die Vergangenheit gingen in die Zeit zwischen 1850 und der Gegenwart. Und nur ganze dreimal reiste sie*er in die Antike und das Mittelalter (= bis ca. 1500): Zur Zerstörung von Pompeji mit (79 v. Chr., S04E02), den Wikingern (irgendwann zwischen 800 und 1100; S09E05) und – auch, wenn er es nicht wirklich glaubt – Robin Hood (Ende 13. Jahrhundert; E08S03). (more…)

  • Datenauswertung in practise

    Datenauswertung in practise

    Ich bin gerade mal wieder mit der Feldpost von Philipp Weinheimer beschäftigt.
    Mit einem Update zur abgeschlossenen Auswertung am Ende des Artikel.

    Ich habe nun die Hälfte der Feldpostdaten systematisch gesammelt – allerdings erst die des Eingangs. Ich nutze dafür, recht primitiv, Excel. Senkrecht links die Namen, die ich dann und dann alphabetisch sortiere und waagerecht die einzelnen Stationen. Letztere auch mehrfach genannt, wenn Weinheimer nach einem Urlaub dorthin zurückkehrte oder dort seinen Urlaub verbrachte. Die zweite Spalte ist formatiert und summiert alle in der Zeile genannten Zahlen.

    Zunächst trage ich Postkarten, Briefe und Päckchen in einzelne Zellen ein (siehe rechts im Bild), die ich nach Abschluss der Spalte dann summiere und im Kommentar der Zelle aufdrösele. Der besseren Übersicht wegen. Zur dieser markiere ich auch die Treffer farblich, um so einen konstanten Schreibfluss auf den ersten Blick erkennen zu können.

    Dieser konstante Schreibfluss, der bislang natürlich nur für die eingegangene Post gilt, betrifft nach 2,5 Jahren nur zwei Personen: Einen “Jakob”, der nie mit Nachnamen genannt wird, und einen Josef Mehler aus dem hiesigen Nachbarstädtchen Gau-Algesheim (wenn ich die Abkürzung “Alg.” hinter dem Namen damit richtig interpretiere). Bei “Jakob” handelt es sich um Weinheimers Schulfreund Jakob Kronebach. Und Josef Mähler könnte Philipp Weinheimer während seiner Ausbildung auf der Landwirtschaftsschule in Gau-Algesheim kennengelernt haben. Vielleicht ist  der heutige gleichnamige Inhaber eines Fliesengeschäftes in Gau-Algesheim sein Nachfahre.

    Wie bei Jakob werden in der Auswertung ab und zu Personen nur mit ihrem Vornamen genannt. Oftmals handelt es sich um einen Vornamen, der zuvor schon mit einem Nachnamen (nur einmal mit mehreren Nachnamen) genannt wird. Eine mutmaßliche Zuordnung dieser nachnamenlosen Nennungen wird allerdings erst zum Schluss der Auswertung geschehen. Dass ich Jakob als nahen Verwandten vermute, liegt auch an der herausstechend großen Anzahl an Post, die er Weinheimer zukommen ließ, nämlich 27. Die nächstgrößere (aktuelle) Summe an Post erhielt er von Mehler: 18. Danach folgt die nachnamenlose Anny, hinter der sich seine Cousine Anny Weinheimer versteckt.

    Wie eingangs schon gesagt: Meine Auswertung via Excel und formatierten Zellen ist ziemlich primitiv. Allerdings ist es, neben der Auswertung eines mittelalterlichen Güterverzeichnisses, erst meine zweite statistische Auswertung. Und jene die Auswertung dieses Güterverzeichnisses unternahm ich per Hand und mehreren DIN A4-Zetteln, weil ich sie auch flexibel im Zug weiterführen wollte. Welch Durcheinander!

    Habt ihr Tipps für mich, wie ich mir künftig das Auswertung einfacher gestalten kann?

    Klar, das Eintragen nimmt mir niemand ab. Aber: Abgesehen von dem ununterbrochenen Schreibfluss mag es Personen geben, die nur an einen Standort nicht geschrieben haben. Oder an zwei. Oder nur an die ersten Stationen und später nicht mehr (weil verstorben, selbst eingezogen, etc.).  Das alles mache ich im Anschluss an das Eintragen mit eigenen Augen. Bei diesem überschaulichen Datensatz ist das weniger ein Problem als bei größeren, die folgen könnten. Daher wäre ich für Hinweise sehr dankbar!

    Update: Abgeschlossene Auswertung (29.03.2014)

    Die Auswertung aller Daten aus dem Feldposteingang bestätigen die ersten und oben geschilderten Eindrücke: Anny Weinheimer und Jakob Kronebach schrieben Philipp Weinheimer nicht nur die meisten Briefe (Anny 28, Jakob 32), sondern auch am konstantesten (Von Anny erhielt er in 13 von 21 ausgewerteten Stationen Post, von Jakob sogar 14 von 21). Auch Josef Mehler war ein regelrechter Briefpartner von Philipp Weinheimer während des Krieges (er schrieb 29 Briefe an 12 seiner Stationen).

    Viele Briefe …

    Anzahl der geschrieben Postkarten, Briefe und auch Päckchen an Weinheimer

    1. Kronebach, Jakob: 32
    2. Mehler, Josef: 29
    3. Weinheimer, Anny: 28
    4. Krick, Philipp: 19
    5. Weis, Philipp: 18
    6. Bungert, Franz: 17
    7. M., Hildegard: 12
    8. NN, Liesel: 14
    9. Acht, Gerlinde: 13
    10. Fleischer, Eva: 12
    11. Weis, Liesel: 12

    …  konstanter Briefverkehr

    Die Zahl entspricht der Anzahl der Stationen Weinheimers, an die die folgenden Personen schrieben

    Kronebach, Jakob: 14
    Weinheimer, Anny: 13
    Mehler, Josef: 12
    Weis, Philipp: 11
    Krick, Philipp: 9
    Weis, Liesel: 9
    Bungert, Franz: 8
    Weinheimer, Philipp [Onkel]: 7
    M., Hildegard: 7
    NN, Liesel: 7
    Fleischer, Eva: 6

    Möglicherweise handelt es sich außerdem bei der nachnamenslosen Liesel auch um Liesel Weis.

    Der Posteingang nennt außerdem ohne Nachnamen eine Gerlinde und einen Seppel, hinter denen sich Frau Acht und Herr Mehler verbergen könnten. “Frau Weis” könnte Liesel Weis gewesen sein – aber auch Lisbeth Weis oder eine weitere Dame des Nachnamens.

    • Josef Mehler: schrieb insgesamt 30x an x Stationen
    • Gerlinde Acht: schrieb insgesamt 15x an x Stationen
    • Liesel Weis: schrieb insgesamt 13x an x Stationen

    Es verändern sich nicht die Anzahl der Stationen, aber der geschriebenen Post: bei Josef +1, Gerlinde +2 und Liesel +1.

    Möglicherweise finden sich in den Nachlässen dieser Personen noch Briefe zu Philipp Weinheimer. Für mich erstmals eine Quellensuche außerhalb eines Archives.

  • Vom Kaiserreich zur Kommerzialisierung: Deutschland und der moderne Fußball

    Vom Kaiserreich zur Kommerzialisierung: Deutschland und der moderne Fußball

    „Moderner Fußball“ ist ein Schlagwort. Ein Schlagwort, das in Zeiten von wankendem 50+1, zunehmender Kommerzialisierung, zerstückelter Spieltage etc. vorwiegend negativ konnotiert ist. Aber war der Fußball vorher alt? Antik? Natürlich mitnichten. Etymologisch betrachtet, bedeutet modern nichts anderes als „modisch/nach heutiger Mode“. Synonyme sind Adjektive wie aktuell, neu(artig), zeitgemäß und meinen damit auch fortschrittlich und etwas, das gerade eben („modo“) beliebt geworden ist. Ähnlich definiert es auch der Duden. So gesehen geht es bei der Frage nach modernem Fußball um die Phase, in der Fußball bei der Masse der Bevölkerung und nicht nur ein paar Nerds beliebt und in der die ursprüngliche Form weiterentwickelt wurde.
    Es soll hier nur um den Beginn des modernen Fußballs in England und Deutschland (genauer gesagt: im deutschen Kaiserreich) gehen und um die Frage, was oder wer verursachte, dass er modernisiert wurde. Der Beitrag ist ein in Fließtext gebrachtes Brainstorming, das ausdrücklich zum Kommentieren anregen soll. Allerdings geht es hier wirklich nur um die Anfänge des Fußballs, d.h. um etwa die Phase 1820-1900 in England und 1870-1930 in Deutschland.

    Dieser erste von zwei Teilen befasst sich mit dem Beginn des modernen Fußballs in England.

    Dieser Beitrag erschien erstmals 2019 auf 120minuten.net

    Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit gab es in England football, in Frankreich soule, in Italien calcio. In Deutschland, genauer gesagt dem damaligen deutschen Kaiserreich, gab es vor dem 19. Jahrhundert kein Fußballspiel. Es konnte also nicht auf schon bekannte Formen zurückgreifen, die in der Folgezeit reguliert wurden. Fußball war unbekannt. Und daher musste er erstmal Fuß fassen, um modernisiert werden zu können. Denn das Wort modern setzt ja voraus, dass es schon eine Vorform, eine antike Form zuvor gab.

    Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kamen die in England beliebten Sportarten wie Cricket, Baseball und beide Fußballvarianten, Rugby und (Assoziations-)Fußball, nach Deutschland. Denn die in Deutschland lebenden Engländer und englische Langzeittouristen wollten nicht auf die liebgewonnenen Sportarten verzichten, die auch die Kontaktaufnahme zu anderen Engländern der Umgebung sehr erleichterte. In diesen Jahrzehnten entwickelte sich das reglementierte Fußballspiel vom Schüler- und Studentensport zu einem in der englischen Gesellschaft verankerten Freizeit- und Bewegungsvergnügen.

    Deutsche, die in Kontakt zu Engländern standen – beispielsweise Ärzte, Sprachlehrer, Uniprofessoren oder Journalisten – beobachteten den Sport der Engländer, fanden mitunter Gefallen an Fußball und imitierten ihn. Das passiert vor allem in den so genannten Engländerkolonien in Deutschland. Diese befanden sich vor allem in Residenzstädten wie Hannover, Braunschweig, oder Dresden, oder in Universitätsstädten wie Heidelberg oder Göttingen. Auch in im 19. Jahrhundert beliebten Kurorten – Wiesbaden, Baden-Baden oder Cannstatt sind hier Beispiele – und in Handelsstädten wie Frankfurt, Berlin, Hamburg oder Leipzig waren häufig Engländer anzutreffen.

    Soziale Herkunft der Fußball-Liebhaber: Engländer in Deutschland und Konrad Koch

    Es waren aber nicht nur die in Deutschland lebenden Engländer, die den Fußball in Deutschland bekannt machten, sondern auch Konrad Koch, der Thomas Arnolds Ideologie und Leben profund während seines Studiums erforscht hatte. Koch muss von Arnold begeistert gewesen sein, denn er kopierte ihn und führte als Lehrer das Fußballspiel 1874 am Martino-Katharineum in Braunschweig ein, um die Jugendlichen fit zu machen und um die Basis für eine athletische Elite zu legen. Wie in England wurde Fußball als Winterspiel in den kalten Monaten des Jahres gespielt, während im Sommer Leichtathletik im Vordergrund stand. Übrigens hat Konrad Koch nicht Assoziationsfußball spielen lassen, sondern Rugby – wie Thomas Arnold als Schulleiter der Privatschule in Rugby. Da jedoch Assoziationsfußball in Deutschland wesentlich mehr und schneller Verbreitung fand als Rugby, unterstützte er diesen ab den 1890er Jahren. Koch versuchte, in Deutschland eine Fußballbegeisterung zu entfachen, wie es in England damals gerade passierte. Aber der Funke sprang in Deutschland nicht über. Als die erste Assoziationsfußballmannschaft in Deutschland gilt der Lüneburg College Football Club, bei dem den Namen der Spieler nach auch aus Deutschland stammende Schüler spielten.

    Vgl. Hock, Hans-Peter: Der Dresden Football Club und die Anfänge des Fußballs in Europa. Hildesheim 2016. S. 18-20. Wer mehr zu Konrad Koch wissen möchte, sei Malte Oberschelps 2015 erschienene Biografie über Koch sehr empfohlen.

    Denn in Deutschland war das Turnen die Körperertüchtigung Nummer Eins. Anfang des 19. Jahrhunderts beliebt geworden, war das Turnen eng mit studentischen Verbindungen und dem Einheits- und Nationalgedanken verbunden. Die aus England kommenden Sportarten wie Rugby oder Assoziationsfußball, Tennis oder Cricket wurden argwöhnisch beobachtet, weil sie eben aus England stammten und nicht deutschen Ursprungs, also nicht Teil der deutschen Kultur waren. Dazu kamen die Übersetzungsschwierigkeiten des englischen Begriffs sports, der letztendlich einfach in den deutschen Sprachgebrauch übernommen wurde. Auch Fachbegriffe wie offside, hand, to center oder goal wurden zunächst übernommen.

    Die Spielbewegung und der Zentralausschuss zur Förderung von Jugend- und Volksspielen

    Im November 1882 erließ der preußische Kultusminister, Gustav von Goßler, den nach ihm benannten Spielerlass. Er ermunterte darin die preußischen Kommunen, Spielplätze zu bauen und Turnen (später auch Bewegungsspiele/Sport) als regelmäßigen Teil des Unterrichts zu integrieren. Gleichzeitig sollten schulfreie Spielenachmittage etabliert werden.

    Neun Jahre später, am 21. Mai 1891, gründeten von Goßler und der preußische Abgeordnete Emil Freiherr von Schenckendorff den Zentralausschuss zur Förderung von Jugend- und Volksspielen (ab 1897 Zentralausschuss zur Förderung von Volks- und Jugendspielen), kurz ZA. Der ZA war dabei kein Zusammenschluss von Fußball-Liebhabern verschiedener sozialer Herkunft, sondern bestand vor allem aus Mitgliedern der Nationalliberalen Partei und dessen Alldeutschen Verbandes (gemeinsame Ziele: Stärkung des deutschen Nationalbewusstsein, Pro-Imperialismus), somit vor allem Politikern, Beamten und Armee-Angehörigen. Ihr vorrangiges Ziel war aber nicht, den Sport politisch zu vereinnahmen, sondern vielmehr eine philanthropische, erzieherische, militärische und sozialdarwinistische Mischung, eine „gesunde“ Elite an sportlichen Deutschen und damit potentiellen Soldaten heranzuziehen. Daher versuchten die engagierten Persönlichkeiten, die Gräben zwischen Turnern und Sportlern aufzufüllen und zwischen ihnen zu vermitteln. Turnen und Sport (zeitgenössisch auch Bewegungsspiele genannt) sollten parallel existieren und sich ergänzen. Um diese Absicht zu erreichen, versuchte der ZA, die einzeln wirkenden Kräfte in Deutschland zu bündeln, um so das gemeinsame Ziel schnell zu erreichen. Dazu gehörte der Zentralverein für Körperpflege in Volk und Schule, der Deutsche Bund für Sport, Spiel und Turnen, das Komitee für die Teilnahme Deutschlands an den Olympischen Spielen zu Athen 1896 und später der 1911 gegründete Jungdeutschlandbund, in dessen Bundesleitung auch viele Mitglieder des ZA vertreten waren und der sich wie der ZA in der vormilitärische Ausbildung engagierte.

    Wie versuchte man, die Ziele zu erreichen? Nun, durch einen intensiven Lobbyismus in Militärbehörden und Schul- und Stadtverwaltungen, Englandreisen, regelmäßige und verschiedene Zielgruppen ansprechende Veröffentlichungen und eine enorm große Werbetätigkeit. Die Geldmittel kamen aus dem preußischen Kultusministerium und anderen deutschen Landesregierungen.

    Der ZA erreichte letztendlich seine Ziele der Verbreitung der Sportarten und die nationale Ausrichtung dieser.

    Der Deutsche Fußballbund

    In den 1890er Jahren entstanden eine Reihe von neuen Vereinen und auch erste regionale Fußballverbände, zum Beispiel in Berlin (Bund Deutscher Fußballspieler 1890, Deutscher Fußball- und Cricketbund 1891). Doch während Vereine in England gewachsene Gemeinschaften waren, gab es in Deutschland eine hohe Fluktuation in den Vereinen und daher auch einen geringen Zusammenhalt der Spieler. Die Identifikation mit einem Club war also nicht gewachsen – das kam dem ZA ungelegen. Seine Versuche, einen gesamtdeutschen Verband zu gründen, scheiterten zunächst an Unstimmigkeiten zwischen den Verbänden. Nach einigen Jahren der Vermittlung gab es Ende Januar 1900 in Leipzig einen neuen Versuch, einen deutschen Verband zu gründen. Nun stimmten 60 der 86 Vereine für die Gründung des Deutschen Fußballbundes. Die Gründungsmitglieder waren sowohl regionale Verbände (Verband südwestdeutscher Fußballvereine, beide Berliner Verbände und der Hamburg-Altonaer Fußball-Bund) als auch einzelne Vereine aus Prag, Magdeburg, Dresden, Hannover, Leipzig, Braunschweig, München, Naumburg, Breslau, Chemnitz und Mittweida – also aus dem ganzen damaligen Deutschland. Der Spielausschuss des DFB erstellte in den kommenden Jahren einheitliche Statuten und Spielregeln nach englischem Vorbild (1906 herausgegeben) und es gab einen regelmäßigen Spielbetrieb um die Deutsche Meisterschaft (ab der Saison 1902/1903) und den Kronprinzenpokal (ab der Saison 1908/1909).

    Im DFB entschied man sich für die nationale und gegen die kosmopolitische Ausrichtung. Denn so erhielten sie vor den Turnern den Vorzug, um die Exerzierplätze als Spielfeld benutzen zu dürfen. Als Wehrsport wurde der Stereotyp eines Fußballers mit soldatischen Idealen aufgeladen: Kampf und Opfermut bis zur letzten Minute, Pflichttreue und Treue zur eigenen Mannschaft sowie Charakterstärke und Idealismus. An diesem Ideal hat sich bis heute wenig geändert und es ist auch der Grund, weshalb in Deutschland die Legalisierung von entlohntem Fußball noch vehementer abgelehnt und stigmatisiert wurde als in England. Vieles ist in Deutschland wie in England verlaufen, nur etwa 50 Jahre später, aber nicht in diesem Punkt: Während Fußball in England modern wurde, als er legaler Profifußball wurde und viele Menschen direkt oder indirekt durch das Fußballspiel Erwerbsmöglichkeiten fanden, wurde Fußball in Deutschland durch das Militär und das soldatische Ideal, also durch das deutsche Amateurideal, modern. Das änderte sich auch nicht, als der Profifußball etwa 50 Jahre nach der Legalisierung in England auch in Deutschland legalisiert wurde. Das ist vielleicht ein Grund, weshalb in Deutschland das Begriffspaar moderner Fußball mittlerweile stark negativ konnotiert ist und die 50+1-Regelung nicht schon längst über den Haufen geworfen wurde. Es ist aber vielleicht auch der Grund dafür, dass häufig und des Geldes wegen wechselnde Spieler als Söldner(!) beschimpft werden, weil sie nicht bis zu ihrem letzten Atemzug ihrer Mannschaft treu blieben – bewusst sehr pathetisch formuliert.

    Währenddessen stieg die Mitgliederzahl des DFB rapide an und versiebzehnfachte sich zwischen 1904 und 1913.

    Wie schon gesagt, Goßlers Idee ging also auf, Fußball wurde Wehrsport. Schon vor 1910 spielte die Marine ihre eigene Fußballmeisterschaft aus, ab 1911 auch das Landesheer. Der DFB wurde wie der ZA Mitglied in staatlichen, militärisch geprägten Jugendorganisationen wie dem 1911 gegründeten Jungdeutschland.

    Als Wehrsport musste sich Fußball nun aber endgültig von dem Vorwurf des undeutschen Sportes lösen und Sprachbarrieren  beseitigen. Daher gab es ab den 1890er Jahren immer wieder Artikel in Zeitungen, Pamphlete und auch Bücher, die die englischen Begriffe eindeutschten.

    Moderner Fußball: Die Fußballbegeisterung wird Teil der deutschen Gesellschaft

    Viele deutsche Soldaten lernten das Fußballspiel erst als Wehrsport während des ersten Weltkrieges kennen; liebten und lebten ihn. Die Spiele dienten hier, in dem reinen Stellungskrieg, vor allem zur psychischen Stabilisierung von Truppeneinheiten und zur Hebung deren Stimmung, fand aber auch durch seinen klassennivellierenden Charakter allgemeine Beliebtheit bei den nichtadeligen Milieus. Diese Begeisterung endete nicht mit dem Kriegsende – im Gegenteil. Manche spielten Fußball fortan in Vereinen und viele weitere wurden begeisterte Zuschauer. 1920 hatte der DFB die 500.000er Marke seiner Mitglieder geknackt. Jetzt begann der Fußball, auch in Deutschland ein Massenphänomen zu werden.

    In dieser Zeit, in der Weimarer Republik, nahm Fußball eine Mittlerrolle zwischen der deutschen Bevölkerung und der Reichswehr ein. Dabei war die Grenze zwischen zivilem und Militärsport fließend. Das Wort Kampf wurde in den 1920er Jahren zu einem Schlüsselbegriff: Kampfspiele, Kampfbahn, Kampfgemeinschaft, usw. Der Fußball diente als vormilitärisches Feld, um trotz dem Verbot einer Armee, die kommende Generation an die Tugenden der Soldaten heranzuführen. Außerdem tarnten sich viele paramilitärische Vereinigungen als Sportclubs wie die Box- und Sportabteilung der NSDAP. Diese wurde aber schon verhältnismäßig früh, nämlich im November 1921, von Hitler in Sturmabteilung, SA, umbenannt.

    Waren Sportarten wie Fußball nach Ende des ersten Weltkrieges ein gutes Ventil, um die psychische Belastung der Kriegsjahre zu kompensieren, bargen sie damit aber in der Zwischenkriegszeit ein deutliches Gewaltpotenzial. Viele, die das Fußballspiel während des Krieges kennengelernt hatten, spielten einen derart unfairen Fußball oder benahmen sich als Zuschauer mit Platzstürmen und Gewaltandrohungen gegen Schiedsrichter und Gegner so rüde, dass Fußball zu Beginn der 1920er Jahre nicht nur breite Beliebtheit erfuhr, sondern gleichzeitig einen sehr schlechten Ruf erlangte. Der sehr angesehene Schiedsrichter Peter Joseph „Peco“ Bauwens legte 1925 wegen des Verhaltens der Spieler und Zuschauer in der Halbzeit des Spieles 1. FC Nürnberg gegen MTK Budapest schlicht sein Amt nieder.

    Zu der Problematik von Fußball in der Weimarer Republik und Bauwens vgl. Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999. S. 306-339.

    Dabei entwickelte sich der Fußball durch die zahlreichen Zuschauer zu einem veritablen Wirtschaftsgut. Diesen verlorenen Respekt versuchte der DFB abermals durch die Verknüpfung mit dem soldatischen Ehrbegriff wiederherzustellen – erfolgreich.

    Die ersten Radioübertragungen

    Unterstützung erfuhr der Fußball in Deutschland wie in England durch Journalismus, Getränke- und Bauindustrie, Wettbüros, Fotografie und Sportartikelhersteller. Auch Zigarren- und Zigarettenfabriken sowie Schnapsbrennereien profitierten von dem Sport, denn es war auf den Zuschauerrängen üblich, sich zwischendurch mit einem Schluck aus dem Flachmann oder einer Zigarre zu stärken. Neu und in diesem Fall ganz elementar war für Sportinteressierte das moderne Medium Radio, dessen Verkaufszahlen sich zwischen 1923 und 1926 rapide anstiegen. Es war für Sport und Medium eine Win-Win-Situation: Das Radio beflügelte das Interesse, Sport zu verfolgen und die an Sport Interessierten kauften sich Radios. Wann das erste Spiel in Deutschland übertragen wurde, ist umstritten: War es das Spiel Preußen Münster gegen Arminia Bielefeld am 1. November 1925 oder das vom Rundfunkpionier Bernhard Ernst kommentierte DFB-Endspiel zwischen der SpVgg Fürth und Hertha BSC (Ende 1925)? Wie dem auch sei, der DFB unterstützte zunächst die Rundfunkübertragungen von Fußballspielen, um 1928 stark zurückzurudern: Um nicht die Zuschauerzahlen und damit Einnahmen der Vereine zu gefährden, wurden die Übertragungsrechte nur für das DFB-Endspiel sowie drei Länderspiele vergeben. Diese deutlichen Einschränkungen führten zu heftigem Protest der Zuschauer und tatsächlich wurden ab 1932 wieder mehr Fußballspiele via Radio übertragen; vor allem solche Spiele, bei denen eine Reduzierung der Zuschauerzahl nicht zu befürchten war.

    Der DFB war kein Einzelfall. U.a. auch England und Schweden ließen die Übertragungen teils verbieten (Schweden) oder diskutierten über ein generelles Verbot (England).

    Moderner Fußball: Profifußball wird (zum ersten Mal) legal

    Mitte der 1920er Jahre kam es in Deutschland zu den ersten ernsten Anläufen, dass Fußballspieler ein bezahlter Beruf wird. Denn durch den Dawes-Plan (1925) und seine Unterstützungen begannen viele Städte, neue Stadien zu errichten, um mit Hilfe der Fußballbegeisterung die städtischen Kassen zu füllen. Um die Hypotheken schneller zurückzuzahlen und das Stadion auszulasten, musste man attraktive Spiele bieten und daher Fußballergrößen in die Vereine der Stadt locken. Außerdem war ab 1925 die Teilnahme Deutschlands an den Olympischen Spielen wieder möglich. Der Ehrgeiz , eine besonders schlagkräftige Mannschaft nominieren zu können, war deshalb groß. Unter der Hand gezahlte Zuwendungen waren längst die Regel.

    Der DFB blieb bei seinem soldatischen Ideal des Fußballers, den der ehrenvolle Verdienst leitete, nicht der finanzielle . Bei Zuwiderhandlung drohte die Disqualifikation aus Meisterschaft und Pokalwettbewerb. Dabei war der Wunsch vieler Vereine, wettbewerbsfähig zu anderen Ländern zu sein. Bereits 1925 hatte der DFB eine Satzungsänderung verabschiedet, die es deutschen Vereinen stark erschwerte, gegen ausländische Profimannschaften zu spielen. (Der Boykott wurde erst 1930 auf Druck der FIFA aufgehoben.)

    Durch die finanziellen Verluste der Weltwirtschaftskrise, die insbesondere die untere Mittelschicht (Angestellte, Facharbeiter) traf, gab es ab 1929 erneut deutliche Bemühungen, den Berufsfußball einzuführen. Bezahlungen der Fußballer unter der Hand waren mittlerweile die Regel, aber der DFB blieb weiterhin bei seinen Prinzipien. Mehr noch, im August 1930 sperrte er 14 Schalker Spieler und zudem mehrere Schalker Funktionäre und verhängte eine empfindlich hohe Geldstrafe von 1000 Reichsmark gegen den Verein. Der Grund: Schalker Spitzenspieler waren Arbeiter in der Schachtanlage Consolidation, wurden aber nur mit leichteren Aufgaben betraut und mussten also nicht unter Tage arbeiten, erhielten dafür aber deutlich mehr Lohn als ihre Kollegen. Die Bestrafung als abschreckendes Exempel für alle anderen Vereine ging für den DFB komplett nach hinten los: Viele weitere erfolgreiche Vereine bedrängten den Verband, die Strafen zurückzuziehen und drohten andernfalls mit dem Austritt. Der Westdeutsche Fußballverband forderte die Trennung in Amateurfußball und Berufsfußball. Noch lehnte der DFB ab, aber als es noch 1930 zur Gründung des Deutschen Professionalverbandes innerhalb des Westdeutschen Fußballverbandes und zu einer Reichsliga (gegründet von Sportjournalisten) kam, lenkte er ein. Schalke wurden die drakonischen Strafen erlassen. Aber der Profifußball wurde noch nicht legalisiert. Das Drängen der Vereine blieb und zwei Jahre später fürchtete der DFB die Spaltung des Fußballs wohl so sehr, dass er wie ca. 50 Jahre zuvor Alcock in England den Fußballsport legalisiert, um ihn dann besser kontrollieren zu können. Doch zu der für 1933 geplanten Reichsliga kam es nicht. Daran hatten nicht direkt die Nationalsozialisten Schuld; ihnen wären professionelle Sportler vielleicht sogar entgegengekommen. Nein, Felix Linnemann, seit 1925 Vorsitzender des DFB wurde 1933 mit der Leitung des Fachamts Fußball im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen betraut und machte direkt die in seinen Augen erzwungene Legalisierung des Profifußballs rückgängig.

    Moderner Fußball: Profifußball wird (wieder) legal

    1950, noch vor der Neugründung des DFB, beschloss die Delegiertenversammlung der Landesverbände, ein Vertragsspielerstatut zur Legalisierung des bezahlten Fußballs. Ein Spieler, der noch einem weiteren Beruf nachging, durfte dennoch nicht mehr als 320 DM monatlich erhalten, d.h. nicht mehr als den Lohn eines Facharbeiters. Aus dem Jahresgehalt errechnete sich die Ablösesumme. Zur der gehörte auch immer ein Gastspiel des neuen Vereines.

    1954 wurde Deutschland überraschend Weltmeister. In den Folgejahren nahm die Bedeutung der Nationalmannschaft wegen fehlender Erfolge jedoch spürbar ab. Viele Spieler wechselten zu Vereinen ins Ausland, wo der Profifußball längst etabliert war und sie höhere Gehälter erhielten. Beispielsweise nach Italien, wo Helmut Haller (1962-1968 FC Bologna, 1968-1973 Juventus Turin), Karl-Heinz Schnellinger (1963-1964 AC Mantua, 1964-1965 AS Rom, 1965-1976 AC Mailand) oder auch Horst Szymaniak (1961-1963 CC Catania, 1963-1964 Inter Mailand, 1964-1965 FC Varese) spielten. Um dem Trend entgegenzuwirken, beschloss der DFB auf seinem Bundestag 1962 die Einführung einer Berufsspielerliga, der Bundesliga. Neben Amateurspielern und Vertragsspielern gab es nun auch Lizenzspieler, die ein dreimal so hohes Gehalt wie Vertragsspieler erhalten und einen Teil der Transfersumme kassieren konnte. Aber die Bestimmungen waren in den 1960er Jahren noch recht restriktiv, weshalb in der ersten Bundesligasaison nur 34 Spieler Fußball als Vollzeitberuf ausgeübt haben sollen. Sie brauchten einen guten Leumund, durften aber ihren Namen nicht für Werbezwecke zur Verfügung stellen und so weiteren Lohn erhalten und die Gesamtbezüge aus Lohn, Handgeld, Prämien und Ablösesummen durften nicht 1200 DM monatlich übersteigen.

    Für den DFB lohnte sich die Einführung der Bundesliga: Die Nationalmannschaft hatte wieder Erfolg und da in den 1960er Jahren schon viele Haushalte über einen Fernseher verfügten, konnte sich der DFB durch Fernsehübertragungsgebühren, Werbeeinnahmen und Sponsorengelder finanzieren.

    Für die Vertrags- und auch Lizenzspieler war das Fußballspiel innerhalb der vom DFB gesetzten Grenzen nicht rentabel und so verwundert es nicht, dass es in der Saison 1970/71 zu einem so großen Bestechungsskandal kam und der DFB abermals zum Umdenken gezwungen wurde. 1972 wurde der Markt geöffnet – seitdem steigen die Einkommen der Fußballprofis kontinuierlich. Die Liberalisierung der elektronischen Medien und das Bosmanurteil vom Dezember 1995 haben diesen Effekt noch einmal deutlich verstärkt.

    Fazit: Moderner Fußball durch Eventisierung und Taktik

    Doch wann hielt der moderne Fußball nun tatsächlich Einzug in Deutschland? Je nach Betrachtungsweise gibt es dafür drei Möglichkeiten:

    1. Macht man den modernen Fußball an der allgemeinen, nationalen Begeisterung fest, so war es der erste Weltkrieg.
    2. Verbindet man den modernen Fußball mit Profifußball und seinen Folgen, so waren es die 1960er und 1970er Jahren, da die erste Legalisierung 1932 nur wenige Monate Bestand hatte.
    3. Nimmt man den Begriff “moderner Fußball” dagegen als Ausgangspunkt, liegt der Beginn in den 1980er Jahren. Bis 1976 existierte dieser Begriff in der deutschsprachigen Literatur noch gar nicht. Seitdem gab es ein kurzes kleineres Maximum von 1987 bis 1988, das ab 2002 wieder erreicht wurde und mindestens bis 2008 übertroffen wurde.

    Lag die erste Häufung des Begriffs Ende der 1980er Jahre an dem Wechsel von Trainer Arrigo Sacchi zum AC Milan und seiner dort etablierten Spielidee? Wurde dieses Ereignis in der deutschsprachigen Literatur tatsächlich so gewürdigt? Oder hat es eine andere Ursache? Darauf habe ich leider keine Antwort.