Author: Petra

  • Das Morley-Doodle und falsche Berichte

    Das Morley-Doodle und falsche Berichte

    Am 16. August 2018 veröffentlichte Google ein Doodle zu Ehren des 187. Geburtstags von Ebenezer Cobb Morley in Kuba, Peru, Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Neuseeland, Australien, China, Vietnam, Indien, Griechenland, Frankreich, Kroatien, Polen, Litauen, Estland, Deutschland und im Vereinigten Königreich. Allein in Googles Beschreibung des Doodles wimmelt es von Fehlern oder zumindest streitbaren Äußerungen, die ich in diesem Beitrag benennen möchte. Und euch dazu animieren möchte, nicht alles für bare Münze zu nehmen.

    Dass ich mich überhaupt mit der Entwicklung der Fußballregeln und -regelwerke beschäftige, hat mangelndes quellenbasiertes Arbeiten als Ursache. Auf der Suche nach Jahreszahlen merkte ich, dass sich Jahreszahlen widersprachen und das nur in allerseltensten Fällen auf die zeitgenössische Quelle (z.B. Zeitungsberichte) verwiesen wird. Die Annahme, dass viele einfach Informationen von zwei, drei Seiten beziehen und diese nicht weiter überprüfen, bestätigt sich immer wieder. So auch bei diesem Doodle.

    == Nachträglich Anmerkung: Ich habe nach Erstellen des Posts die Links nicht mehr überprüft. Gut möglich, dass manche Berichte nachträglich berichtet wurden. ==

    Dass SWP die ersten FA-Treffen auf 1982 datiert und India Today Morley Geburtsjahr auf 1861, BGR verwechselt es mit 1924, seinem Todesjahr. Klar, das sind Flüchtigkeitsfehler.

    Ich nenne nur hier die Quellen, die etwas zu Morley Doodle am 16. August 2018 in deutsch oder englisch gepostet haben. Sofern sie sich nicht auf Google berufen, kann ich nicht näher benennen, woher diese Seiten wiederum ihre Informationen bezogen haben.

    Vor den FA Rules von 1863 war das Fußballspiel chaotisch. 
    (Quellen: Google und davon vermutlich kopierend: CNN, Googlewatchblog, Express (England), Stern, SWP, Gala, heute.at, The Statesman, News18, Click on Detroit, Augsburger Allgemeine, Latestly, local10, Fox Sports Asia, DNA India, Spiegel Online)

    Streitbar. Was ist “chaotisch”? Unreglementiert? Gefährlicher? Hier wäre eine eindeutigere Benennung sinnvoll gewesen. Chaotisch meint vielleicht auch, dass es kein in ganz England gültiges Regelwerk gab. Aber das blieb auch noch viele Jahre nach 1863 so.

    Das Fußballspiel vor 1863 war brutal. Das regulierten die FA Rules zum Beispiel durch die Regel 13: Kein Spieler darf Schuhe mit abstehenden Nägeln, Eisenplatten oder Guttapercha an den Sohlen und Absätzen tragen.
    (Quellen: Google und davon vermutlich kopierend: Computerbild, Googlewatchblog, NDTV, The Sun, CNN, Moneycontrol, Indian Express, Stern, SWP, Gala, zeenews, The Statesman, Hull Daily Mail, news.com.au, India Today, BGR, Click on Detroit, Latestly, local10, Fox Sports Asia, DNA India, Spiegel Online)

    Falsch. Diese Regel 13 gibt es selbst in den Regelwerken jener Schulen, die nach unserer heutigen Auffassung eine Art von Rugby oder American Football spielten, so Rugby School. Und das bereits 1845.

    Morley stand durchaus 1863 für ein weniger gefährliches Fußballspiel ein, aber erstens nicht alleine, sondern u.a. mit Alcock und Pember und zweitens ging es um das hacking, gefährliches Attackieren könnte man es nennen. Um die Diskussionen um das Verbot von hacking habe ich erst zuletzt einen Beitrag hier veröffentlicht. Dis Diskussion führte Blackheath FC pro hacking, aber selbst in deren Regelwerk von 1862 ist alles aus Schuhen Herausstehende verboten. Aber insbesondere das Spiel an der Cambridge University war genauso wenig brutal wie  das Fußballspiel nach den FA Rules.

    Morley Regelwerk / Morley entwarf 13 Regeln [oder ähnlich ausgedrückt].
    (Quellen: Google und davon kopierend/zitierend: Computerbild, Googlewatchblog, NDTV, The Sun, CNN, Indian Express, Express (England), Stern, heute.at, zeenews, Hull Daily Mail, Hindustan Times, News18, news.com.au, BGR, Click on Detroit, Augsburger Allgemeine, Latestly, metro.co.uk)

    Falsch. Ja, Morley brachte zum ersten Treffen seine Vorstellung der Regeln als Entwurf mit. Dieser hatte 23 Regeln. Falsch ist, dass die 1863 publizierten Regeln von ihm sind bzw. dass er 13 Regeln vorschlug. Die Entwürfe, die auf den vorbereitenden Treffen diskutiert wurden, unterscheiden sich aber in Teilen von den 1863 veröffentlichten Regeln. Das veröffentlichte Regelwerk fußt zu einem ganz großen Teil auf ebenfalls in der zweiten Jahreshälfte 1863 veröffentlichten Regelwerk der Cambridge University. Die FA regulierte es an manchen Stellen, nämlich:

    • die Spielfeldgröße (von 100×200 yd auf 100×150 yd),
    • die Tormaße (von 15 ft auf 8 yd, bedeutet aber in unserem Maßsystem auf zwei Nachkommastellen gerundet keinen Unterschied macht),
    • bei dem Anstoß gab es bei der FA keinen Mindestabstand von 10 yd für alle Nicht-Ausführenden,
    • der Eintritt von der Seitenlinie statt dem Einwurf,
    • der Seitenwechsel, der 1863 in Cambridge nur zur Halbzeit durchgeführt wurde, bei der FA zunächst nach jedem Tor.

    Alles andere wie die Torerzielung, unerlaubtes Spiel und Handspiel, Vorgaben zum Schuhwerk (ja, auch das), Freistöße, usw. waren bei beiden Regeln identisch.

    Morley formalisierte die Abseitsregel wesentlich.
    (Quellen: Google und davon vermutlich kopierend: Computerbild, zeenews, Hull Daily Mail, News18, India Today, BGR)

    Um diese Aussage zu bestätigen, fehlen mir die Quellen. In den Zeitungsberichten für die Generalversammlung 1866 (nicht vorher!) ist nicht vermerkt, auf wessen Vorschlag die bisherige Abseitsregel geändert wurde. 1863 war jede/r abseits, der der gegnerischen Torlinie näher war als der Ball, 1866 war man abseits, wenn weniger als drei gegnerische Spielende im Moment des Passspiels vor der/dem angreifenden Spielerin/Spieler standen. Der Googlewatchblog und Stern treiben es auf die Spitze und schreibt, dass es 1863 keine Abseitsregel gab.

    Abseits gab es nicht.
    (Quellen: Computerbild, Googlewatchblog, Stern, Gala, BILD)

    Sehr wohl gab es 1863 eine Abseitsregel. Ich zitiere Regel 6 aus dem 1863 veröffentlichten Regelwerk der FA: “When a player has kicked the ball any one of the same side who is nearer to the opponent’s goal line is out of play and may not touch the ball himself nor in any way whatever prevent any other player from doing so until the ball has been played; but no player is out of play when the ball is kicked from behind the goal line.”. Übersetzt: “Wenn ein Spieler den Ball zu einem Mitspieler / einer Mitspielerin der eigenen Seite gekickt hat, die /der näher an der Torlinie des Gegners ist als der Ball, der ist aus dem Spiel und darf den Ball weder selbst berühren noch in irgendeiner Weise andere Spieler daran hindern, dies zu tun, bis der Ball gespielt wurde; aber kein Spieler ist aus dem Spiel, wenn der Ball hinter der Torlinie gekickt wird.” (Der letzte Halbsatz bezieht sich auf die damaligen Vorläufer unseres heutigen Eckstoßes, hier ein wenig näher erklärt.

    Morley war der Vater des modernen Fußballs
    (Quellen: Google und davon vermutlich kopierend: Computerbild, Time of India, NDTV, The Sun, Moneycontrol, Indian Express, Express (England), Stern, SWP, Gala, heute.at,  zeenews, The Statesman, Hull Daily Mail, News18, news.com.au, India Today, Click on Detroit, Augsburger Allgemeine, Latestly, metro.co.uk, local10, Fox Sports Asia, Spiegel Online, BILD und bereits vor dem 16.08.18 zahlreiche Veröffentlichungen)

    Streitbar. Oder anders: Würde ich akzeptieren, wenn die beiden Wörter “einer der” ergänzt wird. Er war sicher einer der Väter des modernen Fußballs bezeichnen. Ich freue mich dann auf weitere Doodles für Thomas Arnold, Charles William Alcock und noch eine mehr, in Deutschland dann auch gerne noch Konrad Koch und Walter Bensemann. metro.co.uk, bezeichnet Morley zwar in der Überschrift als “father of modern football” , schreibt im Bericht dann aber richtig “The Yorkshireman is credited as being one of the founding fathers of football as we know it today and it is a reputation he thoroughly deserves.”.

    Und a propos “Moderner Fußball”: Zu diesem sehr definitionsabhängigen Begriff und Fußball in England habe ich für 120minuten einen Beitrag geschrieben.

    Der am 16. August 1831 in der englischen Stadt Hull als Sohn eines Ministers geborene Ebenezer Cobb Morley […].
    (Quelle: Computerbild)

    Nicht fußballhistorisch, sondern inhaltlich bzw. die Übersetzung falsch. Einmal googeln und bereits mehrere Seiten auf der ersten Seite hätte geholfen, welche Übersetzung für “minister” hier zutreffend ist. Minister ist es nämlich nicht, sondern Geistlicher. Ebenezer Cobb Morley Vater war Reverend Ebenezer Morley.

    Morley gründete 1858 mit dem Barnes Club den ältesten Fußballverein der Welt.
    (Quelle: Computerbild, BILD)

    Falsch. Holla, wow, da haben gleich mehrere Vereine etwas dagegen, nämlich der 1857 gegründete Sheffield FC und – streitbar – der 1824 gegründete und 2007 wiedergegründete Foot-Ball Club aus Edinburgh, über dessen Geschichte vor kurzem John Hutchinson und Andy Mitchell ein Buch veröffentlicht haben ((Vgl. Hutchinson, John/Mitchell, Andy: The World’s First Football Club (1824). John Hope and the Edinburgh footballers. A Story of Sport, Education and Philantropy. North Carolina: CreateSpace 2018.)). Letzterer hat sich offenbar zunächst in den 1840er Jahren aufgelöst (es gibt dazu keine Quelle, aber der Verein wird später nicht mehr erwähnt) und wurde nun “wiedergegründet”, sofern man es auf Grund der fehlenden Quelle für eine Auflösung überhaupt so bezeichnen möchte. In Edinburgh mag man wahrscheinlich lieber den Ausdruck “pausiert”.

    Die FA Rules von 1863 legen unter anderem die Spielerzahl und die Spieldauer fest.
    (Quelle: Computerbild, BILD)

    Falsch. Beides, Spieleranzahl und Spieldauer, wurden erstmal 1897 durch das IFAB festgelegt.

    Das Fußballspiel gegen Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts wurde durch nur sehr wenige Regeln gesteuert.
    (Quelle: Googlewatchblog)

    Falsch. Die Rugby School Rules von 1845 haben 37 Regeln, die FA Rules von 1863 13 Regeln. Und das Fußballspiel an der Privatschule in Rugby war wesentlich chaotischer/gefährlicher als das von der FA erlaubte Fußballspiel.

    Ab 1863 war das Fußballspiel attraktiver und strukturierter.
    (Quelle: Googlewatchblog, CNN, Stern, SWP, Gala, heute.at, Hull Daily Mail, News18, Westfälische Rundschau, Augsburger Allgemeine, Spiegel Online)

    Streitbar. Attraktiver und strukturierter wurden sie für mich erst in den folgenden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, wie zum Beispiel die erwähnte 1866 eingeführte neue Abseitsregelung. Oder das sich entwickelnde Amt des Schiedsrichters (zur Entwicklung: hier (Regel V – Schiedsrichter) und hier (Regel VI – Schiedsrichterassistenten).)

    Ein Spiel wird es auf der rechten Seite des Doodles zu sehen ist, war erst ab 1866 möglich.

     

    Das Fußballspiel ab 1863 bot den Zuschauern mehr.
    (Quelle: Googlewatchblog, heute.at)

    Streitbar. Zuschauer als Fans entwickelten sich erst in den 1880er Jahren, bisweilen auch Ende der 1870er Jahren.

    Bereits vor 1863 gab es Eckstöße, Freistöße und Einwürfe. Diese wurden aber erst durch die FA Rules flächendeckend eingeführt.
    (Quelle: Berliner Morgenpost, Westfälische Rundschau)

    Falsch. Freistöße nach Fouls und Eckstöße gab es beides ab 1872. Richtig ist, dass es einen Einwurf gab und das Eckstöße und Einwürfe bereits in anderen Regeln verankert waren, so zum Beispiel in den Sheffield FC Rules (1858-1867) und Sheffield FA Rules (1868-1877). Der Freistoß war allerdings bis 1871 immer eine Belohnung, keine Bestrafung.

    Und außerdem: Die FA Rules waren nicht automatisch 1863 in ganz England oder gar im ganzen Vereinigten Königreich gültig. Erstmal nur im London und Umland und wenigen anderen Vereinen.

    Morley war die erste Person, die die Regeln des Fußballs niederschrieb.
    (Quelle: Express (England), Stern, Gala, heute.at, zeenews, Independent, Click on Detroit, n-tv, local10, Fox Sports Asia, DNA India, Spiegel Online, BILD)

    Falsch, denn es gab bereits vor 1863 zahlreiche Regelwerke. Von denen beschreiben die meisten frühen eher ein rugbyähnliches Spiel, aber spätestens die Cambridge University Rules von 1857 beschrieben das Fußballspiel, das wir als Fußball bezeichnen.

    Die Fußballregeln wurden beim Treffen am 26.10.1863 formuliert.
    (Quelle: Fox Sports Asia)

    Falsch. Am 26.10.1863 war das erste Treffen. Die Regeln, wie sie veröffentlicht wurden, wurden beim fünften Treffen am 1.12.1863 so entworfen und am 8.12.1863 letztendlich bestätigt und dann veröffentlicht.

     

    Vielleicht hat ja jemand Lust, den seit zwei Tagen existierenden Eintrag zu Morley in der deutschen Wikipedia entsprechend zu verbessern.

     

    Fotocredits

    Screenshot des Google-Doodles anlässlich E. C. Morley 187. Geburtstag.

  • Deutsche Fußball-Geschichte – Born in Lüneburg

    Die deutsche Fußball-Geschichte wird immer wieder mit Konrad Koch in Braunschweig begonnen. Dabei ist dies lediglich ein Mythos. Ein Mythos, der sich allzu leicht verbreitete hatte. Nicht zuletzt durch einen Kinofilm über Konrad Koch mit Daniel Brühl oder über eine erst im Sommer 2020 ausgestrahlte Dokumentation des TV-Senders NDR.

    Die Anfänge des Fußball Sports in Deutschland liegen in Lüneburg.

    Der Beginn der deutschen Fußball-Geschichte

    Der Fußballhistoriker Hans-Peter Hock stieß bei Recherchen auf einen Artikel der englischen Wochenzeitschrift The Field, the farm, the garden. The country gentleman’s newspaper vom 04.09.1875. Diese berichtete, dass Ende August ein Fußballspiel nach FA Rules an der Schule Johanneum in Lüneburg stattgefunden hat. Zu einer Zeit, als in Braunschweig oder auch Dresden noch nach Rugby-ähnlichen Regeln gespielt wurde. (Denn Konrad Koch führte Rugby in Braunschweig ein, nicht Fußball. Es hieß früher nur beides football.)

    Dieser Fußballclub an der Schule von Lüneburg wurde 1874 gegründet und bestand vermutlich nur kurze Zeit, wenngleich es im Jahr 1875 noch weitere Spiele gab. Davon bezeugt nicht nur The Field, sondern auch der Lokal-Zeitung von Lüneburg.

    Aber es ist für früheste Nennung eines Fußball-Spiels in Deutschland gespielt wurde.

    Protagonisten in Lüneburg waren der deutsche Lehrer Wilhelm Karl Philipp Theodor Goerges (1838–1925) und der junge englische Schüler Richard Ernest Newell Twopeny (1857–1915), der zuvor am Marlborough College zur Schule ging. (Exkurs: Twopeny wanderte im Mai 1876 mit seiner Familie nach Australien aus, wurde dort Journalist und Sekretär der South Australian Football Association.)

    Meine Linksammlung für die deutsche Fußball-Geschichte ist hier online.

    Die deutsche Fußball-Geschichte – von Engländer*innen begründet

    Es waren in Lüneburg und zahlreichen weiteren deutschen Städten vor allem Engländer*innen, die die Football-Spielarten wie weitere Sportarten nach Deutschland brachten. Sie waren Geschäftsleute, Urlaubende, Schüler*innen und Studierende und sie spielten in ihrer Freizeit in Deutschland natürlich ihr liebgewonnenen sports. So kam der Fußball nach Deutschland – und viele weitere Länder der Welt.

    Die Reaktion von Braunschweig

    Natürlich war man in Braunschweig nicht sehr begeistert über diesen Zeitungs-Fund und den Hinweis darauf, dass jener football, den Konrad Koch in Braunschweig einführte, Rugby war. Ein Irrtum, der durch die deutschen Worte zustande kommt. Das deutsche Wort Fußball meint nur association football. Das englische Wort football bedeutete aber noch bis ins 20. Jahrhundert sowohl association football (➡️ Fußball) als auch rugby football (➡️ Rugby).

    So pocht Braunschweig auf Kochs Weitsinn, „Fußball als pädagogische Mittel im Schulalltag“ aufgenommen zu haben. Dabei übersehen sie, dass auch in Lüneburg Fußball (und hier tatsächlich literally football) an der Schule gespielt wurde.

    „Wenn in Lüneburg tatsächlich erstmals ein Fußballspiel nach modernen englischen Regeln gespielt wurde, so freut uns das und es ist ein weiterer Beleg dafür, wie fortschrittlich die Lehrer damals in Norddeutschland mit dem damals ja neuen Thema des Ballsports umgegangen sind. Es dürfte ohnehin an vielen Orten in Deutschland in dieser Zeit eine aufkeimende Begeisterung für Ballsport gegeben haben. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass auf Initiative des Braunschweigers Konrad Koch, den Fußball als pädagogisches Mittel im Schulalltag aufzunehmen, der lange und erfolgreiche Weg dieser Sportart in Deutschland geebnet wurde. Bis heute zeigt sich dies in dem von ihm formulierten deutschen Regelwerk für den Fußball, aus dem zum Beispiel die bis heute noch gültige Abseits-Regel stammt.“
    – Stellungnahme der Braunschweig‘s Stadtmarketing GmbH für den TV-Sender NDR.

    Tatsächlich war Braunschweig für die deutsche Fußball-Geschichte nur ein Ort von vielen und Konrad Koch nur eine Person von vielen, in denen der rugby football schnell populär wurde. Doch seine Ansichten wurden am deutlichsten überliefert.

     

    Bleibt zu hoffen, dass Lüneburg auf breiter Basis in die deutsche Fußball-Geschichte eingeht, ohne aber Kochs Engagement zu mindern.

    Die Quelle

    The Field 46, 1875, p. 272:

    „Lüneburg College Football Club. – Football has now become quite a popular game here, and the adoption of the Association rules has effected a decided improvement in the last year’s somewhat irregular play here. Out of a school of 600 boys, there is naturally a good deal of good material, and the vigour with which pick-ups have been played since the end of the holidays shows well for the coming season. The school has also secured a new and very good ground close to the town, which was inaugurated on the 28th, by the match Classical v. Modern School. Each side had unfortunately lost two members at almost the last moment, and the game was reduced to nine a side, in spite of which a capital match ensued. Modern won the toss, and, there being little or no wind, chose the top goal, Jochmus kicking off for Classical punctually at 5. At first the ball has a tendency to go out, and in the first twenty minutes did not go near either goal, till a long kick from Twopeny, well followed up by the forwards resulted in a goal kicked out of the scrimmage by Behling. Classical now played up very hard, and made more than one shot at goal. A. Crohen being at last rewarded with success. The ball having been kicked off by Twopeny, he followed it up, and after a short dribble secured a second goal for Modern by a near left-footer. From this point the Modern forwards worked very well together, Clausen’s charging being especially good. Behling, after a nice dribble, made a capital try at goal, the ball hitting the post; and immediately afterwards a fine long kick of Twopeny, who kicked very straight and far throughout, brought him another goal. Modern now entirely assumed the offensive, and were only kept out of the Classical’s goal by F. Jochmus and H. Crohen’s good kicking. Soon afterwards the inattention of the Modern goal keeper resulted in a goal neatly kicked after a short dribble by A. Crohen. The game was now kept pretty even to the end, Twopeny securing an easy goal off a free kick. A capital goal kicked by Kühns just before time was disallowed, as he was off side, and a very pleasant game was ended at 6:30, Modern being left victors by four goals (Behling 1, Twopeny 3) to Classical two (A. Crohen 2).

    For Classical the two Crohens, Jochmus, and Kühns are worthy of mention, while for Modern their captain (half back), well backed up by Behling, Clausen, and Waldmeister as forwards, played the best. Altogether the play showed great promise, though the “off-side” rule is not very strictly attended to.

    Modern: H. Distel (goal), R. E. N. Twopeny (Marlborough College, captain), and R. Heiptker (half backs), E. V. Clausen, A. V. Behling, H. E. Waldmeister, R. Distel, J. E. Wolfson (Bradford), and W. Hanke (forwards). Classical: F. Jochmus (captain, goal), A. Crohen, and H. Crohen (New York) (half-backs), A. Bever (Bradford), and G. Kühns, Mahlsohn, H. Jochmus, G. Heine, and E. Hanke (forwards).

    The following are the committee for the present season: R. E. N. Twopeny captain, F. Jochmus hon. sec., A. Crohen treasurer.”

  • 1873, Heidelberg. Kein Fußball, sondern Rugby (“football”)

    Zufallsfund schreibt Fußballgeschichte neu. Der Historiker Lothar Wieser wollte über einen Revolutionär von 1848 forschen. Stattdessen fand er den ältesten Bericht über ein Fußballspiel in Deutschland aus dem März 1873. Ein Zufallsfund, der Lücken in der deutschen Fußballgeschichtsschreibung offenbart.

    Dieser Beitrag für den Deutschlandfunk von Fußballhistoriker Eggers lässt mitunter missverstehen, es handelte sich bei dem Spiel 1873 um Fußball. Das war es aber sehr wahrscheinlich nicht, sondern Rugby bzw. eine Rugby-ähnliche Spielart mit hacking und running game.

    Verbreitet war auch diese rugby-football-Spielarten noch nicht, aber sie wurde früher als (Assoziations-)Fußball in Deutschland gespielt. Der Begriff football beinhaltete damals alle Spielvarianten, denn es gab noch keine allzu strikte Trennung (erst in den 1880ern, 1890ern).

    Auch Eggers vermutet, dass es sich bei dem Spiel, dessen Spielbericht in der Heidelberger Zeitung 1873 zu finden ist, um ein Rugbyspiel handelt. Sicherheit gibt es nicht, weil nicht genannt wird, nach welchen Regeln gespielt wurde.

    Daher ist der Titel etwas missverständlich gewählt, finde ich. Mitunter schreibt es die Heidelberger Rugbygeschichte neu, nicht aber die Fußballgeschichte, denn das in den 1870er Jahren Rugby-Varianten in Südwestdeutschland ein kleinen Boom erlebten, ist bekannt.

    Es kann auch gut sein, dass es das bislang älteste Rugbyspiel ist, über das in einer Zeitung berichtet wurde. Aber es war Rugby, kein Fußball. Der älteste Bericht über ein Fußballspiel (ohne Handspiel und running game) kommt weiterhin aus Lüneburg, 1875.

  • Moderner Fußball um 1900

    Moderner Fußball um 1900

    Moderner Fußball …

    “[…] it is evident that football is quite an ancient game. Time alters everything, and it has undoubtedly done so in football. Where one used to play with half the village on one side and the same on the other, it is now restricted to sides composed of eleven players. As I have been requested to write on the modern game it is not worth while dwelling upon how it was played a hundred years ago. Football is really supposed to be a Scottish game, but it was in England that a proper Association with defined rules was first started.” (John Cameron: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 7.)

    Der Begriff des modernen Fußballs ist kein Begriff der letzten Jahrzehnte, wie ich im vergangenen Jahr in zwei Longreads bei 120minuten über England und Deutschland schon veröffentlicht und anschließend im dazugehörigen Podcast dargestellt habe. (Links aktuell – 03.10.2020 – nicht verfügbar.)

    1870er Jahre: Kombinationsfußball

    Sowohl Montague Shearman (1887), Charles William Alcock (1906) und zitierter John Cameron (1908) beschreiben in ihren Schriften über das Fußballspiel, was sich seit der Gründung des ersten Fußballverbandes 1863 bereits verändert hat. Dabei beziehen sie sich nur auf association football, also Assoziationsfußball bzw. Verbandsfußball als Abgrenzung zum Rugby. Hier eine kurze Zusammenfassung ihrer Darstellungen. Moderner Fußball – in England um 1900. Zu einer Zeit, als in Deutschland gerade der DFB gegründet wurde.

    In den 1860er und 1870er Jahren war die FA deutlich von adeligen und bürgerlichen Gentlemen dominiert, die Fußball zu einem großen Teil bereits als Disziplin- und Moralübung in der Schule kennen- und lieben gelernt haben. Besonders in den ersten Jahren nach der Gründung der FA war Fußball eine reine Freizeitbeschäftigung und Mittel zur Übungen für ehemalige Schüler von public schools. Man verurteilte das körperbetontere Fußballspiel, das unter anderem an der public school in Rugby gespielt wurde und der Spielform später den Namen gab. Schon damals gab es den Terminus des scientific play, dass man heute am besten als Zauberfußball bezeichnet: Es geht um Spielweisen, die die Zuschauer ins Staunen versetzt. Scientific play der 1860er war es, möglichst lange und virtuos den Ball dribbeln zu können. Backing up bezeichnete nur die Variante, dass alle anderen Spieler in der Mannschaft dem Dribbelnden im Windschatten folgen, damit sie den Ball abfangen können, falls er ihn vom Gegner abgeluchst bekommt. Die einzigen, die nicht immer folgten waren die beiden backs/Verteidiger. Half backs/Mittelfeldspieler gab es in diesem Spielsystem noch keine.

    Moderner Fußball ^1.

    In den 1870er Jahren wurde der Fußballsport für andere Sport- sowie Leichtathletikteam attraktiv, um sich in den Pausen fit zu halten. Es war auch üblich, dass eine Person in den warmen Monaten Cricket spielte und in den kühleren Monaten Fußball, um sich fit zu halten.

    Ab etwa der Mitte der 1870er Jahre wurde dann auch das Spielsystem etwas verändert und künftig im 2-2-7 oder 2-2-6 mit fester Positionszuteilung im Sturm gespielt und je nachdem, ob schon ein Spieler als Torwart festgelegt wurde. Eben in dieser Phase verlor der Wanderers FC seine Dominanz bei FA Spielen an die old boys teams, wie die Mannschaften ehemaliger Schüler einer Schule genannt wurden. Die Wanderers bestanden aus den besten ehemaligen public-school-Schülern, doch in den 1870ern wurde es modern, dass Schulen ihre eigenen Old … -Mannschaften gründeten. Das hatte zur Folge, dass die Alumni der public schools aus Verbundenheit lieber im Verein ihrer Schule spielten als bei den Wanderers. So wurden für etwa ein Jahrzehnt die Old Etonians, Old Carthusian, Old Wykehamists, etc. die erfolgreichen Mannschaften.

    1880er Jahre: Professionalismus

    Im Laufe der 1880er Jahre wandelte sich der Fußball enorm. Moderner Fußball ^2.

    Es begann im Norden mit den Mannschaften von Entrepreneurs, die weniger den Zeitvertreib und vielmehr Reichtum und Ansehen im Blick hatten, und Arbeitern, die ihre Chance zu nutzen versuchten, als Fußballer der gefährlichen oder allzu stupiden Arbeit in Bergwerken und an Fließbändern zu umgehen. Das große Geld lockte schon damals. Auch das Spielsystem wandelte sich mehr und mehr zu einem Kombinationsspiel. In der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurden diese Änderungen auch in der südlicheren Hälfte Englands von mehr und mehr Mannschaften umgesetzt.

    Shearman veröffentlichte seine Schrift 1887 und für ihn waren die wichtigsten Änderungen seit 1863 neben dem Professionalismus die bereits 1866 geänderte Abseitsregel und die veränderte Form des Einwurfs bzw. Eintritts von der Seitenlinie – ja, damals konnte gewählt werden, ob das Spiel mit einem Einwurf oder einem Eintritt fortgesetzt wurde. Außerdem war die Entwicklung zum Kombinationsspiel für ihn bahnbrechend. Man spielte zwar in London und Umgebung immer noch im 2-2-6 oder 2-2-7, aber das Spiel hatte zu sich einem selbstlosen Spiel entwickelt, in dem nicht mehr die Kunststückchen der einzelnen Spieler im Vordergrundstanden, sondern das Zusammenspiel, der Spielaufbau und die Manndeckung. Ihm war außerdem wichtig, dass das Fußballspiel ein Wintersport bleibt und sich die Spiele nicht noch mehr in den Sommer (d.h. über März hinaus) verlagern und dass sich das Kopfballspiel weiterentwickelt. Das Passen per Kopf war damals noch sehr unüblich und wurde erst am Ende der 1880er Jahre üblicher. Häufig schien es noch sehr als „Clownerie“ (so Shearman) zu erinnern, weil die Spieler kaum Geschick darin hatten.

    Die Entwicklungen der darauf folgenden zwanzig Jahre schildern Charles William Alcock und vor allem John Cameron.

    Cameron stellte eingangs fest, dass die Begeisterung für das Fußballspiel mehr und mehr ansteigt und prophezeite, dass das Spiel „noch mindestens eine Generation gespielt wird“ ((Vgl. Cameron, John: Association Football und wie man es spielt. London [1908]. S. 63.)). Eine Aussage, die uns heute schmunzeln lässt und sogar noch mehr, wenn man liest, dass für Cameron die Ausübung von Radfahren und Laufen „durch das Fehlen einer Organisation“ ((Vgl. Cameron, John: Association Football und wie man es spielt. London [1908]. S. 63.)) bereits dem Untergang geweiht seien. Was löste die Begeisterung aus und half dabei, dass sie nicht abebbte? Cameron nennt hier den Zusammenhalt der Spieler und die Unterstützung durch Lehrer, die das Fußball im Unterricht einsetzen, außerdem das verbesserte Training (eher: Essen), auf das ich letzten Dezember näher eingegangen bin. Alcock ergänzt die Weiterentwicklung des Spielsystems zum 2-3-5 und damit des Kombinationsfußballs.

     

    Literatur

    • Shearman, Montague: Athletics and football. London 1887.
    • Alcock, C. W.: Football. The Association Game. London 1906.
    • Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908].

     

    Fotocredits: Frontispiece from the book Association Football and How to Play It (1908) by John Cameron. Photograph of the author, Scottish-born footballer and Tottenham Hotspur player-manager, John Cameron. https://en.wikisource.org/wiki/File:AS%26HTPI_frontis_John_Cameron.png

  • Rebellion gegen die Geistlichkeit – Anne Hutchinson und die antinomische Krise

    Rebellion gegen die Geistlichkeit – Anne Hutchinson und die antinomische Krise

    Diese Hausarbeit habe ich im Wintersemester 2002/03 im Seminar “Puritanismus im kolonialen Nordamerika” bei Prof. Dr. Helmut Schmahl (Geschichte, Uni Mainz) verfasst. Es ist meine allererste Hausarbeit, die ich verfasst habe.

    Nachträglich habe ich den Text gegendert und den Begriff Native Americans ergänzt.

    Einleitung

    1531 hatte sich Heinrich VIII. von der römischen Kirche gelöst und die englische Staatskirche gegründet. Im Gegensatz zu den anderen protestantischen Konfessionen geschah diese Abspaltung primär nicht aus Gründen von Glaubensfragen wie bei den Reformatoren. Entscheidender Anlass war die Weigerung des Papstes, die Ehe von Heinrich VIII. mit der Spanierin Katharina von Aragon aufzulösen, damit dieser mit der Hofdame Anna Boleyn eine neue römisch-katholisch legitimierte Ehe eingehen konnte. Durch den Federstrich der Trennung von Rom fand in den glaubenspolitischen Wirren der folgenden Jahre eine Hinwendung der englischen Staatskirche, des Anglikanismus, zu der protestantischen Glaubensrichtung statt. Die romtreuen Kleriker versuchten verständlicherweise, diesen Prozess aufzuhalten bzw. dem gegenzusteuern oder gar rückgängig zu machen. Allerdings oft mit der Folge, hingerichtet zu werden, wie beispielsweise Thomas Morus.

    So bildeten sich innerhalb der englischen Kirche zwei Gegenströme. Jene, die eine Wiederangliederung in die römisch-katholische Kirche wünschten und jene, die die Inhalte der protestantisch-calvinistischen Lehren übernehmen wollten. Zu allem spielte auch die große Politik, besonders die Position England als politischer Kontrapunkt zum erzkatholischen Spanien, eine Rolle.

    Calvin war ein Reformator aus der französischen Schweiz, der etwa zeitgleich mit Luther lebte. Seine Lehre beruht hauptsächlich auf der doppelten Prädestinationslehre, die besagt, dass manche Erwählte in den Himmel kommen, die anderen, die Nichterwählten, in die „Hölle“. Nach seiner These macht sich diese Erwählung schon auf Erden bemerkbar, denn den Erwählten ist bereits dort Erfolg beschieden.

    Die Anhänger der calvinistischen Glaubensrichtung nannten sich in Frankreich Hugenott*innen und in England Puritaner*innen*innen, abgeleitet vom Englischen to purify = reinigen. In England wollte man neben der Durchsetzung der eigenen Glaubens Richtung innerhalb der anglikanischen Kirche im Besonderen den nach Meinung der Puritaner*innen*innen noch zu sehr vorhandenen Einfluss (man nannte die Katholik*innen abschätzig Papisten) der katholischen Kirche reinigen.

    In diesen Wirren wurde Anne Hutchinson am 20. Juli 1590 als Anne Marbury, Tochter des Geistlichen Francis Marbury und seiner zweiten Ehefrau Bridet Dryden, Tochter des John Dryden of Canon’s Ashby in Northhamptonshire, in der Kirche von Alford, Lincolnshire getauft.[1]Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436.

    Der Antinomismus

    Das Wort Antinomismus wird aus den griechischen Wörtern anti = gegen und nomos = Gesetz zusammengesetzt. Damit ist speziell das alttestamentliche Sittengesetz gemeint, wie es in der Bibel im Pentateuch steht und dem niemand mehr verpflichtet sei. Denn durch die Ankunft des Messias, Jesus von Nazareth, sei das Alte Testament und damit auch der Alte Bund abgeschlossen. Durch den Tod von Jesus wurde nicht nur die gesamte Menschheit von ihren Sünden erlöst, sondern Gott schloss zudem mit allen Menschen der Erde einen Neuen Bund.

    ,,Indem er von einem neuen Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt, was aber veraltet und überlebt ist, das ist dem Untergang nahe.” (Hebr 8,13)

    Der Antinomismus betont die menschliche Glaubensfreiheit und die göttliche Gnade. Diese Ideologie geht zurück bis zu Paulus, der diese Glaubensüberzeugung mit seinen Briefen hervorbrachte. Die Antinomist*innen formulierten, da der Heilige Geist die Menschen erfülle, geht dieser eine persönliche Union mit den Menschen ein. Somit gehören alle gläubigen Christ*innen zu den Erretteten und kommen Kraft dessen in den Himmel. Der Heilige Geist lenke die Handlungen des Menschen. Der Mensch sei nicht mehr an ein Gesetz, speziell das Sittengesetz gebunden, da er gar nicht mehr sündigen könne, weil ansonsten der Heilige Geist und damit Gott selbst in der Dreifaltigkeit sündigen würde, was schließlich nicht möglich sei. So die Überzeugung der Antinomist*innen.[2]Vgl. Röm 6,14. vgl. Röm 3,23-26. Doch die Missbrauchsmöglichkeit, die sich aus dieser Sichtweise ableitete und zur Anarchie führen könnte, bereitete vielen Menschen Sorge.[3]Vgl. Pesch, Otto Hermann: Antinomismus. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 1. Freiburg im BreisgaVgl. Pesch, Otto Hermann: Antinomismus. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 1. Freiburg … Continue reading

    Anne Hutchinson in England

    Annes Vater Francis, Diakon an der Christ Church in Cambridge, sprach offen über seine puritanischen Lehren, von denen Anne schon einige in frühem Alter aufnahm. Die puritanischen Äußerungen des Vaters missfielen den Verantwortlichen der Church of England so sehr, dass sie ihn für ein Jahr ins Gefängnis steckten. Aber auch nach seiner Freilassung blieb er bei seinen selbst für die Anglikaner radikalen Meinungen und nahm es in Kauf, deswegen immer wieder verhaftet und verhört zu werden. Der Marbury‘sche Haushalt repräsentierte gleichzeitig puritanische Zucht und Bildung’. Anne lernte leben und schreiben. Sie verehrte ihren Vater, der den Prinzipien der traditionellen Kirche widersprach, las viele seiner Bücher über Religion und Theologie und unterstützte seine Meinung. 1605 zog die Familie nach London.[4]Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436. Ebenso: Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 11-12.

    Am 9. August 1612 heiratete Anne Marbury als 22jährige den Kaufmann William Hutchinson aus Alford, Lincolnshire. Bis 1633 wurden ihnen 15 Kinder geboren. Von Alford aus fuhr die Familie sonntags oft nach Boston (England), um die Predigt von Reverend John Cotton zu hören, den Anne sehr bewunderte. Wie ihr Vater predigte auch dieser die Reinigung der Kirche und wetterte gegen den seiner Meinung nach drohenden Verfall. Cotton wurde von zwei wesentlichen Thesen getrieben. Erstens war auch er Meinung, dass die katholische Kirche immer noch einen zu starken Einfluss auf die Church of England habe und dass dieser Einfluss diese Institution letztendlich zerstören würde. Zweitens war er beseelt von der Idee, in Amerika eine Kirche mit religiöser Freiheit aufzubauen.[5]Vgl. Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 26.

    Die Massachusetts Bay Colony

    Als im November 1620 die Passagiere der Mayflower nicht wie geplant in Virginia, sondern weiter nördlich landeten, wurden sie dort ansässig. Sie gründeten eine Siedlung und schlossen schließlich mit dem englischen König einen Vertrag für dieses Stück Land: den Mayflower Compact. Das Ziel war, eine Zuflucht für Puritaner*innen*innen zu schaffen, damit diese dort nach ihrer religiösen Ideologie leben können. Zur Erreichung dieses Ziels gründete man nach der Landung eine Kapitalgesellschaft, die Massachusetts Bay Company, die in England für die Durchsetzung dieses Zieles kämpfte. Im März 1629 war es dann soweit: Festgelegt in der königlichen Charta (Massachusetts Bay Charta) für das Gebiet zwischen dem Fluss Merrimack und dem Charles River am 4. März 1629. In dieser Charta wurde festgeschrieben, dass es dort einen von den sogenannten Freemen gewählten Governor und einen Deputy Governor gibt, die zusammen mit 18 Assistants den General Court bilden und Minister genannt wurden. Als Freemen galten alle Männer, die sich in die Siedlung eingekauft hatten und somit Mitglied waren. Die Massachusetts Bay Colony kann man als Kirchenstaat bezeichnen, denn der Governor war gleichzeitig das weltliche und das geistliche Oberhaupt. 1630 landete der schon in England gewählte erste Governor der Siedlung, John Winthrop. Der englische König hatte allerdings in dem Vertrag übersehen, England als den Sitz der Gesellschaft festzulegen. Somit war es nicht notwendig, dass die Mitglieder des General Court ihre jährliche Versammlung in England abhalten mussten und die Pfarrer brauchten so nichts mit dem König abzustimmen und konnten praktisch autonom regieren. Die Gesetze der Massachusetts Bay Colony waren jedoch nicht wirklich liberal. Wenn es denn überhaupt eine Wahl in der Lebensweise gab, bestand diese lediglich in der Religionsfreiheit. Die strengen puritanischen Gebote im Zusammenleben der Massachusetts Bay Colony galten für alle Bewohner, ob sie puritanischen Glaubens waren oder nicht.

    Sie bestand von 1628 bis 1681 und war eine englische Siedlung am Massachusetts Bay, an der Ostküste Amerikas um Boston und Salem.

    Da die Puritaner*innen*innen in den 1630er Jahren starken Zulauf hatten, brauchte die Kolonie in Massachusetts ihre Gesetze nicht zu liberalisieren. Erst Ende des 17. Jahrhunderts, als die immigrierte Generation verstorben war, wurde die Härte der puritanischen Vorschriften gelockert, um neue Mitglieder zu gewinnen. Die nach kommenden Generationen konnte sich nicht mehr mit der erzkonservativen Glaubensüberzeugung ihrer Väter und Großväter identifizieren; sie erschien ihnen veraltet. Bernard Bailyn nennt dies einen problematic anachronism.[6]Vgl. Bailyn, Bernard: The Peopling of British North America. New York 1986. S. 91.

    Anne geht ihren Weg

    Ihre Ankunft

    1633 emigrierte Annes ältester Sohn Edward mit John Cotton nach Amerika und wurde in der Massachusetts Bay Colony sesshaft. 1634 folgte ihm die Familie an Bord der Griffin nach.[7]Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436.

    Damit waren sie Teil der großen Auswanderungswelle von 1630 bis 1642, in der allein 21.000 Puritaner*innen*innen von England aus in die Massachusetts Bay Colony auswanderten.[8]Vgl. Bailyn, Bernard: The Peopling of British North America. New York 1986. S. 25-26.

    Schon an Bord der Griffin sprach Anne immer wieder über ihre persönlichen Überzeugungen, der die anderen Schiffsinsassen nicht unbedingt positiv gegenüberstanden, was zu Spannungen führte. Sie überraschte allerdings damit, dass sie den Tag der Ankunft in der Massachusetts Bay exakt voraussagte: der 18. September 1634. Anne war überzeugt, hellseherische Momente zu haben; es ist aber nicht überliefert, ob sie diese bewusst bzw. vorsätzlich zu ihrem Vorteil ein setzte. Sie wird beschrieben als selbstlose Frau, die nicht nach Macht strebte. In der Öffentlichkeit habe sie als hilfsbereit gegolten, half bei Geburten und kümmerte sich um die Kranken. Mit ihrer Rolle als Frau und Mutter sei sie zufrieden, gewesen und damit eigentlich eine vorbildliche Goodwife, wie man die puritanischen Frauen nannte. Sie wird als stets fröhlich und fromm beschrieben, aber sie war auch eine Frau mit einer hohen Intelligenz und einer für die damalige Zeit ungewöhnlich guten Bildung. Damit war sie vielen anderen Personen überlegen. Sicherlich trug dies zu ihrer Selbstsicherheit und Durchsetzungsfähigkeit bei. Das Schicksal der Native Americans berührte sie im Besonderen, da jene nicht an Jesus Christus glaubten und damit nicht zu den Erretteten gehören würden.[9]Vgl. Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 91.

    Die Stellung der Frau in der Massachusetts Bay Colony

    Frauen wurden in der Massachusetts Bay Colony auf Grund der Vorschriften völlig unterdrückt. Nur den Männern sei Intelligenz gegeben, so die allgemeine Auffassung der Minister in Massachusetts. Frauen sollten sich um die Familie und um den Haushalt kümmern.[10]Vgl. Adams, Charles M.: The Colonial Period of American History. New Haven 1934. S. 477.

    Sie wurden grundsätzlich als geistig minderwertig und sittlich schwach an gesehen, schon alleine aus dem Grunde, dass Eva zuerst die Sünde im Paradies begangen hatte. Sie sollten den Inhalten der Predigten entsprechend leben, durften nicht selbst vor Menschen sprechen (egal ob in der Kirche oder an einem anderen Ort) und ihre Meinung darlegen. Dabei stützte man sich auf eine Aussage des Apostels Paulus in einem seiner Briefe, die von den Ministern Massachusetts in ihre Vorschriften übernommen wurde.

    Es ist möglich, dass sich Anne von dieser zweiten Bibelstelle im Korinther-Brief leiten ließ als sie meinte, man solle die Heilige Schrift nicht buchstäblich auslegen, sondern sich dabei von der Nächstenliebe als Kernbotschaft des Neuen Testamentes leiten lassen. Gerade diese Nächstenliebe und der Neue Bund, den Anne Hutchinson den Covenant of Grace, Bund der Gnade, nannte, waren ihr sehr wichtig.

    Anne war mit Leib und Seele Hausfrau und Anhänger des puritanischen Glaubens. Mit den meisten puritanischen Prinzipien war sie durchaus einverstanden. Seit ihrer Kindheit machte sie sich Gedanken zu theologischen Fragen, die sie bei privaten Treffen gegenüber anderen äußerte. Sie wollte sich hiermit nicht außerhalb der puritanischen Kirche stellen, noch wollte sie jemanden verletzen. Allerdings weckte sie mit ihren differenzierten Ansichten zum Alten und Neuen Bund den Zorn der puritanischen Führer.

    Cotton warnte sie bereits bei ihrer Ankunft im September 1634 in Amerika, ihre Gedanken und Lehren besser für sich zu behalten. Aufnahme in die Kolonie fand nur, wer ,,I have been guilty of wrong thinking“[11]Zit. nach: Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 90. gelobte, wobei sie, um für sich ein reines Gewissen zu behalten, bei dieser Aussage keineswegs an ihre religiöse Doktrin gedacht haben soll, sondern an familiäre Angelegenheiten. Sie war wohl ernsthaft bereit, einen Kompromiss zu schließen um Mitglied der Massachusetts Bay Colony zu werden. Vor allem wollte sie ein Mitglied der Kongregation Cottons zu werden, den sie noch immer verehrte.

    Dieser allerdings brachte Annes Ansichten keinerlei Verständnis entgegen, sondern pure Ablehnung. Nach seiner Vorstellung vergeudete sie ihre Zeit und auch er vertrat die Ansicht, dass sie sich nicht in die von Gott gegebene Rolle einfüge. Anne war in der Annahme nach Amerika gekommen, dass sie im Gegensatz zur Situation in England, in der Massachusetts Bay Colony ihre Glaubensvorstellungen leben und ihre Meinung frei äußern könne. Die Hoffnung täuschte.

    Ihre Informationstreffen und die Verbreitung ihrer Doktrin

    Anne gewann recht bald Ansehen für ihre Intelligenz und Bildung, und auch ihre Herzlichkeit machte sie beliebt. Sie begann zweimal pro Woche Informationstreffen für andere Frauen in ihrem Haus abzuhalten, um sich über die vorangegangene sonntägliche Predigt ihre Meinung zu äußern und mit den Frauen hierüber zu diskutieren. Besonders die Verbannung des Dissidenten Roger Williams vergrößerte den Zustrom der Frauen zu den Treffen enorm. Es waren schließlich fast 100 Frauen. Später riskierte es Anne, bei diesen Treffen auch ihre eigenen Vorstellungen darzulegen und darüber zu diskutieren. Sie wollte, dass jede Frau des Kreises ihre eigene Meinung finden solle, die nicht unbedingt mit der Predigt des Pastors übereinstimmen musste. So befürwortete sie, den Covenant of Grace, den Neuen Bund.

    „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann.“[12]Eph 2,8-9: Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -, nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann.

    So kam Anne zu ihrer Doktrin, dass bereits und allein der Glaube an Gott die Menschen befreit und man als Christ somit zu den Erretteten, den ewig Lebenden gehört.

    Auf den alttestamentlichen Gesetzen und dem absoluten Gehorsam der Kirche und dem Staat gegenüber basierte aber die politische Ordnung der Massachusetts Church. Anne stellte mit ihren Gedanken den Grundpfeiler dieser Glaubensrichtung in Frage. Die Frauen der Treffen jedoch sprach ein Gott des Vergebens der (Erb-)Sünde und der Nächstenliebe viel mehr an als ein Gott, der auf ewig verdammt. Durch die Vorstellung, dass bereits allein der Glaube an Jesus Christus den Menschen erlöst, wurde die Autorität der Pfarrer ins Wanken gebracht. Im Nebeneffekt förderten die Treffen der Frauen deren Sozialisierung, wurde ihnen doch ansonsten keine geistig anregende Möglichkeit geboten.

    Auch John Winthrop, ab 1637 wieder erster Minister (Govenor), vertrat ebenfalls das zeittypische niedere Bild der Frauen und hatte eine sehr puritanische Vorstellung, was diese tun und lassen sollten. Er sah die Treffen sehr negativ. und bezeichnete sie als ,,disorderly and without rule“[13]Zit. nach: Holliday, Carl: Woman‘s Life in Colonial Days. Boston 1992. S. 440..[14]Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436.

    Zu Annes Freunden gehörten unter anderem so einflussreiche Männer wie ihr Schwager, der Reverend John Wheelwright, der die Schwester ihres Mannes, die Quäkerin Mary Hutchinson, geheiratet hatte. Des weiteren Captain John Underhill und ein weiterer Quäker mit Namen William Coddington und Sir Henry Vane, der Jüngere, der zeitweise Governor in der Kolonie war, die Quäkerin Mary Dyer, die Anne schon aus Alford kannte und die mit ihr nach Massachusetts ausgewandert war. Doch die Anhänger dieser neuen protestantischen Glaubensgemeinschaft der Freunde des Lichtes, Quäker*innen genannt, wurden von den strenggläubigen Puritaner*innen*innen verfolgt.

    Winthrop bezichtigte beispielsweise Sir Henry Vane des Antinomismus und so kam auch Anne Hutchinson durch die Bekanntschaft in den Verdacht, eine Antinomistin zu sein. Anne aber war mit der Ideologie der Massachusetts Bay Colony im Wesentlichen einverstanden und befolgte deren Gesetze.[15]Vgl. Pesch, Otto Hermann: Antinomismus. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 1. Freiburg im Breisgau 31993. Sp.765.

    Ihre Ideologie

    Wie bereits erwähnt, war nach Auffassung von Anne jeder Gläubige gerettet und erfüllt vom Heiligen Geist. Aus diesem Grund und der Haltung Jesus‘ zur Nächstenliebe auch seinen Feinden gegenüber, war Anne zum Beispiel gegen die Verfolgung der Native Americans, da sie Menschen aus demselben Fleisch und Blut wären. Zudem vertrat Anne die Überzeugung, dass man keine Gebete auswendig lernen müsse. Gebete seien kein Druckmittel. Beten solle man, wenn das Bedürfnis da sei, und man solle sich dabei von Gott inspirieren lassen, wenn man die Worte formuliere.

    Ebenso wie gegen festgelegte Gebete wandte Anne sich gegen die Verehrung des Sonntages als den einzigen heiligen Tag in der Woche. Vielmehr sei jeder Tag ein Tag Gottes, an dem man seine Werke und seine Schöpfung preisen solle.

    Das Sittengesetz als moralische Instanz, wie auch die gesamte Ideologie der Bibel sei für jeden in einer Weise geltend, wie dieser sie auslege. Wohlgemerkt nach Annes Auffassung nicht buchstäblich, sondern in einem tieferen Sinn[16]Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig., der für jeden Menschen so unterschiedlich ist, wie die Menschen untereinander verschieden sind. Anne argumentierte, dass seit Christi Tod der Mensch mit seiner Lebensweise nicht mehr an den Alten Bund und somit auch nicht an das Sittengesetz gebunden sei, außer wenn ihn der Heilige Geist dazu bewegt. Alle, die das Gegenteil predigten, das waren für Anne in der Kolonie die Pfarrer außer Cotton, waren nicht dazu fähig, die Menschen zu lehren. Dennoch waren sie Annes Meinung nach errettet, glaubten sie doch an Jesus Christus.

    Mit dem Gedanken aber, dass für jeden nur die eigene Auslegung entscheidend ist, machte sie sozusagen die Prediger überflüssig. Sie untergrub außerdem den Anspruch des Puritanismus als reinste der christlichen Religionen (alle anderen Religionen galten als heidnische) und somit den Missionierungscharakter als Erwählte. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, würde es bedeuten, dass man keine Kenntnisse der Bibel und der puritanischen Lehren braucht, um von Gott erwählt zu sein. Auch würde dies für jede andere christliche Religion gelten. Die Minister waren empört, war doch ihrer Meinung nach der noch so jungen Kolonie der Reinen in Gefahr, umgedreht zu werden. Aber auch Teile der Bevölkerung waren schockiert über die Ansichten Annes.

    1634 bis 1637 war der 1634 erst 20jährige Henry Vane, Sohn eines englischen Gemeinderates, Governor der Kolonie und wie zuvor schon erwähnt, Sympathisant von Anne. Anfangs waren die Bewohner begeistert von dem jungen Mann. Als er jedoch öffentlich behauptete, eine persönliche Union mit dem Heiligen Geist eingegangen zu sein, waren sie so schockiert, dass sie sich von dem vermeintlichen Antinomist*innen enttäuscht abwendeten. Sein Gegenkandidat Winthrop setzte bei seiner Propaganda für die Wahl zum Governor besonders auf die Rückbesinnung zum Ursprünglichen des Puritanismus und damit für eine Restauration, die in Massachusetts wieder für eine Ordnung nach seiner Vorstellung sorgen sollte. Es erstaunt nicht, dass es zur Wahl Winthrops zum neuen Governor kam. Vane kehrte enttäuscht nach England zurück.[17]Vgl. Speck, W. A./Billington, L.: Calvinism in Colonial North America 1630-715. In: Menna Prestwich (Hg.): International Calvinism 1541-1715. Oxford 1985. S. 265.

    Einige wollten Annes Schwager Reverend John Wheelwright als dritten Minister neben Winthrop und Cotton. Er sollte die Aktivitäten Annes zügeln. Doch Winthrop stellte sich gegen Wheelwright und versagte seine Nominierung. Wheelwright war von der abweisenden Haltung des neuen Governors sehr gekränkt. Winthrop versuchte, die Wogen zu glätten und bot Wheelwright die Fasttags Predigt im Januar 1637 an, doch Wheelwright lehnte, immer noch gekränkt, ab. Nun war Winthrop seinerseits verärgert und zitierte ihn gleich zu Beginn seiner Legislaturperiode vor den General Court, das Gericht der Kolonie, das ihn dann verbannte. Ende des Jahres, am 22. Dezember 1637, verließ er die Kolonie Richtung New Hampshire.

    Der Prozess

    Im November 1637 zitierten die Minister der neuenglischen Kolonie Anne Hutchinson vor Gericht. Noch im Jahr zuvor war man nicht so besorgt, schrieb Winthrop zu diesem Zeitpunkt doch in sein Tagebuch einen Eintrag über die Angeklagte, der mit ,,One Mrs. Hutchinson […][18]Zit. nach: Miller, Perry/Johnson, Thomas H.: The Puritans. New York u.a. 1938. S. 129.

    beginnt. Es schien ihm nicht weiter erwähnenswert. Man klagte Anne wegen Ketzerei (heresy) und der Verhetzung (sedition) an. Vor Gericht ließ man ihr zwei Möglichkeiten. Entweder sie widerrufe alles und würde wieder ein ,,profitable member here among us” oder ,,the court may take such course that you may trouble us no further.[19]Zit. nach: Hutchinson, Thomas: The Examination of Mrs. Ann Hutchinson at the court at Newton. In: Lawrence Shaw Mayo (Hg.): The History and Providence of Massachusetts. Band 2. Cambridge 1936. S. … Continue reading

    Argumente von Anne Hutchinson

    Anne wählte von beide Optionen die letztere, denn ihr war es vermutlich wichtiger, vor Gott ein reines Gewissen zu bewahren, als Mitglied in der Massachusetts Bay Colony zu bleiben. Geschickt und engagiert verteidigte sie sich selbst und man bemerkte ihr großes Wissen über die Heilige Schrift. Hier konnten ihr die Minister nichts widerlegen, sonst hätten sie behaupten müssen, die Bibel wäre falsch. Wahrscheinlich erst durch das Eingehen auf ihre ,,immediate revelations“ und den Bezug zu Abraham³¹ lieferte sie einen griffigen Vorwand für eine Verurteilung. Die geschickte Verteidigung war für die Pfarrer schlimm, konnte doch eine Frau nicht intelligenter sein als Männer. Dies sei ein Ding der Unmöglichkeit. Anne müsste vom Teufel besessen sein.

    Bei der anschließenden Abstimmung im Gerichtssaal stimmten daher alle Personen bis auf drei[20]Eine Enthaltung, zwei Gegenstimmen von Coddington und einem Mr. Colborn. für ihre Verbannung. Als Anne Hutchinson fragte, weswegen sie verbannt werde, bekam sie die nichtssagende Antwort: „Say no more, the court knows wherefore and is satisfied.”[21]Zit. nach: Holliday, Carl: Four Woman’s Life in Colonial Days. Boston 1992. S. 44.

    Wegen des bevorstehenden Winters verbrachte sie die nächsten Monate in der Obhut von Marschalls Joseph Weld.[22]G., G.: Hutchinson, Mrs. Anne. In: Dictionary of national Biography. Band 10. Oxford 1973. S. 338.

    Bei einem Besuch bei Cotton in Boston versuchten dieser und ein anderer Reverend namens John Davenport, Anne von ihren Fehlern zu überzeugen. Ob Cotton dies tat, um Anne in seiner Kongregation zu behalten oder aus tatsächlicher Überzeugung, ist nicht bekannt. Zweimal hatte Anne die Chance, in der Öffentlichkeit alles zu widerrufen, zweimal blieb diese ungenutzt. So wurde sie schließlich auch der Lüge bezichtigt und am 22. März 1638 exkommuniziert.

    Das tragische Ende

    Eine Verbannung war in jener Zeit eine harte Strafe, denn die Kolonie bot auch Schutz. Außerhalb der Kolonien war Indianerland und man war weitgehend auf sich allein gestellt. Letztendlich blieb Anne die Möglichkeit entweder nach England zurückzukehren oder aber nach Aquidneck ziehen, das Roger Williams gegründet hatte. Sie entschied sich für letzteres. Im Frühjahr zog Anne mit Familie und Bediensteten in die neugegründete Kolonie südlich von Massachusetts, den heutigen Staat Rhode Island.

    1642 starb Annes Mann. Anne zog aus unbekannten Gründen mit den meisten Verbliebenen der Familie Hutchinson weiter nach Hell Gate in Long Island, einem niederländisch besiedelten Gebiet, der heutigen Pelham Bay. Dort wurden im August oder September 1643 nicht nur Anne, sondern auch fast alle ihre Kinder und Bediensteten und viele weitere Personen bei einem Angriff von Native Americans getötet.

    Der Tod von Anne Hutchinson im sogenannten Massaker von Hell Gate[23]Vgl. ebd. S. 437. führte in der Massachusetts Bay Colony zu unterschiedlichen Reaktionen. Die puritanischen Führer, allen voran Winthrop, fühlten keine Reue. ,,Proud Jezebel has at least been cast down.“ Viele Bewohner jedoch machten Winthrop für Annes tragischen Tod verantwortlich.

    Captain John Underhill, Anhänger von Anne Hutchinson und von vielen als Antinomist tituliert, vergalt den Angriff mit einem noch größeren Massaker und brachte 250 Männer, Frauen und Kinder um und begann damit den sogenannten dreijährigen Krieg.[24]Vgl. Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 137.

    Die überlebenden drei Kinder Anne Hutchinsons waren ihr ältester Sohn Edward, der in die Massachusetts Bay Colony zurückkehrte und dort von 1658 bis 1675 Deputy Governor war. 1675 wurde er im King Phillipp‘s War nach Brookfield geschickt, um mit den Native Americans in Nipmuck zu verhandeln, die ihn jedoch ermordeten. Er war der Urgroßvater des späteren Governor der Kolonie, Thomas Hutchinson, der auch die Gerichtsverhandlung seiner Ur-Urgroßmutter Anne veröffentlichte, aus der an einigen Stellen zitiert wurde. Edwards jüngere Schwester, Faith, heiratete Thomas Savage, den Oberbefehlshaber in dem schon erwähnten Krieg König Philipps.

    Das jüngste Kind von Anne Hutchinson, Susanna (geboren 1633), wurde bei dem Angriff der Native Americans entführt und später von Niederländern freigekauft. 1651 heiratete sie in Bolton John Cole.[25]Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 437.

    Schluss

    Anne hatte erkannt, dass sich die Puritaner*innen und von dem Neuen Testament als Basis des christlichen Glaubens entfernten und sich damit in die falsche Richtung bewegten. Auch der zentrale Punkt, nach der alle Menschen vor Gott gleich sind, fand sie in der puritanischen Auslegung nicht ausreichend berücksichtigt. Sie konnte letztendlich nicht wirklich etwas bewegen, aber sie war ein Mahner und bezeugte großen Mut, in dem sie ihre Ansichten nicht leugnete. Dass ihr Vorbild bei den anderen Frauen wirkte, macht sie zu einer Vorreiterin der weiblichen Emanzipation bereits zu einer Zeit, in der Frauen noch als vermeintliche Hexen denunziert und getötet wurden.

    Mit ihrer Priorität auf Nächstenliebe und der Gleichheit der Menschen war sie dem allgemeinen Zeitgeist weit voraus. Es ist auch ein Stück jenes Demokratieverständnisses, das sich in der pluralistischen Gesellschaft der USA ausgeprägter und früher als in der Alten Welt entwickelte.

    Ihre Intelligenz und die für die damalige Zeit besonders für Frauen ungewöhnliche Bildung machte sie für die Männer der Massachusetts Bay Colony zu einer Bedrohung. Sie entstammte einer gebildeten englischen Familie und hatte so ei ne hervorgehobene gesellschaftliche Stellung in England. Sie gab alles auf, um nach der Auswanderung den freien Glauben leben zu können. Bereits drei Jahre später war dieser Traum mit der Ausweisung zu Ende. Bemerkenswert ist, dass ihr Mann nur in Bezug auf die Hochzeit und seinen Tod erwähnt wird. Anne war wohl eine so starke Persönlichkeit, dass ihr die ganze Familie folgte. Bleibt zu hoffen, dass auch im 21. Jahrhundert immer wieder neue Anne Hutchinsons den Mut finden, für ihren Glauben und die Rechte der Frauen ein zutreten.

    Literaturverzeichnis

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    • Holliday, Carl: Woman’s Life in Colonial Days. Boston 1992.
    • Hutchinson, Thomas: The Examination of Mrs. Ann Hutchinson at the court at Newtown. In: Lawrence Shaw Mayo (Hg.): The History and Providence of Massachusetts. Band 2. Cambridge 1936.
    • Miller, Perry/Johnson, Thomas, H.: The Puritans. New York u.a. 1938.
    • Speck, W. A./Billigten, L.: Calvinism in Colonial North America 1630-1715. In: Menna Prestwich (Hg.): International Calvinism 1541-1715. Oxford 1985.
    • Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946.

    Fußnoten

    Fußnoten
    ↑1 Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436.
    ↑2 Vgl. Röm 6,14. vgl. Röm 3,23-26.
    ↑3 Vgl. Pesch, Otto Hermann: Antinomismus. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 1. Freiburg im BreisgaVgl. Pesch, Otto Hermann: Antinomismus. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 1. Freiburg im Breisgau 31993. Sp. 765.
    ↑4 Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436. Ebenso: Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 11-12.
    ↑5 Vgl. Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 26.
    ↑6 Vgl. Bailyn, Bernard: The Peopling of British North America. New York 1986. S. 91.
    ↑7 Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436.
    ↑8 Vgl. Bailyn, Bernard: The Peopling of British North America. New York 1986. S. 25-26.
    ↑9 Vgl. Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 91.
    ↑10 Vgl. Adams, Charles M.: The Colonial Period of American History. New Haven 1934. S. 477.
    ↑11 Zit. nach: Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 90.
    ↑12 Eph 2,8-9: Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -, nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann.
    ↑13 Zit. nach: Holliday, Carl: Woman‘s Life in Colonial Days. Boston 1992. S. 440.
    ↑14 Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 436.
    ↑15 Vgl. Pesch, Otto Hermann: Antinomismus. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 1. Freiburg im Breisgau 31993. Sp.765.
    ↑16 Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.
    ↑17 Vgl. Speck, W. A./Billington, L.: Calvinism in Colonial North America 1630-715. In: Menna Prestwich (Hg.): International Calvinism 1541-1715. Oxford 1985. S. 265.
    ↑18 Zit. nach: Miller, Perry/Johnson, Thomas H.: The Puritans. New York u.a. 1938. S. 129.
    ↑19 Zit. nach: Hutchinson, Thomas: The Examination of Mrs. Ann Hutchinson at the court at Newton. In: Lawrence Shaw Mayo (Hg.): The History and Providence of Massachusetts. Band 2. Cambridge 1936. S. 367. Ebenso: Holliday, Carl: Four Woman’s Life in Colonial Days. Boston 1992. S. 44.
    ↑20 Eine Enthaltung, zwei Gegenstimmen von Coddington und einem Mr. Colborn.
    ↑21 Zit. nach: Holliday, Carl: Four Woman’s Life in Colonial Days. Boston 1992. S. 44.
    ↑22 G., G.: Hutchinson, Mrs. Anne. In: Dictionary of national Biography. Band 10. Oxford 1973. S. 338.
    ↑23 Vgl. ebd. S. 437.
    ↑24 Vgl. Crawford, Deborah: Four Women in a Violent Time. New York 1970. S. 137.
    ↑25 Vgl. Truslow Adams, James: Hutchinson, Anne. In: Dictionary of American Biography. Band 9. New York 1946. S. 437.
  • Die Reformkleidung der Frauen

    Die Reformkleidung der Frauen

    Diese Hausarbeit habe ich im Sommersemester 2006 im Proseminar “Lebensreform um 1900” bei Dr. Christina Niem (Kulturanthropologie, Uni Mainz) verfasst.

    Einleitung

    Die Epoche der „Lebensreform“ um 1900 war ein relativ kurzlebiges Zeitfenster auf dem Weg zu unserer heutigen modernen Gesellschaft. Sie begann Ende des 19. Jahrhunderts und dauerte bis ca. 1914 als die Auswirkungen des 1. Weltkrieges dem Leben seinen ureigenen Stempel aufdrückten. Der Höhepunkt war ca. von 1900 bis 1905. Die Lebensreformer folgten anthroposophischen Lebensweisen. Unter dem Leitsatz: „Zurück zur Natur“ entstand eine Gegenbewegung zur Verstädterung und der Industrialisierung. Propagierte Lebensweisen waren: eine vollwertige Ernährung, die ökologische Landwirtschaft, der Vegetarismus, natürliche Heilverfahren/Naturheilkunde, Nudismus/ FKK, Sexualreform, Siedlungsprojekte wie die Gartenstädte und der Monte Verità, Bodenreform, Antialkoholismus, Gymnastik und Sport, Impfgegnertum, Körperpflege und die Reformkleidung. Bekannte Reformer waren u.a. Maximilian Bircher-Benner, Wilhelm Bölsche, Otto Buchinger, Karl Buschhüter, Adolf Damaschke, Sebastian Kneipp, Arnold Rikli, Johannes Ude, Bruno Wille, Werner Zimmermann, Hugo Höppener (Fidus).

    In diesem Gesamtrahmen kam der Reformkleidung eine beachtliche Bedeutung zu, da sie den Übergang zu unserer heutigen Frauenkleidung darstellte.

    Grundsätzlich betrachtet besitzt Kleidung eine Zeichenfunktion. Sie ist ein Mittel mit der sich Menschen nach außen zur Allgemeinheit hin präsentieren. Die Allgemeinheit nimmt einen Menschen als erstes über seine Kleidung, sein Auftreten, wahr und taxiert ihn oft danach. Die Kleidung, die Teil der Sachkulturforschung ist, ist ein kultureller Indikator sozialer Prozesse. Aus ihr lassen sich Schlüsse auf die soziale Stellung ihres Trägers ziehen. Zudem ist sie ebenso Mittel zur Ausgrenzung wie auch zur Abgrenzung innerhalb einer Gesellschaft bzw. innerhalb geschlechtsspezifischer Differenzen. Durch die Kleidung lassen sich weiterhin Schlüsse über die Konformität oder Individualität einer Person ziehen. Helge Gerndt beschreibt in seinem Buch „Kleidung als Indikator kultureller Prozesse“ eben diese Eigenschaft der Kleidung. Die Thematik der Reformkleidung ist in speziellem Maße auch ein Punkt der Körperlichkeit, der Hygiene und Krankheit, dem Umgang mit Unterkleidung und der Vorsorge bei der Menstruation.

    Ich untersuche in dieser Hausarbeit inwieweit die Bewegung der Reformkleidung der Frau eine für die Lebensreform typische Reformbewegung war mit den wichtigen lebensreformerischen Aspekte der Verwissenschaftlichung, Hygienisierung und Ästhetisierung. An der Kleidungsreform hatten zwei Gruppen hauptsächlichen Anteil, die sich allerdings nicht in allen Fragen einig waren. Für die erste Gruppe, die Lebensreformer, war die Reform der Kleidung Teil des ganzheitlichen Wandels. Die zweite Gruppe, die Jugendstil-Künstler, wollten eine Änderung der Kleidung, um aus ihr so ein architektonisches Meisterwerk zu machen.

    „Status quo“ vor der Kleiderreform-Bewegung

    Hosen symbolisierten im Abendland Männlichkeit.[1]Daher trugen früher kleine Jungen immer Kleider, bis sie ab der Pubertät Hosen tragen durften. Frauen dagegen ihr Leben lang nicht. In vielen anderen Kulturen dagegen, z.B. in  China und in Arabien, gehören Hosen bzw. hosenartige Beinkleider schon länger zur Alltagskleidung von Frauen.[2]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 11.

    Im Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde von den Landesfürsten Kleiderordnungen für die verschiedenen Stände und Gruppen (z.B. Juden oder Prostituierte) erlassen. Nach dem langwierigen Zerfall der Stände orientierte man sich seit der Aufklärung an der Pariser Mode.[3]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 22. Mode bekam den Status eines Luxus-Gegenstandes. Sie war teuer und wollte man mit der Mode gehen, musste diese immer wieder neu gekauft werden.[4]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 126. Wer von unteren Gesellschaftsschichten aufsteigen konnte, weil er zu Vermögen gekommen war oder auch nur diesen Anschein erwecken wollte, dokumentierte dies durch die Mode der höheren, vermögenderen Schichten. Es war eine Mode, die durch Korsetts aus Fischbein und Metallstangen, Tornüre (auch Krinoline genannt)[5]Eine Tornüre oder Krinoline ist ein künstliches Gestell über dem Gesäß, das dem darüber getragenen Rock die modisch aufgebauschte rückwärtige Betonung. und möglichst verschiedene Stoffe mit vielen Applikationen und Accessoires geprägt war. Je üppiger die Kleidung gearbeitet war, umso mehr Luxus und Reichtum zeigte man nach außen.[6]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 123. Nach dem Schönheitsideal jener Zeit wurde die weibliche Brust und das Gesäß sehr betonend herausgestellt und der Bauch möglich flach gedrückt. Als seitliche Silhouette entstand so eine S-Kurve.[7]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 31. Hierzu trug man eine aufgetürmte Lockenfrisur.

    Anna Kühn errechnete in ihrem Buch das Gewicht der durchschnittlichen Frauenkleidung. Ein Hemd, ein weißes Beinkleid[8]Der Begriff „Beinkleid“ bezeichnet hier den Unterrock, der Begriff „geschlossenes Beinkleid“ eine Unterhose. Unterröcke gefährdeten die Gesundheit, da sich durch die Wärme Bakterien … Continue reading, ein Korsett, eine Kleidertaille, 2 Unterröcke und ein Kleiderrock ergaben ein Gewicht von 4,3kg. Dabei wogen alleine die drei Röcke 2,7kg und machen somit mehr als die Hälfte des Gesamtgewichtes aus. Allerdings wurden oft mehr als 3 Röcke getragen, im Winter war es meistens die doppelte Menge.[9]Vgl. Kühn, Warum können wir, 1901. S. 170. Da die Röcke aufsaßen, musste das beachtliche Gewicht alleine von den Hüften getragen werden. Ein Umstand, der auch angesichts der Einschnürung der Taille oft zu einer Überbelastung und Deformierung der Organe und zu Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt beitrug.

    Die verbesserte Frauenkleidung bei den Frauenbewegungen

    Außerhalb Deutschlands

    Erste Veränderungen der Frauenkleidung entstanden bei Gruppierungen wie den Frühsozialisten und Quäkern. Diese lehnten hierarchische Strukturen ab, propagierten die Geschlechtergleichheit und waren so eine wichtige ideologische Basis in Sachen einer verbesserten Frauenkleidung im Allgemeinen und der Etablierung einer Frauenhose als Unterkleidung im Besonderen.[10]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 43.

    In den USA entwarf die Quäkerin Amelia Bloomer ein Kostüm, das aus einer Jacke, einer langen Unterhose und einem kürzeren Rock darüber bestand und verbreitete es in ihrer Zeitschrift „The Lily“ 1851. Dieses Kostüm hatte sie nach einem Hosenkostüm eines Schweizer Sanatoriums entworfen, das sie bei einer Bekannten sah. Es sollte vor Kälte, Krankheiten und peinlichen Momenten schützen, bequem sein und man sollte sich darin sehr gut bewegen können.[11]Vgl. ebd. S. 50f. Doch die allgemeine Empörung des Establishments über die vermeintliche Vermännlichung der Frau und die Angst der Frauen vor einer gesellschaftlichen Isolation schreckte diese vor dem Tragen dieses Kostüms ab.[12]Vgl. ebd. S. 60. Das Bloomer-Kostüm fand daher keine Akzeptanz. Allerdings berichtete die ausländische Presse hierüber und so verbreitete sich  dieses Thema auch in Europa.

    In England kam es um 1880 mit dem „Aesthetic Movement“ zu einer Neugestaltung der Frauen-kleidung, indem man auf mittelalterliche Schnittformen zurückgriff. In Norwegen standen die gesundheitlichen Aspekte im Vordergrund. Angesichts der Schädigung der weiblichen Organe durch das Tragen schwerer Kleidung wollte man die Last auf die Schultern verlagern. Fröken Christine Dahl brachte ihre Entwürfe zum deutschen internationalen Kongress 1896 mit und stellte sie dort vor. Ihre Kleidung hatte sie nach dem amerikanischen Vorbild entworfen und berücksichtigte hygienische Grundsätze.[13]Vgl. Stamm, Reformkleidung, 1976, S. 45. Aber, sowohl in Norwegen wie auch in England kam die neue Art der Kleidung ebenso wenig bei der breiten Bevölkerung an wie die Jahrzehnte vorher in den USA.

    Innerhalb Deutschlands

    Seit den 1880er Jahren beschäftigte sich die deutsche Presse mit den ausländischen Reformbestrebungen der Frauenkleidung.[14] Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 90. Besonders die Modezeitschrift „Gartenlaube“ kritisierte die vorherrschende Mode und verwies auf die gesundheitliche Gefährdung der Frau. Die Zeitschrift forderte, dass die Kleidung den Gesundheitskriterien der Ärzte (siehe Kapitel 4.1) entsprechen müsse und plädierte für das Tragen eines geschlossenen Beinkleides. Dessen Akzeptanz bedingte aber auch eine Verhaltensänderung der Frauen bei der Verrichtung der Notdurft und im Umgang mit der Menstruation. Die Zeitschrift stellte jedoch die herrschende Mode nicht in Frage.[15]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 27. Die breite deutsche Gesellschaft kritisierte die neuen Bestrebungen. Nur wenige Frauen hatten den Mut, die reformierte Kleidung zu tragen, zu groß war die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung. Trotzdem drangen die Gedanken der Reformer mit der Zeit immer tiefer und breiter in die Gesellschaft ein.

    Institutionalisierung: Der Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung

    Ausgelöst durch das Bloomers-Kostüm wurde in Berlin vom 19.-26. 9.1896 mit internationaler Beteiligung der „Internationale Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ abgehalten. Einen Monat später gründete sich der „Verein für Verbesserung der Frauenkleidung“ mit dem Motto „gesund – praktisch – schön“. Seine Leitsätze standen alle unter dem gesundheitsgefährdenden Aspekt der für die Änderung der Frauenkleidung sprach.[16]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 46f. Die Leitsätze waren: Vereinfachung der Unterbekleidung, Entlastung der Hüften, freie Gestaltung des Obergewandes mit Anlehnung an die Mode, Verkürzung des … Continue reading Mit der Gründung des Vereins nahmen sich nun auch verstärkt bürgerliche Frauen des Themas Frauenkleidung an. Der Verein forderte zwar eine verbesserte Kleidung, allerdings in Anlehnung an die herrschende Mode. 1) Ein anliegendes Hemd und Beinkleid oder Hemdhose aus durchlässigem, waschbarem Geweben, 2) Ein Leibchen oder Büstenhalter an Stelle des Korsetts und ein geschlossenes Stoffbeinkleid an Stelle der Unterröcke. 3) Ein fußfreies Straßen- und Arbeitskleid.[17]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 95. Da sich die Korrekturen auf die Untergewänder bezogen, war der Unterschied zur herrschenden Mode nach außen kaum sichtbar, wenn man von der Forderung des fußfreien Arbeitskleides absieht. Das neuartige Mieder ersetzte das Korsett und hatte den gesundheitlichen Vorteil, dass das Schnüren entfiel und somit das schwere Gewicht der gesamten Kleidung von den Schultern und deren kräftigen Knochen gehalten wurde und nicht mehr von der fragilen Taille.[18]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 27. Vom 11.-24. April 1897 fand die erste Ausstellung des „Vereins für Verbesserung der Frauenkleidung“ in Berlin statt, an der sich 35 Firmen aus Industrie und Handwerk beteiligten und die 8.500 Besucher zählte.[19]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 48. Auf den folgenden Seiten geht Brigitte Stamm die Thematik tiergehender ein. Durch intensive Aufklärungsarbeit und Vortragsveranstaltungen von Frauenbewegungen und Ärzten wollten die Reformer ihre sozialreformerischen Ideen verbreiten. Durch Auskunftssitzungen, Vorträge, Ausstellungen oder Ausstellungsbeteiligungen und Drucksachen (Bilderbögen, Flug- und Merkblätter und Vereinszeitschriften) machte man das Thema in der Öffentlichkeit präsent.[20]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, 51f. Der Verein hatte allerdings kaum Mitglieder aus der breiten Gesellschaft und war somit keine Organisation der breiten Masse.[21]Vgl. ebd. S. 87.

    Die „lebensreformerischen Aspekte“ bei der Reformkleidung

    Hygienisierung und Verwissenschaftlichung

    Die gesundheitliche Gefährdung durch das Tragen des Korsetts und der Schleppe wurde von Ärzten schon seit Jahrzehnten angemahnt. Das Interesse, die Frauenkleidung zu verbessern war bei den Medizinern hauptsächlich von dem Wunsch nach gesundem Nachwuchs geprägt. So war das Interesse an einer gesünderen Kleidung erst einmal ein Mittel zum Zweck, für die Frauen aber letztendlich ein wichtiger Nebeneffekt.[22]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 38f.

    Um 1900 waren Korsett und Schleppe am Straßenkleid Hauptkritikpunkte der Mediziner.

    Dem Korsett schrieb der Arzt Neustätter viele Krankheiten zu.[23]Vgl. Stamm, Reformkleid in Deutschland, 1976, S. 38f. Mädchen wurden schon früh geschnürt, weil man so am effektivsten die Taille in die gewünschte Form schüren konnte. Die Straßenschleppe entstand durch einen eng an den Oberschenkeln anliegender Rock, der immer auf dem Boden schleifte und so Dreck und Exkremente vom Boden von der Straße in die Wohnung trug.[24]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 118f. Zwar versuchten die Frauen, die Schleppe hochzuhalten, brauchten dafür aber unbedingt beide Hände, was bei Einkäufen oder Regen nicht möglich war. Auf diese Weise wurde besonders die Tuberkulosegefahr thematisiert.[25]Vgl. ebd. S. 101f. 1908 verschwand die Schleppe dann aus der Mode.[26]Vgl. ebd. S. 121.

    Das Bild des „schwachen“ und immer krankenden Geschlechtes wurde durch die herrschende Mode verstärkt. Einerseits war die Frau durch die beschränkte Bewegungsfreiheit sehr auf die Hilfe ihre männlichen Mitmenschen angewiesen und erkrankte andererseits durch die Folgen des Schnürens und die unhygienischen Folgen der Schleppe und der offenen Beinkleidung.

    Neben den Ärzten beschäftigten sich auch Soziologen mit der Mode. In dieser Arbeit seien als Beispiel Georg Simmel und sein Werk „Philosophie der Mode“ (1895) und Werner Sombart mit „Mode und Wirthschaft“ (1902) genannt. Beide Autoren betrachteten aus verschiedenen Perspektiven die Mode als gesellschaftliches Phänomen. Sombart aus nationalökonomischer, Simmel aus sozialpsychologischer Sicht.

    Mode war für Simmel eine Möglichkeit zur Anerkennung für labile, unselbstständige Menschen. Sie lädt zum Nachahmen ein und zur äußerlichen Abgrenzung. Sombart kam nach Gesprächen mit Großindustriellen zum Schluss, dass Kleidung nicht von ihren Trägern bestimmt wird, sondern von den Herstellern. Diesen sei allerdings nur der Profit wichtig. Die Mode trägt nach seiner Meinung zur Vereinheitlichung und nicht zur Individualisierung bei. Er formulierte in seinem Werk aber keine Verbesserungsvorschläge.[27]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 92-95f. Einig waren sich beide in der Meinung, dass die herrschende Mode eine Begleiterscheinung der Industrialisierung und Urbanisierung des 19. Jahrhunderts sei. Die Nervosität dieser Epoche könne man auch in der ständig wechselnden Mode erkennen.[28]Vgl. Ebd., S. 90.

    Ganz besonders nahmen sich aber die Lebensreformer der Verbesserung der Frauenkleidung an. Sie forderten eine natürlichere Kleidung, die den Körper nicht beeinträchtigt, sondern in dem man sich völlig frei bewegen konnte.[29]Vgl. Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform, 1974. S. 9. Der Nudist Hugo Höppener, genannt Fidus, entwarf mit seinem Lehrer Karl Wilhelm Diefenbach für seine Kinder und Frauen … Continue reading Die herrschende Mode war ein Spiegel der industrialisierten Gesellschaft, die sich immer weiter von der Natur und der Natürlichkeit entfernte und sich selber krank machte.[30]Vgl. Linse, Das „natürliche“ Leben, 1998. S. 444.

    Ein Lebensreformer war auch der Arzt und Zoologe Gustav Jäger. Er gehörte zu den wichtigsten frühen Vertretern der Kleiderreform. Er propagierte in seinem Werk „Die Normalkleidung als Gesundheitsschutz. Gesammelte Aufsätze aus dem „Neuen Deutschen Familienblatt“ (1872-1880)“ von  1881 seine Jägersche Normalkleidung aus Wolle, die sehr schnell Zuspruch fand.[31]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 23f. Er entwickelte zu den Körperausdünstungen eine Seelentheorie, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann.[32]Vgl. Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform, 1974, S. 108f. Ebenso: Stamm Reformkleid in Deutschland, 1976, S. 16f.

    Heinrich Lahmann[33]Lahmann hatte Medizin studiert und unterhielt das Sanatorium „Weißer Hirsch“ bei Dresden., ein Kritiker Jägers, kritisierte die Wollkleidung als gesundheitsschädlich, da sie eine permanente Hautreizung bewirke. An ihrer Stelle wollte Lahmann die Baumwolle verwendet wissen, da sie luftdurchlässig sei, den Schweiß aufsauge und die Haut weder verkühle noch reize und erhitze.[34]Vgl. Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform, 1974, S. 109. Dieser Meinung war auch der Pfarrer Sebastian Kneipp. Für ihn war es wichtig, dass Menschen nicht nur angemessene Kleidung trugen, sondern für eine Abhärtung des Körpers sorgten, um seltener krank zu werden. Auch propagierte er ein richtiges Maß an Kleidung, da zu viel Kleidung auch krank machen könne.[35]Vgl. Kneipp, So sollt ihr leben, S. 35f. Er hatte die Erfahrung gesammelt, dass Rheumakranke in Wolle gekleidet oftmals Krämpfe von Kopf bis Fuß hatten, über kalte Füße klagten und dass ihnen das Blut in den Kopf schoss. Bei Kleidung aus Leinen aber machte er diese Beobachtung sehr selten.[36]Vgl. ebd. S. 42. So konstatierte er, dass man in Wolle mehr schwitzte, da die Wolle keine Körperwärme ableite und der eigene Schweiß kühle und man friere. Für den Sommer empfahl er daher eine lockere Tuchhose aus Baumwolle als Unterkleidung, für den Winter eine Leinenunterhose.[37]Vgl. Kneipp, So sollt ihr leben, 1890, S. 44f. Als Oberbekleidung sollte man nichts zum Schnüren oder Binden tragen, sondern nur Kleidung die Schultern getragen wird und bei der Arbeit kein Hindernis ist.[38]Vgl. ebd. S. 51. Alle Lebensreformer waren sich einig, dass Kleidung luftdurchlässig sein müsse, um „allen durch die Haut entweichenden ausscheidungsbedürftigen Stoffen freien Durchgang“ zu gewähren. Neben nicht einengender Kleidung und geschlossener Unterwäsche sowie einem guten Material erkannte man auch die Wichtigkeit der Bewegung. Sport wurde im 19. Jh. zunächst nur von Männern ausgeübt. Bei Frauen befürchtete man eine Gefährdung der Fortpflanzungsorgane. Da aber seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bekannt war, dass Bewegung die Gesundheit stärkt und viele Krankheitssymptome verschwinden lässt, empfahl man nun Frauen Spazierengehen oder maßvolles Tanzen, um so das „schwache Geschlecht“ nicht zu überfordern. Um 1900 fand dann aber auch für Frauen der Sport eine gesellschaftliche Akzeptanz. Hierfür  brauchte man jedoch lockere Kleidung, um sich frei bewegen zu können. Sport, Turnen und Gymnastik waren neue gesellschaftlich weitgehend akzeptierte Möglichkeiten, die es Frauen erlaubte, Kleiderexperimente zu wagen die später in die Alltagskleidung einflossen.[39]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 104. 1900 wurden erstmals Frauen bei den Olympischen Spielen zugelassen.[40]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 31. In der Kunst bracht der Ausdruckstanz eine neue Repräsentation des weiblichen Körpers auf die Bühnen.[41]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 151f.

    Ästhetisierung

    Die Jugendstil-Künstler waren in allen Bereichen der Lebensreform anzutreffen, besonders in der Gartenstadtbewegung. Aber auch bei der Reformkleidung, die sie nach architektonischen Idealen neu entwarfen. Diese Ideen hatten in der englischen Arts-And-Crafts-Bewegung ihren Ursprung. Sie propagierten einen schlanken Frauenkörper, der von der Kleidung umflossen und nicht geformt wurde.[42]Vgl. ebd. S. 26.

    Für die Kleiderreform wichtige Jugendstil-Künstler waren Alfred Mohrbutter, Richard Riemerschmid, Peter Behrens, Gustav Klimt und besonders der Wortführer Henry van de Velde (1863-1957), ein belgischer Architekt, Designer und einer der wichtigsten Jugendstil-Künstler. Unter dem Einfluss der englischen Arts and Crafts-Bewegung begann van de Velde, Möbel und Inneneinrichtungen zu entwerfen. Er zog nach Deutschland, wurde Leiter der Kunstgewerbeschule Weimar und im selben Jahr Gründungsmitglied des Deutschen Werkbundes. Nach dem 2. Weltkrieg zog er in die Schweiz.[43]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 98f.

    Er wollte, dass neue Formen Kunst und Leben durchdringen sollten. Deswegen entwickelte er eine neue Ästhetik der Frauenkleidung, die in den Stil der Moderne integriert werden sollte.[44]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 90.

    Van de Velde übte in 8 Punkten Kritik an der herrschenden Mode.[45]Vgl. Stamm Reformkleid, 1976. S. 53f. Er kritisierte besonders den Historismus mit seiner Stoffvielfalt, unsichtbare Nähte und Imitationen von Seide, Spitze, Samt und Wolle. Die Materialgerechtigkeit der Jugendstil-Künstler benutzte für einen bestimmten Zweck einen bestimmten Stoff.[46]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 113f. Kleidung, die nicht den natürlichen Anforderungen entspreche, sei moralisch verwerflich und ein Kleidungsstück verliert seine Funktion, wenn eine unlogische Konstruktion Gliedmaßen und Gelenke nicht erkennen lässt und so die Schönheit der weiblichen Gestalt verloren geht.[47]Vgl. ebd. S. 116-118. Das zentrale Anliegen den Jugendstils sei es, alle Bereiche des Lebens künstlerisch neu zu durchdringen, durch Vernunft, Logik, Schönheit und Moral adäquate Gestaltungsprinzipien zu finden.[48]Vgl. ebd. S. 121.

    Auf mehreren Ausstellungen um 1900 in deutschen Städten hatten auch Lebensreformer die Möglichkeit dort ihre selbstentworfenen Kleider zu präsentieren. Die dort ausgestellten Kleider zeigten deutlich, dass jeder Künstler unterschiedliche Zielsetzungen verfolgte. So war es für den einen die Dekoration, für einen anderen die malerische Auffassung und für den Dritten das architektonische Prinzip am wichtigsten. Ab 1903 konnte man im Berliner Warenhaus Wertheim solche Künstlerkleider sogar kaufen. Dadurch wurde die Reformidee deutlich popularisiert.

    Die Jugendstil-Künstler gehörten zum „Deutschen Werkbund“. Er wurde 1907 in München gegründet und beschäftigte sich mit Einsetzen des 1. Weltkrieges u.a. auch intensiv mit der Gestaltung der Frauenkleidung.[49]Vgl. ebd. S. 138. Daran war Anna Muthesius, die Frau des Initiators des Deutschen Werkbundes, in besonderem Maße beteiligt. Sie forderte, Frauen sollten nicht alle gleich aussehen, sondern unterschiedliche Kleidung, passend zu ihrem Charakter und ihrer Ästhetik tragen und so ihre Individualität ausdrücken. Sie sollten lernen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln[50]Vgl. ebd. S. 144f.. Gleiches forderte auch der Künstler Alfred Mohrbutter. Ihm gefiel das Reformkleid der Lebensreformer aus ästhetischen Gründen nicht, er schätzte aber dessen Funktion.[51]Vgl. Mohrbutter, Das Kleid der Frau. Darmstadt, 1904, S. 9f.

    Viele Jugendstilkünstler wie van de Velde und Mohrbutter verhielten sich in der „Korsettfrage“ zurückhaltend. Aber der Architekt und Publizist Paul Schultze-Naumburg forderte in seinem Buch „Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung“ die Abschaffung des Korsetts aus hygienischen und ästhetischen Argumenten. Er berücksichtigte alle ästhetischen Gestaltungsprinzipien bei seinen Überlegungen, wie man Kleidung ohne Korsett am Körper befestigen könne. Er unterstützte die Aufhängung der Kleidung an den Schultern. Dort verbiege sie nichts und hindere auch nicht am Atmen.[52]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 140f. Schultze-Naumburg ermahnte die Frauen auch, sofort nach dem Ablegen des Korsetts mit Gymnastik und sonstiger Bewegung zu beginnen.[53]Vgl. ebd. S. 172f.

    Auch für Carl Stratz waren Gesundheit und Schönheit unmittelbar verbunden. Stratz ließ Frauen vermessen und suchte dafür Frauen unterschiedlicher Figur, um so besser den Mittelwert zwischen unterster und oberster Grenze zu finden und errechnete damit für verschiedene Körperteile. Diese Werte wurden für unsere heutigen Konfektionsgrößen wichtig.[54]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 165f.

    Die Betonung der Natürlichkeit des Körpers, die Befürwortung des antiken, griechischen Typus in der Aktdarstellung spielte für ihn eine große Rolle. Das Ideal des nackten, unverkümmerten menschlichen Körpers bildete die Grundlage für die neu zu entwerfende Kleidung und führte nicht nur bei Stratz, sondern bei allen Jugendstil-Künstlern zu einer Wiederaufnahme der Renaissance- bzw. des antiken Kleidungsstils.[55]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 125. Die Anknüpfung an die Antike oder die Beschäftigung mit anderen, meist außereuropäischen Völkern, legitimierte den Blick auf den nackten Frauenkörper nach Schultze-Naumburg. Er stellte zudem die These auf: Je höher die vermeintliche Entwicklung der Rasse, desto ausgeprägter die sekundären Geschlechtsmerkmale. Am ausgeprägtesten wäre die „weiße Rasse“.

    Stratz erläutert in seinem Buch „Die Frauenkleidung und ihre natürliche Entwicklung“ drei Formen von Nacktheit: Die „natürliche Nacktheit“ zeigt sich bei „niederen Rassen“, die keine Schamhaftigkeit bei Nacktheit zeigten, sondern sich in natürlichen Stellungen fotografieren lassen. Europäerinnen zeigen dagegen die „sinnliche Nacktheit“ mit Niederschlagen der Augenlider als Äußerung des Schamgefühls und unwillkürliche Bedeckung der Brüste und des Intimbereiches. Die dritte Form der Nacktheit sei die „künstlerische Nacktheit“. Diese Form ist weit von den anderen entfernt und Folge der Rückwendung zu der Natur und der Natürlichkeit, wie Gott den Menschen geschaffen hat.[56]Vgl. Stratz, Frauenkleidung und ihre natürliche Entwicklung, 31904, S. 22.

    Der breite Durchbruch

    Noch 1894 war es üblich, dass die Frau den Haushalt führte, aber nicht außerhalb des Grund-stückes arbeitete. 1900 war es der Normalfall, dass die Frau den Haushalt erledigte, aber auch außerhalb des Grundstückes arbeitete. Die öffentliche Meinung, dass sich eine Frau um Haushalt und Nachwuchs kümmern und nicht außerhäuslicher Arbeit nachgehen soll, war im Alltag nicht mehr umsetzbar.[57]Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 33. Viele Arbeiterfamilien waren so arm, dass nicht nur die Frauen, sondern sogar Kinder mithelfen mussten; sowohl im Haushalt als auch in außerhäuslichen Arbeiten.[58]Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 152.

    Wenige Jahre später veränderte sich die Pariser Mode. Der Pariser Modemacher Paul Poiret stellte 1911 eine neue, vereinfachte Mode vor mit überschlanken Hüften und dem Hosenrock – die Resonanz war aber hauptsächlich negativ.[59]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 223. Diese neue, vereinfachte Mode hemmte das Bekanntwerden der Reformkleidung.[60]Vgl. Stamm, Reformkleid in Deutschland. Berlin, 1976. S. 140.

    Im ersten Weltkrieg sah man, dass Frauen durchaus in der Lage waren, so genannte Männerberufe auszuüben. Für die Männerarbeit sollten die Frauen während ihrer Arbeitszeit vorerst die männliche Arbeitskleidung tragen.[61]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 212. Das waren lange Hosen und Kittelblusen oder Arbeitsjacken.[62]Vgl. ebd. S. 197f. Durch das nun selbstverständliche Tragen von Hosen bei Frauen – wenn auch nur zwangsläufig bei der Arbeit – verwischte die Grenzen zwischen den Geschlechtern allmählich. So ging die Frau gestärkt und mit neuem Selbstbewusstsein aus dem Krieg heraus. Sie war in ehemalige Männerdomänen unwiderruflich eingedrungen[63]und hatten auch gelernt bzw. lernen müssen, ohne den Mann auszukommen, für ihre Kinder zu sorgen und durch die eigene Arbeit den Lebensunterhalt zu sichern. So schienen eigentlich Jahrzehnte … Continue reading

    Während der 1930er Jahre erlebte die Frau durch die NS-Ideologie einen „Rückschlag“, sollte sie doch wieder nur als Mutter und Ehefrau im Haushalt arbeiteten. Doch der zweite Weltkrieg brachte eine tiefe Zäsur und es waren die Frauen, die an Stelle der Männer, die als Soldaten eingezogen waren, auch schwere Männerarbeit in den Fabriken leisten mußten.[64]Vgl. ebd. S. 248-250.

    Nach dem Krieg wurde die Frau weiterhin als Arbeiterin gebraucht, man denke nur an die legendären Trümmerfrauen. Mit dem Wiederaufbau der Industrie, die Arbeitskräfte brauchte, und der Wandlung der Gesellschaft wurden immer mehr Frauen berufstätig. Die Mode der Nachkriegsjahre war weiblich, aber man schätzte immer mehr das praktische an Hosen, besonders im Winter. Bei kleinen und größeren Kindern schätze man im Alltag besonders den Vorteil von Latzhosen, boten sie durch die Regulierungsmöglichkeiten eine mehrjährige Verwendung in der Wachstumszeit der Kinder. Später kamen die Halbhosen als Trainingshosen oder Skihosen, auch Lastexhosen genannt, hinzu. Die Kinder schätzten auch als Jugendliche und später als Erwachsene den Vorteil der Hosen, die immer modischer wurden. Besonders junge Menschen trugen gern und oft die neuen Frauenhosen, damals allerdings noch mit züchtigerem, seitlichem Reißverschluss und freuten sich, den „American Look“ tragen zu können. Mit der weitergehenden Liberalisierung der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Etablierung der Jeans glich sich auch der Hosenschnitt immer mehr jenen der Männer an, ja, Frau trug sogar eigentlich für Männer geschneiderte Jeans. Und diesmal blieb der laute Protest aus.[65]Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 262f. Es ging nicht mehr um das Ob des Hosentragens, sondern um das Wie. Die Hose wurde nicht nur ein Modefaktor, sie wurde immer mehr Zeichen des Protestes von überwiegend  jungen Menschen, die sich gegen die Gesellschaft auflehnten. Zur Zeit der Studentenrevolten konnte man auch „Bloomers“ kaufen, die stark an die Pluderhosen des Bloomer-Kostüms erinnern.

    Seitdem ist es völlig normal, dass Frauen zu allen Gelegenheiten  Hosen tragen.[66]Vgl. ebd. S. 268-270.

    Schlusswort

    Durch Ärzte und Wirtschaftler erfolgte eine Diskussion auf wissenschaftlicher Ebene, die Lebensreformer traten mit den Ärzten für eine Hygienisierung und damit verbesserte Lebensqualität ein und die Künstler des Jugendstils entwarfen Kleidung nach ihren ästhetischen Ideen.

    Die Reformkleidung wurde in Deutschland von ca. 1898 bis 1910 getragen. Die Kleidung der Jugendstil-Künstler betrifft sogar nur den Zeitraum 1900 bis 1904. In dieser Zeit schaffte es die Reformkleidung nicht, sich gegen die herrschende Mode durchzusetzen. Erst durch die veränderten gesellschaftlichen Strukturen nach dem 1. Weltkrieg hielten ihre Ideale Einzug in die breite Gesellschaft. Hier ist eine Gemeinsamkeit mit anderen lebensreformerischen Themen zu erkennen. Ebenfalls, dass es für die breite Masse gedacht war, doch letztendlich auch durch den persönlichen Aufwand der Herstellung um 1900 nur für bürgerliche Frauen finanzierbar war, besonders die Kleidung der Künstler. Auch brauchten nicht-bürgerliche Schichten keine Unterscheidung zwischen Hauskleid und Abendkleid. Diese Unterteilung entspricht dem Prestige- und Repräsentationsbedürfnis gehobenerer Schichten.

    Somit war die Reformbewegung der Frauenkleidung eine für die Lebensreform typische Ausprägung, da sie alle ihre Aspekte aufweist und Themen wie Natürlichkeit und entsexualisierte Nacktheit anspricht. Allerdings wurde sie erst nach dem 2. Weltkrieg durch die Massenproduktion für alle erschwinglich.

    Die Gesellschaft wurde von Grund auf erneuert und die Frauen gingen mit einem stärkeren Selbstbewusstsein aus den Kriegsphasen hervor. Langfristig gesehen verfehlte sie aber ihre Wirkung nicht, sondern ebnete den Weg zu unserer heutigen individuellen Mode.

    Quellen- und Literaturverzeichnis

    Quellenverzeichnis

    • Boehn, Max von: Die Mode. Menschen und Moden im 19. Jahrhundert 1878-1914. München 1919.
    • Jäger, Gustav: Die Normalkleidung als Gesundheitsschutz. Gesammelte Aufsätze aus dem „Neuen Deutschen Familienblatt“ (1872-1880). Stuttgart 1881.
    • Kneipp, Sebastian: So sollt ihr leben. Kempten 71890.
    • Kühn, Anna: Warum können wir die herrschende Kleidung nicht als gesund, praktisch und schön bezeichnen? o.O. 1901.
    • Mohrbutter, Alfred: Das Kleid der Frau. Darmstadt 1904.
    • Sombart, Werner: Wirthschaft und Mode. Ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsgestaltung. Wiesbaden 1912.
    • Stratz, Carl Heinrich: Die Schönheit des weiblichen Körpers. Den Müttern, Ärzten und Künstlern gewidmet. Stuttgart 31904.

    Literaturverzeichnis

    • Fischer-Homberger, Esther: „Krankheit Frau“. In: Imhof, Arthur E. (Hg.): Leib und Leben in der Geschichte der Neuzeit. Berlin 1983. S. 215-229.
    • Gerndt, Helge: Kleidung als Indikator kultureller Prozesse. Eine Problemskizze. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 70 (1974). S. 81–92.
    • Krabbe, Wolfgang R.: Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Göttingen 1974.
    • Linse, Ulrich: Das „natürliche“ Leben: Die Lebensreform. In: Richard van Cülmen (HG.): Die Erfindung des Menschen. Schöpfungsträume und Körperbilder 1500-2000. Wien/Köln/Weimar 1998. S. 435-456.
    • Ober, Patrizia: Der Frauen neue Kleider. Das Reformkleid und die Konstruktion des modernen Frauenkörpers. Kempten 2005.
    • Stamm, Brigitte: Das Reformkleid in Deutschland. Berlin 1976.
    • Welsch, Sabine: Ausstieg aus dem Korsett: Reformkleidung um 1900. In: Kai Buchholz (Hg.): Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Band 2. Darmstadt 2001.
    • Wolter, Gundula: Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose. Marburg 1994.

     

    Fußnoten

    Fußnoten
    ↑1 Daher trugen früher kleine Jungen immer Kleider, bis sie ab der Pubertät Hosen tragen durften. Frauen dagegen ihr Leben lang nicht.
    ↑2 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 11.
    ↑3 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 22.
    ↑4 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 126.
    ↑5 Eine Tornüre oder Krinoline ist ein künstliches Gestell über dem Gesäß, das dem darüber getragenen Rock die modisch aufgebauschte rückwärtige Betonung.
    ↑6 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 123.
    ↑7 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 31.
    ↑8 Der Begriff „Beinkleid“ bezeichnet hier den Unterrock, der Begriff „geschlossenes Beinkleid“ eine Unterhose. Unterröcke gefährdeten die Gesundheit, da sich durch die Wärme Bakterien leicht bilden und vermehren konnten und außerdem wegen der Körperwärme und Feuchtigkeit gerne kleinen Insekten und Spinnen dort ansiedelten.
    ↑9 Vgl. Kühn, Warum können wir, 1901. S. 170.
    ↑10 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 43.
    ↑11 Vgl. ebd. S. 50f.
    ↑12 Vgl. ebd. S. 60.
    ↑13 Vgl. Stamm, Reformkleidung, 1976, S. 45.
    ↑14 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 90.
    ↑15, ↑18 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 27.
    ↑16 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 46f. Die Leitsätze waren: Vereinfachung der Unterbekleidung, Entlastung der Hüften, freie Gestaltung des Obergewandes mit Anlehnung an die Mode, Verkürzung des Straßenkleides. Stamm, Reformkleid in Deutschland, 1976, S. 47.
    ↑17 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 95.
    ↑19 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 48. Auf den folgenden Seiten geht Brigitte Stamm die Thematik tiergehender ein.
    ↑20 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, 51f.
    ↑21 Vgl. ebd. S. 87.
    ↑22 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 38f.
    ↑23 Vgl. Stamm, Reformkleid in Deutschland, 1976, S. 38f.
    ↑24 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 118f.
    ↑25 Vgl. ebd. S. 101f.
    ↑26, ↑48 Vgl. ebd. S. 121.
    ↑27 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 92-95f.
    ↑28 Vgl. Ebd., S. 90.
    ↑29 Vgl. Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform, 1974. S. 9. Der Nudist Hugo Höppener, genannt Fidus, entwarf mit seinem Lehrer Karl Wilhelm Diefenbach für seine Kinder und Frauen lose fallende Kittel und Kleider, die weder einengten noch einschnürten. Fidus und Diefenbach bevorzugten die Nacktheit, entschieden sich aber nach dem ersten Nudistenprozess für sackähnliche Reformgewänder, bei denen das Gespür für Nacktheit im bekleideten Zustand nicht verloren ging.
    ↑30 Vgl. Linse, Das „natürliche“ Leben, 1998. S. 444.
    ↑31 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 23f.
    ↑32 Vgl. Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform, 1974, S. 108f. Ebenso: Stamm Reformkleid in Deutschland, 1976, S. 16f.
    ↑33 Lahmann hatte Medizin studiert und unterhielt das Sanatorium „Weißer Hirsch“ bei Dresden.
    ↑34 Vgl. Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform, 1974, S. 109.
    ↑35 Vgl. Kneipp, So sollt ihr leben, S. 35f.
    ↑36 Vgl. ebd. S. 42.
    ↑37 Vgl. Kneipp, So sollt ihr leben, 1890, S. 44f.
    ↑38 Vgl. ebd. S. 51.
    ↑39 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 104.
    ↑40 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 31.
    ↑41 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 151f.
    ↑42 Vgl. ebd. S. 26.
    ↑43 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 98f.
    ↑44 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 90.
    ↑45 Vgl. Stamm Reformkleid, 1976. S. 53f.
    ↑46 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976, S. 113f.
    ↑47 Vgl. ebd. S. 116-118.
    ↑49 Vgl. ebd. S. 138.
    ↑50 Vgl. ebd. S. 144f.
    ↑51 Vgl. Mohrbutter, Das Kleid der Frau. Darmstadt, 1904, S. 9f.
    ↑52 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 140f.
    ↑53 Vgl. ebd. S. 172f.
    ↑54 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 165f.
    ↑55 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 125.
    ↑56 Vgl. Stratz, Frauenkleidung und ihre natürliche Entwicklung, 31904, S. 22.
    ↑57 Vgl. Stamm, Reformkleid, 1976. S. 33.
    ↑58 Vgl. Ober, Der Frauen neue Kleider, 2005, S. 152.
    ↑59 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 223.
    ↑60 Vgl. Stamm, Reformkleid in Deutschland. Berlin, 1976. S. 140.
    ↑61 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 212.
    ↑62 Vgl. ebd. S. 197f.
    ↑63 und hatten auch gelernt bzw. lernen müssen, ohne den Mann auszukommen, für ihre Kinder zu sorgen und durch die eigene Arbeit den Lebensunterhalt zu sichern. So schienen eigentlich Jahrzehnte zwischen den zwanziger Jahren und der Vorkriegszeit zu liegen.[fn]Vgl. ebd. S. 238.
    ↑64 Vgl. ebd. S. 248-250.
    ↑65 Vgl. Wolter, Hosen, weiblich, 1994, S. 262f.
    ↑66 Vgl. ebd. S. 268-270.