„Solche Youssof Mohameds“

Simon Rosenberger war wie Walther Bensemann kosmopolitisch, wenngleich ihm für eine Äußerung gegen den ägyptischen Schiedsrichter Youssof Mohameds Rassismus vorgeworfen werden kann.

Sechs Tage nach dem 3:0-Sieg gegen die Schweiz spielte Deutschland im Viertelfinale gegen Uruguay, ebenfalls im Amsterdamer Olympiastadion. Nach Protest des DFB wurde Schiedsrichter Johannes Mutters durch Youssouf Mohamed ersetzt. Mutters und der deutsche Spieler Hans Kalb hatten schon vorher Unstimmigkeiten und der DFB befürchtete kein faires Umgehen mit ihm. Dass Kalb beim folgenden 4:1 Uruguays dennoch am Platz gestellt wurde, lädt mich zum Schmunzeln ein[1]. Auch Rosenberger und Kalb waren schon mal aneineinandergeraten, allerdings nur in Schriftform. Simon Rosenberger war Redakteur des Westdeutschen Sport und zeigte sich nach einem Spiel zwischen … Continue reading.

Das uruguayische Team gewann mit 4:1. Angeblich auch,

Wir sind verpfiffen worden

Die Meinung in allen deutschen Zeitungen war einhellig: Das war unfair. Nicht nur, dass man das Team eines anderen Landes unterstützte, denn als Revanche für die Absetzung des Niederländers Mutters waren sehr viele niederländische Fans im Stadion waren, die lautstark Uruguay unterstützen.

Sondern auch die Leistung des ägyptischen Schiedsrichters. Angeblich unterband er die zahlreichen Fouls nicht. Das Uruguay Deutschland überlegen war, erkannten nur wenige.

Struktureller Rassismus bei Rosenberger…

Simon Rosenberger erkannte es zwar, ereiferte sich aber nach dem Spiel über die Schiedsrichterleistung „Gott schütze den Fußballsports solchen Schiedsrichtern. Mehr solche Youssof Mohameds, und der ganze Fußballsport geht vor die Hunde“ (zit. nach Eggers: Fußball. S. 105). Eine solche brüske Aussage des sonst so wohlgesonnenen Rosenbergers kam nicht häufig vor. Dass er seinen Namen verwendet und nicht von „solchen Schiedsrichtern“ schreibt, kann man gut und gerne als strukturellen Rassismus benennen.

… und Bensemann

Etwas, das selbst Walther Bensemann ähnlich ausdrückte.

„Es wäre Unrecht, zu sagen, daß die Entscheidungen des Herrn Youssf[!] Mohamed in ägyptische Finsternis gehüllt waren. Sie waren klar und öffentlich stets zu unseren Ungunsten und nahmen erst nach dem dritten Tor Uruguays einen normalen Charakter an. Ich halte das Polieren der Fersen und Knöchel von hinten, so ganz en Passant, für mindestens so strafwürdig wie einen regelwidrigen Angriff mit der Hand von vorne. Aber darüber läßt sich streiten; es ist nicht nur eine Frage des Temperaments, sondern der Nationalität.“
(Bensemann, Walther: Deutschland-Uruguay. In: Kicker 23 (05.06.1928). S. 888-889, hier S. 889)

Eine Woche später etwas besänftigtere Töne, in dem er nur Mohamed Leistung und Sprachkenntnis kritisiert.

„Youssof Mohamed ist ein höherer ägyptischer Beamter, der in seinem Lande großes Ansehen genießet. Daß dieser Mann bestehen oder gekauft war, ist natürlich barer Unsinn. […] Ohne Zweigel erschien kein Neuling auf dem Platze, aber nicht der geeignete Mann, um das Schwesterherz Spiel in Amsterdam durchzuführen. Der Umstandes aß er außer seiner Muttersprache nur englisch kann, verbesserte seine Chancen nicht. Leider, ich sage nochmals leider, hat der DFB sich das Recht vergeben, gegen den Ägypter zu protestieren, denn er hat ihn auf Empfehlung von anderer Seite hin selbst vorgeschlagen.“
(Bensemann, Walther: Amsterdamer Auskehr. In: Kicker 24 (12.06.1928). S. 931-933, hier S. 932.)

 

Fußnoten

Fußnoten
1 .

Auch Rosenberger und Kalb waren schon mal aneineinandergeraten, allerdings nur in Schriftform. Simon Rosenberger war Redakteur des Westdeutschen Sport und zeigte sich nach einem Spiel zwischen Nürnberg und Fürth beschämt. Den Grund kenne ich nicht, weil mir der Artikel unbekannt ist. Doch Hans Kalb. Spieler des 1. FCN, echauffiert sich über ihn. So sehr, dass er an Walther Bensemann bzw. den Kicker einen Leserbrief schrieb, der abgedruckt wurde und Kalbs Abneigung gegen Rosenberger zeigte. Ich vermute, dass Rosenberger seinen messerscharfen Zynismus verwendet hatte, der voll ins Schwarze traf.

Hans Kalbs Leserbrief in Gänze:

„Sehr geehrter Herr Bensemann!
Durch Freundlichkeit eines hiesigen Sportmannes wurde ich auf einen Artikel des ‚Westdeutschen Sport‘, den Herr Rosenberger geschrieben hat, aufmerksam gemacht. Näher auf diese Gehässigkeiten einzugehen, liegt mir vollständig fern. Ich möchte nur Herrn Rosenberger persönlich einige Worte ins Stammbuch schreiben.
Erstens: Herr Rosenberger scheint an einer sehr, sehr großen Einbildung zu leiden, denn ich glaube, er wird in Basel sich nicht zu schämen brauchen, ein Deutscher zu sei, da ja doch die wenigsten seine große Persönlichkeit kennen, und die andern m. E. ebenso wenig nach ihm fragen werden.
Zweitens: Was das Schämen anbelangt, so liegt das einzig du allein auf unserer Seite, denn ein unverantwortlicher Leichtsinn von uns war es, ein derartiges Prachtexemplar von einem Landsmann, dazu noch einen Bayern!, so ohne weiteres in die Ferne ziehen zu lassen……
Mit der Bitte um Aufnahme dieser Zeilen, Ihr gez. H. Kalb, zugleich im Namen der anderen geehrten Spieler.
P.S. In Zukunft kann sich Herr Rosenberger seine Begrüßung und Glückwünsche à la Leipzig (nach dem Pokalsieg) ersparen, da dies letzten Endes nur ein schiefes Licht auf seinen Charakter werden könnte. H.K.“
(Quelle: Kalb, Hans: [Leserbrief an den Kicker]. In: Kicker 42 (20.10.1925). S. 1469-1473, hier S. 1473.)