Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Deutschland gegen die Vorbereitung des Atomkrieges

Westdeutsches Friedenskomitee (Hg.): Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik [Deutschland] gegen die Vorbereitung des Atomkrieges. Eine Dokumentation. Düsseldorf 1955.

Das stand auf einem Heftchen, das ich vor einigen Jahren in einem Antiquariat sah. Ich kaufte es, ohne hingesehen und darin gelesen zu haben.

Nun habe ich es eingescannt, für euch zum Downloaden (pdf-Datei, 44 MB)

Aber keine Quelle ohne Einordnung.

“Atoms for Paradise”

“Angesichts der Tatsache, daß in einem künftigen Weltkrieg Kernwaffen bestimmt benutzt werden würden und daß derartige Waffen das Fortbestehen der Menschheit bedrohen, fordern wir die Regierungen, der ganzen Welt auf, einzusehen und öffentlich einzugestehen, daß ein Weltkrieg ihren Zielen nicht förderlich sein kann. Weiterhin fordern wir sie auf, friedliche Mittel aufzufinden, um alle Streitsachen zwischen sich zu schlichten.”

So endet das Russell-Einstein-Manifest, das kurz vor Albert Einsteins Tod von mehreren Wissenschaftlern unterzeichnet und am 9. August 1955 veröffentlicht wurde. (Link zum vollständigen Wortlaut des Manifestes auf Deutsch.) Kurz vor der ersten Atomenergie-Konferenz der UN, die am 8. August 1955 in Genf stattfand.

Auf dieser Konferenz wurde der Abwurf beider Atombomben über Japan 10 Jahre zuvor thematisiert. Doch es ging nicht um die Abrüstung und ein Verbot der Atomkraft, wie man meinen könnte. Nein, es ging vielmehr um eine sinnvolle Nutzung der Atomenergie im Alltag. US-Präsident Eisenhower proklamierte den Beginn eines neuen Zeitalters, in dem Atomenergie für den Frieden benutzt werde. (Transkript und Audioaufnahme sind derzeit noch bei archive.org aufbewahrt.) Das klingt genauso absurd wie die Tatsache, dass Menschen im 1. Weltkrieg auf ihre Hausdächer kletterten, um diese neue Waffe mit eigenen Augen begutachten zu können: Flugzeuge, die Bomben abwerfen.

Atomare Waffen in der unmittelbaren Nachkriegszeit

Das Westdeutsche Friedenskomitee

Am 5. Mai 1949, wenige Monate vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland, gründen mehrere Friedensaktivist*innen das Westdeutsche Friedenskomitee. Die meisten von ihnen sind Mitglied der kommunistischen Partei Deutschlands und damit stand das Komitee in den folgenden Jahren unter dem Generalverdacht, die noch junge neue CDU-regierte Republik revolutionieren und in eine kommunistische Republik wie die DDR umzuwandeln. Schließlich sei das Westdeutsche Friedenskomitee nach dem Vorbild seines Pendant in der damaligen sowjetischen Besatzungszone gegründet worden. So kam es 1952 zu ersten Ermittlungsverfahren gegen das Westdeutsche Friedenskomitee.

1959-1960 folgte ein weiterer und diesmal umfangreicher Prozess gegen die Initiative, die mittlerweile den Namen Friedenskomitee der Bundesrepublik Deutschland trug. Angeklagt waren die vorsitzenden Personen des Friedenskomitee als Rädelsführer*innen einer verfassungsfeindlichen Organisation. Die KPD war zu diesem Zeitpunkt bereits verboten. 1960 erhielten fast alle Personen Bewährungsstrafen. (Weiterführende Literatur: Tenfelde, Christopher R.: Der Düsseldorfer Prozess gegen das westdeutsche Friedenskomitee. Kategorien für die strafrechtliche Verfolgung von Kommunisten. In: Sonja Begalke u.a. (Hgg.): Der halbierte Rechtsstaat. Demokratie und Recht in der früheren Bundesrepublik und die Integration von NS-Funktionseliten. Baden-Baden 2015. S. 211-222.)

Der Beginn des Kalten Krieges

Nachdem die Sowjetunion im Spätsommer 1949 eine eigene Atombombe zündete, war der Weltfrieden in Gefahr. Die USA und die UdSSR mit ihren unterschiedlichen politischen Ideologien standen sich schon die Jahrzehnte zuvor konträr gegenüber. Mit Beginn des Koreakrieges am 25. Juni 1950 begannen dann die Kriegshandlungen eines Krieges, der im Nachhinein als Kalter Krieg in die Geschichtsbücher einging, aber währenddessen sehr feurig-atomar erschien. Wenngleich Mitte der 1950er Jahre eine Pattsituation im Wettrüsten erreicht war.

Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik [Deutschland] gegen die Vorbereitung des Atomkrieges

1955 erschien vom Westdeutschen Friedenskomitee obige Schrift, in Düsseldorf gedruckt. Ein weiteres, dazugehörige Broschüre ist gleichzeitig unter dem Titel “Fragen und Antworten. Die Weltkampagne gegen die Vorbereitung des Atomkrieges” erschienen.

Im gleichen Jahr wird der Stockholmer Appell veröffentlicht, der von den kommunistischen Parteien Westeuropas getragen wird. Der Inhalt des Appells: Vernichtung aller Vorräte an Atomwaffen und Einstellung der Produktion. 

Auch das schon erwähnte Russell-Einstein-Manifestes wurde 1955 veröffentlicht. Darin warnen der Philosoph Bertrand Russell und der Physiker Albert Einstein mit elf weiteren bekannten Wissenschaftlern vor den katastrophalen Gefahren der Atomkraft. Sie fordern von den USA und der UdSSR und allen anderen Ländern, eine friedliche Lösung zu suchen, fernab der Atomkraft.

US-Atomwaffen in der Bundesrepublik? Die Friedensappelle nahmen zu.

1953 fand der erste Test mit Atomic Annie statt, einer Nuklear-Granate, an der die USA der Jahre gearbeitet hatten. Kurz danach fragten sie bei der bundesdeutschen Regierung an, ob sie in Deutschland Artilleriegeschützen stationieren dürfen, die auch zum Abschuss von Atomgranaten geeignet seien. Die Bundesregierung stimmte zu.

Erst 1957 wurden die Pläne der Bundesregierung in der breiten Bevölkerung bekannt. Damit begann die Friedensbewegung in Deutschland Fahrt aufzunehmen. Im April 1957 veröffentlichten 18 bekannte Wissenschaftler Deutschlands die Göttinger Erklärung (Skript) und forderten darin, die Atomenergie nur für zivile Projekte zu nutzen. Kurz zuvor hatte die Bundesregierung ihre Pläne veröffentlicht, nicht nur US-Waffen zu stationieren, sondern auch die Bundeswehr mit Atomwaffen zu bestücken, weil… nun ja, weil’s andere auch taten und man ja mit dem Zeitgeist Schritt halten wollte.

Die Bundesregierung rückte nicht von ihren Plänen ab und verabschiedete am 25. März 1958 den Beschluss. Wenige Tage später bildete sich die Initiative “Kampf dem Atomtod”, in der Personen aus unterschiedlichen Berufsgruppen sich zusammengeschlossen hatten und mit Veröffentlichungen und Demonstrationen die Bundesregierung zu einem Umdenken bringen wollten. Durch eine gemeinsame Strategie war aber auch diese Bewegung nicht zielgerichtet und effektiv.