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Der Fall Dr. Claudia Umpiérrez

#FussballKannMehr, nicht nur in Deutschland. Seit Ende 2020 gibt es um Dr. Claudia Umpiérrez in Uruguay einen Fall, der im deutschsprachigen Raum kaum Beachtung findet. Grund genug, um – ganz sachlich – die Ereignisse zusammenzufassen.

Im Mittelpunkt steht Dr. Claudia Umpiérrez, die seit Jahren beste uruguayische Schiedsrichterin. Im Fußball (f) nimmt sie regelmäßig an allen großen Terminen teil. Im Fußball (m) wird sie ebenfalls national auf der höchsten Ebene eingesetzt, meistens aber als 4. Offizielle und nicht als Schiedsrichterin auf dem Platz.

Umpiérrez ist promovierte Juristin und arbeitet als Anwältin und in einer Bank. 1983 wurde sie in eine fußballbegeisterte Familie mit Schiedsrichter*innen, Trainer*innen und Spieler*innen geboren. Ihren ersten Einsatz in der Primera Division (m) hatte sie am 4. September 2016. Sie ist seit 2014 Mutter.

Eine Chronologie der Ereignisse

Hinweis: Die Fußnoten sind am Ende des Beitrags genannt.

Header: 📸 instagram/@draclau06

2020

🔘 vor dem 4. Dezember: “Während der Wahlperiode ließen sie mich direkt und indirekt wissen, dass mein Kopf rollen würde, wenn ich die Wahl nicht gewänne.“ [14]

🔘 4. Dezember: Es finden die Wahlen des Schiedsrichter*innengremiums (Audaf) statt. Claudia Umpiérrez, beste Schiedsrichterin des Landes und seit einigen Jahren Schiedsrichterin in der 1. Männerliga in Uruguay, tritt als Kandidatin an. Sie verliert aber knapp mit 62 zu 67 gegen Yimmy Álvarez. [13]

🔘 Ein paar Tage später: Die AUF (uruguayischer Fußballverband) gibt die Beförderungen und Degradierungen der Schiedsrichter*innen bekannt. [13]

🔘 23. Dezember: Es findet eine virtuelle Versammlung mit einem Teil der Audaf statt, an dem auch Anwälte teilnehmen. Die degradierten Schiedsrichter*innen nennen ihre jeweilige Begründung, die die Audaf ihnen gegenüber geäußert hat.“ [13]

2021

🔘 17. Januar: In der Sportsendung „Polideportivo“ des uruguayischen Fernsehsenders Canal 12 kritisiert Claudia Umpiérrez die Kriterien, mit denen die Audaf im Dezember über den Beförderungen und Degradierungen von uruguayischen Schiedsrichter*innen entscheiden wurde.

Sie sagt, es gebe Hinweis, „dass es unregelmäßige, illegale, ungerechtfertigte usw. Relegationen gegeben hat“. Und weiter: „Es war nicht so, dass die Schiedsrichter wegen ihrer schlechten Leistungen aus den Kategorien verwiesen wurden, sondern die Schiedsrichterkommission teilte den Schiedsrichtern mit, dass sie einem Mandat der AUF nachkommen, weil sie eine Umstrukturierung eingeleitet hatten und sie aufgefordert wurden, die Anzahl der Schiedsrichter in den Kategorien einseitig zu reduzieren. [Dieser Vorschlag] wurde nie mit den Schiedsrichtern verhandelt oder vereinbart.” [13]

🔘 18. Januar: Es folgt ein Medienecho, denn es ist Schiedsrichter*innen in Uruguay nicht erlaubt, sich öffentlich über interne Belange zu äußern. [13]

🔘 26. Februar: Die AUF macht bekannt, dass sie zu den Aussagen von Umpiérrez im Januar einen Fall eröffnet und bald mit Ermittlungen begonnen wird. Umpiérrez wird damit aber nicht von Einsätzen im uruguayischen Fußball ausgeschlossen. [13] Aber, am gleichen Tag, …

🔘 26. Februar: Umpiérrez wird von der Conmebol von der Teilnahme des Libertadores Cup (w) ausgeschlossen, weil keine Schiedsrichter*innen eingesetzt werden, gegen die ermittelt wird. [1]

🔘 2. März: Die Anwälte der AUF beginnen, die Ermittlungen im Fall Umpiérrez aufzunehmen. [13]

🔘 Im März: “Als sie das Schnellverfahren einleiteten, rief mich niemand an. Ich war sehr enttäuscht, vor allem von Menschen, die ich als Freunde betrachtete, weil sie sich von mir abwandten. Ich weiß, dass es Leute gibt, die mir aus Angst nicht geschrieben haben, und jetzt haben sie es getan.”[14]

🔘 Im März: Sie wird aus der CONMEBOL-Whatsapp-Gruppe gelöscht. [14]

🔘 21. April: Claudia Umpiérrez hat eine Qualifikation für die Olympischen Spiele, wird aber nun nachträglich on der Liste gestrichen. Grund sind auch hier die Ermittlungen der AUF gegen sie. Umpiérrez äußert sich wieder öffentlich, diesmal im uruguayischen Radiosender Sport 890: “Diejenigen von uns, die gegen Marcelo De León [Vorsitzender der Audaf] sind, dessen Karriere ist vorbei” [2].

🔘 Ein paar Tage nach dem 21. April: Marcelo De Leon lässt Umpiérrez aus dem VAR-Kurs entfernen. [14]

🔘 11. Mai: Uruguays Ministerin für Tourismus und Sport, Liliam Kechichian, gibt beim Radiosender Sport 890 an, dass Claudia Umpiérrez ihr sagte, dass ihr 12% weniger bezahlt als ihren männlichen Kollegen in Uruguay. Deshalb habe sie die AUF aufgefordert, sich ihr zu erklären. [3]

🔘 12. Mai: Der uruguayische Fußballverband teilt mit: “Die FIFA hat Gehaltskategorien für internationale weibliche Schiedsrichter festgelegt und tatsächlich werden [sie] 12% weniger bezahlt als internationale männliche Schiedsrichter. Wenn Umpiérrez Spiele des Männerturniers in Uruguay pfeift, wird sie genauso bezahlt wie die anderen Schiedsrichter der ersten Kategorie, aber nicht als internationale Schiedsrichterin, weil sie keine internationale Schiedsrichterin auf Männerebene ist.” [4]

🔘 14. Mai: Umpiérrez wird für 4 Spiele gesperrt. Sie kündigt an, in Berufung zu gehen. [5]

🔘 20. Mai: In Uruguay gibt Claudia Umpiérrez nicht klein bei und weist auf die Situation der Frauen im Sport hin, da sie versteht, dass es Ungleichheiten gegenüber den Männern gibt. Sie hält einen Vortrag am Instituto Nacional de Inclusión Social Adolescente über die Gleichstellung der Geschlechter im Sport. Sie erklärte: “Sport ist nicht für Mädchen oder für Jungen. Sport wird als etwas Männliches angesehen, aber das sollte er nicht sein.” [6]

🔘 24. Mai: Claudia Umpiérrez wird erneut angehört, letztendlich wird aber ihre Sperre bestätigt. Ihr Grund wird als „Nichtigkeit“ bezeichnet. Nun kommt der Fall an das Berufungsgericht. [7]

🔘 7. Juni: Der Berufungsausschuss des AUF erklärt die Suspendierung von Claudia Umpiérrez für null und nichtig. Stattdessen prangerte es Unregelmäßigkeiten und Schlampereien(!) an, mit denen die Schiedsrichterakten geführt werden. [8]

Übersetzung des Freispruchs:
“Die Berufungskommission entschied einstimmig:
1.- das Nichtvorliegen eines Grundes für die Einleitung eines Eilverfahrens gegen die Schiedsrichterin Dr. Claudia Umpiérrez festzustellen und dieses Verfahren mit der Begründung einzustellen, dass ihr bei ihren Äußerungen in der von Kanal 12 am 17. Januar dieses Jahres ausgestrahlten Sendung “Polideportino” kein Verwaltungsfehler unterlaufen ist.
2. den Beklagten, die Schiedsrichterkommission als das Organ, das die Zusammenfassung angeordnet hat, den Uruguayischen Fußballverband und die CONMEBOL zu informieren, Akten abgeschlossen.
Anmerkung: Es wird festgehalten, dass das positive Votum der Mitglieder des Beschwerdeausschusses aufgrund der Einschränkungen, die sich aus dem aktuellen gesundheitlichen Notfall ergeben, elektronisch und ohne ihre physische Unterschrift eingegangen ist”.

🔘 8. Juni: Umpiérrez spricht mit fútbol-uy über ihre letzten Monate. Sie sagt: “Ich war überzeugt, dass ich in einer Situation lebte, die ich niemals hätte leben sollen. Ich habe nie jemandem Unrecht getan oder gegen irgendwelche Regeln verstoßen. Meine Akte war immer sauber und ich hatte nie ein disziplinarisches Problem in meiner Schiedsrichterkarriere. Ich wusste, dass es andere zugrunde liegende Probleme gab, und ich war überzeugt, dass sich die Dinge irgendwann ändern würden, aber es fiel mir schwer. Das waren graue Tage, mit viel Angst und Einsamkeit”, erinnert sie sich.[9]

8. Juni: Senatorin Liliam Kechichian freut sich sehr auf Twitter über das Urteil der Berufungskommission.


“Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan!!!
Die Beschwerde begründete die Schiedsrichterin Claudia Umpierrez und berücksichtigt keinen Grund für die Zusammenfassung.
Der Schaden, der dadurch entsteht, ist jedoch groß.
Ich freue mich, mit der Frauen-Zweikammerbank dazu beigetragen zu haben, die Situation sichtbarer zu machen!!!”

Mit Schaden meint sie Umpierrez verpasste Möglichkeit, am Copa Libertadores (f) und den Olympischen Spielen teilzunehmen. Und die durch die AUF-Sperre verpassten Spiele.

🔘 9. Juni: Claudia Umpiérrez verkündet, den Umgang mit ihr vor Gericht zu bringen. „Ich habe eine Tochter und lehre sie als Werte, dass sie eine Kämpferin sein und für ihre Überzeugungen kämpfen muss. Meine Anwälte werden die letzten Konsequenzen weiterführen.”
Weiters ergänzt sie: “Es war sehr schwierig für mich, dorthin zu gelangen, wo ich bin. Ich schulde niemandem Gefallen, deshalb bin ich frei. Ich werde zu den letzten Konsequenzen fortfahren, obwohl es Schäden gibt, die nicht repariert werden. […] Es tat mir sehr weh, dass mir Rechtsberatung verweigert wurde, zum Glück konnte ich für eine Verteidigung bezahlen. Ich werde weiterhin die 57 Schiedsrichter verteidigen, die für mich für eine Richtlinie gestimmt haben.”
Außerdem dankt sie Liliam Kechichian für die Unterstützung. [10] [Der Artikel wurde einen Tag später offenbar gelöscht.]

🔘 9. Juni: Der aktuelle Vorsitzende der Audaf, Sergio Pérez Lauro, äußerte sich enttäuscht um die Entscheidung. Er verweist darauf, dass sich Schiedsrichter*innen in Uruguay nicht zu Interna äußern (“Ich werde das Urteil nicht kommentieren, weil es mir nicht erlaubt ist, dies zu tun.”), sagt aber dann: “Wir [Audaf] waren einstimmig der Meinung, dass eine Unregelmäßigkeit begangen wurde, und deshalb haben wir die Untersuchung eingeleitet.” Die Audaf musste reagieren und hatte keine andere Möglichkeit. Er ergänzt: “Wir [Audaf] fühlen uns geschädigt.” [11]

🔘 10. Juni: Im Gespräch mit dem Radiosender Sport 890 sagte sie: “Ich werde nicht schweigen, ich bin die Vorsitzende meiner Gewerkschaft und ich verteidige meine Kollegen. Ich werde weiterhin die Claudia sein, die 2003 mit ganzem Herzen dabei war. Es gibt Prinzipien und Werte, die nicht verhandelbar sind” [12]

🔘  “Ich hatte einen Austausch mit dem AUDAF-Vorstand, der nicht sehr glücklich war, weil ich ihnen wie immer gesagt habe, was ich fühle und ich halte nicht den Mund.“

Ich werde diesen Beitrag um die künftigen Ereignisse ergänzen.

Fußnoten

[1] Caso Umpierrez: AUF nombró sumariante ajeno al fútbol la defensa de la jueza argumenta falta de garantías (The World News)

[2] Tweet von @SebasGiovanelli

[3] Tweet von @SebasGiovanelli

[4] Daniel Rosa: ¿Por qué Claudia Umpiérrez gana 12% menos que los árbitros internacionales? (Ovacion Digital)

[5] Daniel Rosa: Claudia Umpiérrez fue suspendida cuatro partidos, pero apelará la sanción (Ovacion Digital)

[6] Juan José Díaz: Claudia Umpiérrez: charla sobre igualdad de género y visita al Parlamento mientras cumple su sanción (Referí)

[7] Tweet von @Bambino627

[8] Tweet von @Bambino627

[9] “No me voy a callar nunca”, afirmó Claudia Umpiérrez tras el fallo que anuló su sumario (Fútbol-uy)

[10] [Wurde am 10.06.21 offenbar gelöscht] Mis abogados van a seguir hasta las Ultimos consequences (Republica)

[11] Presidente del colegio de árbitros: “La Dra. Umpiérrez tuvo todas las garantías en el proceso. Nos sentimos agraviados” (Sport 890)

[12] Tweet von Sport890

[13] Luis Eduardo Inzaurralde: Conmebol hizo detonar una bomba en la AUF: bajó a Umpiérrez de la Libertadores (Referí)

[14] Claudia Umpierrez: “Mis problemas empezaron cuando declaré públicamente que Marcelo De León no podía ser “policía y ladrón” (Sport 890)

Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Deutschland gegen die Vorbereitung des Atomkrieges

Westdeutsches Friedenskomitee (Hg.): Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik [Deutschland] gegen die Vorbereitung des Atomkrieges. Eine Dokumentation. Düsseldorf 1955.

Das stand auf einem Heftchen, das ich vor einigen Jahren in einem Antiquariat sah. Ich kaufte es, ohne hingesehen und darin gelesen zu haben.

Nun habe ich es eingescannt, für euch zum Downloaden (pdf-Datei, 44 MB)

Aber keine Quelle ohne Einordnung.

“Atoms for Paradise”

“Angesichts der Tatsache, daß in einem künftigen Weltkrieg Kernwaffen bestimmt benutzt werden würden und daß derartige Waffen das Fortbestehen der Menschheit bedrohen, fordern wir die Regierungen, der ganzen Welt auf, einzusehen und öffentlich einzugestehen, daß ein Weltkrieg ihren Zielen nicht förderlich sein kann. Weiterhin fordern wir sie auf, friedliche Mittel aufzufinden, um alle Streitsachen zwischen sich zu schlichten.”

So endet das Russell-Einstein-Manifest, das kurz vor Albert Einsteins Tod von mehreren Wissenschaftlern unterzeichnet und am 9. August 1955 veröffentlicht wurde. (Link zum vollständigen Wortlaut des Manifestes auf Deutsch.) Kurz vor der ersten Atomenergie-Konferenz der UN, die am 8. August 1955 in Genf stattfand.

Auf dieser Konferenz wurde der Abwurf beider Atombomben über Japan 10 Jahre zuvor thematisiert. Doch es ging nicht um die Abrüstung und ein Verbot der Atomkraft, wie man meinen könnte. Nein, es ging vielmehr um eine sinnvolle Nutzung der Atomenergie im Alltag. US-Präsident Eisenhower proklamierte den Beginn eines neuen Zeitalters, in dem Atomenergie für den Frieden benutzt werde. (Transkript und Audioaufnahme sind derzeit noch bei archive.org aufbewahrt.) Das klingt genauso absurd wie die Tatsache, dass Menschen im 1. Weltkrieg auf ihre Hausdächer kletterten, um diese neue Waffe mit eigenen Augen begutachten zu können: Flugzeuge, die Bomben abwerfen.

Atomare Waffen in der unmittelbaren Nachkriegszeit

Das Westdeutsche Friedenskomitee

Am 5. Mai 1949, wenige Monate vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland, gründen mehrere Friedensaktivist*innen das Westdeutsche Friedenskomitee. Die meisten von ihnen sind Mitglied der kommunistischen Partei Deutschlands und damit stand das Komitee in den folgenden Jahren unter dem Generalverdacht, die noch junge neue CDU-regierte Republik revolutionieren und in eine kommunistische Republik wie die DDR umzuwandeln. Schließlich sei das Westdeutsche Friedenskomitee nach dem Vorbild seines Pendant in der damaligen sowjetischen Besatzungszone gegründet worden. So kam es 1952 zu ersten Ermittlungsverfahren gegen das Westdeutsche Friedenskomitee.

1959-1960 folgte ein weiterer und diesmal umfangreicher Prozess gegen die Initiative, die mittlerweile den Namen Friedenskomitee der Bundesrepublik Deutschland trug. Angeklagt waren die vorsitzenden Personen des Friedenskomitee als Rädelsführer*innen einer verfassungsfeindlichen Organisation. Die KPD war zu diesem Zeitpunkt bereits verboten. 1960 erhielten fast alle Personen Bewährungsstrafen. (Weiterführende Literatur: Tenfelde, Christopher R.: Der Düsseldorfer Prozess gegen das westdeutsche Friedenskomitee. Kategorien für die strafrechtliche Verfolgung von Kommunisten. In: Sonja Begalke u.a. (Hgg.): Der halbierte Rechtsstaat. Demokratie und Recht in der früheren Bundesrepublik und die Integration von NS-Funktionseliten. Baden-Baden 2015. S. 211-222.)

Der Beginn des Kalten Krieges

Nachdem die Sowjetunion im Spätsommer 1949 eine eigene Atombombe zündete, war der Weltfrieden in Gefahr. Die USA und die UdSSR mit ihren unterschiedlichen politischen Ideologien standen sich schon die Jahrzehnte zuvor konträr gegenüber. Mit Beginn des Koreakrieges am 25. Juni 1950 begannen dann die Kriegshandlungen eines Krieges, der im Nachhinein als Kalter Krieg in die Geschichtsbücher einging, aber währenddessen sehr feurig-atomar erschien. Wenngleich Mitte der 1950er Jahre eine Pattsituation im Wettrüsten erreicht war.

Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik [Deutschland] gegen die Vorbereitung des Atomkrieges

1955 erschien vom Westdeutschen Friedenskomitee obige Schrift, in Düsseldorf gedruckt. Ein weiteres, dazugehörige Broschüre ist gleichzeitig unter dem Titel “Fragen und Antworten. Die Weltkampagne gegen die Vorbereitung des Atomkrieges” erschienen.

Im gleichen Jahr wird der Stockholmer Appell veröffentlicht, der von den kommunistischen Parteien Westeuropas getragen wird. Der Inhalt des Appells: Vernichtung aller Vorräte an Atomwaffen und Einstellung der Produktion. 

Auch das schon erwähnte Russell-Einstein-Manifestes wurde 1955 veröffentlicht. Darin warnen der Philosoph Bertrand Russell und der Physiker Albert Einstein mit elf weiteren bekannten Wissenschaftlern vor den katastrophalen Gefahren der Atomkraft. Sie fordern von den USA und der UdSSR und allen anderen Ländern, eine friedliche Lösung zu suchen, fernab der Atomkraft.

US-Atomwaffen in der Bundesrepublik? Die Friedensappelle nahmen zu.

1953 fand der erste Test mit Atomic Annie statt, einer Nuklear-Granate, an der die USA der Jahre gearbeitet hatten. Kurz danach fragten sie bei der bundesdeutschen Regierung an, ob sie in Deutschland Artilleriegeschützen stationieren dürfen, die auch zum Abschuss von Atomgranaten geeignet seien. Die Bundesregierung stimmte zu.

Erst 1957 wurden die Pläne der Bundesregierung in der breiten Bevölkerung bekannt. Damit begann die Friedensbewegung in Deutschland Fahrt aufzunehmen. Im April 1957 veröffentlichten 18 bekannte Wissenschaftler Deutschlands die Göttinger Erklärung (Skript) und forderten darin, die Atomenergie nur für zivile Projekte zu nutzen. Kurz zuvor hatte die Bundesregierung ihre Pläne veröffentlicht, nicht nur US-Waffen zu stationieren, sondern auch die Bundeswehr mit Atomwaffen zu bestücken, weil… nun ja, weil’s andere auch taten und man ja mit dem Zeitgeist Schritt halten wollte.

Die Bundesregierung rückte nicht von ihren Plänen ab und verabschiedete am 25. März 1958 den Beschluss. Wenige Tage später bildete sich die Initiative “Kampf dem Atomtod”, in der Personen aus unterschiedlichen Berufsgruppen sich zusammengeschlossen hatten und mit Veröffentlichungen und Demonstrationen die Bundesregierung zu einem Umdenken bringen wollten. Durch eine gemeinsame Strategie war aber auch diese Bewegung nicht zielgerichtet und effektiv.